Von Matthias Bosenick (26.03.2026)
Die Relevanz Steve Albinis für den Noiserock ist unabschätzbar, und selbst über dieses schmale Genre hinaus hinterließ der dereinst ebenso schmale Musiker und Produzent tiefe Spuren. Einige erblicken erst posthum – er verstarb 2024 – das offizielle Licht der Welt, zwei aus anderen Genres als dem Noiserock dieser Tage parallel: Interims-Drummer Martin Atkins bringt die „Black Cassette“ der Post-Punks Killing Joke mit einigen Live-Aufnahmen auf der B-Seite als „Extremities: The Albini Demos And Live Beginnings ‘88“ auf Vinyl heraus, die Post-Hardcorer Fugazi reichen ihr späteres Album „In On The Kill Taker“ rein digital als „Albini Sessions (Benefit For Letters Charity)“ nach. Beide Aufnahmen entstanden in Chicago bei Albini.
Killing Joke – Extremities: The Albini Demos And Live Beginnings ’88 – PPIM/Overdrive Records 2026
„Extremities, Dirt And Various Repressed Emotions“ aus dem Jahr 1990 gilt in vielen Kreisen trotz späterer Ausflüge der Engländer in die Nähe des Metal als das härteste, mindestens kompromissloseste Album von Killing Joke. Es entstand in einer Umbruchphase, nach der zweiten von wie vielen Trennungen, in der Folge von Colemans Quasi-Soloalbum „Outside The Gate“ und in veränderter Besetzung, nämlich mit Martin Atkins von Pigface und PiL am Schlagzeug, der als heutiger Direktor des PPIM, des Post Punk & Industrial Museum in Chicago, die Veröffentlichung dieser Archivschätze lancierte. Und er tat gut daran.
Alles auf der A-Seite mit den Albini-Demos ist instrumental, man hört offenbar lediglich Atkins und Gitarrist Geordie Walker. „Money“, noch ohne „Is Not Our God“, hat hier einen derbe fuzzy Bass, den ja auch Geordie gespielt haben muss. Das nie weiter ausgearbeitete „Unreleased“ verführt mit klickernden Drums im Hüpferhythmus und Geordies typischer Gitarre, brachial, melodiös, voller Effekte und Ideen. „Scrape/North Of The Border“ mit diesem stolpernden Beat und der Snare auf der Vier rotzt und rumpelt. Der Sound des Schlagzeugs auf diesen Demos ist gar nicht so typisch Martin Atkins, sondern sehr an Killing Joke angepasst, man hätte ihn sonst nicht erkannt. Zuletzt der „Reflex Mix“ von „Money Is Not Our God“, in den gedubbte Tape-Glitches eingefügt sind. Der Track ist bereits bekannt als „Hideous Mix“, erschienen ursprünglich auf dem Reflex-Label, und zwar als Flexi-7“ mit „Special (Live)“ von den Violent Femmes als A-Seite, und 2007 auf der Compilation „Inside Extremities, Mixes, Rehearsals And Live“, wo auch schon der erste Track dieser A-Seite enthalten war.
An der B-Seite ist Albini erstmal nicht beteiligt, sie enthält Auszüge aus dem allerersten – sogar geheimen – Konzert, das Atkins mit Killing Joke gab, und zwar im Burberrie’s in Birmingham am 20. Dezember 1988. Dort spielte die Band – vermutlich mit dem 2007 verstorbenen Paul Raven statt Martin „Youth“ Glover am Bass – die hier enthaltenen Songs erstmals vor Publikum: „Extremities“, „The Fanatic“, „Intravenous“ und „Beautiful Dead. Das Album dazu war noch in weiter Ferne, „The Fanatic“ schaffte es sogar nie darauf, ist als Demo-Version aber auf der Bonus-CD der 2007 veröffentlichten Variante des Albums zu finden, neben weiteren Demos, die allesamt nicht von Albini betreut wurden. Bis dahin galt der Song stets als Geheimnis, als unveröffentlichtes Rätsel, allerhöchstens auf obskuren Bootlegs zu finden. Bedauerlicherweise ist der Sound dieser Liveaufnahmen nicht der beste, aber als Dokument sind sie mehr als reizvoll. Der knackige Bass, die typisch unüblichen Gitarren und das explosive Schlagzeug nebst Jaz Colemans beschwörendem Gesang erfasst man ja dennoch. Und es gibt leichte Abweichungen von den LP-Versionen, einige Gitarrenfiguren, der Mittelteil und Jaz‘ Lache in „Intravenous“ etwa.
Da mit dem Tod von Geordie im Jahre 2023 die Existenz von Killing Joke zwar nicht endete, aber auch nicht fortgeführt wird, freut man sich ja über alles, was man von dieser Band noch zu hören bekommt. Ein Dokument wie dieses – zumal auf schönem buntem Vinyl – findet in der Sammlung einen besonderen Platz. Nach „Extremities“ war mit Killing Joke überdies abermals, und nicht letztmals, Schluss, das erst 1994 losgetretene „Pandemonium“ nahm die Härte seines Vorgängers wuchtig auf.
Fugazi – Albini Sessions (Benefit For Letters Charity) – Discord 2026
Was Fugazi betrifft, sitzen wir alle seit 2001 im Wartezimmer – neue Alben gibt es einfach nicht, dabei hat sich die Band offiziell nie getrennt. Umso erfreulicher ist nun also die Veröffentlichung der Albini-Demos zum Album „In On The Kill Taker“, das die zögerliche Abkehr vom groovebetonten Post-Hardcore hin zum experimentellen, beinahe Jazz-nahen Avantgarde-Punkrock anbahnt. Hier bekommt Albinis Steckenpferd, der Noiserock, die größere Ausprägung als bei Killing Joke. Sogar NoMeansNo mag man hier durchdringen hören, auf die Fresse gibt’s zwischen den kontemplativen Experimenten auf jeden Fall immer noch erheblich.
1992 juckelte das Quartett von Washington nach Chicago, um mit Albini herumzuexperimentieren – und heraus kamen plötzlich die Aufnahmen von satten zwölf Songs. Von denen alle Beteiligten, also auch der Produzentenheld selbst, anschließend jedoch der Meinung waren, sie seien zu flach, weshalb das offiziell dritte Album „In On The Kill Taker“ 1993 als komplette Neueinspielung und in veränderter Trackreihenfolge herauskam.
Flach, das ist vielleicht Geschmackssache. Die Aufnahmen sind klar, transparent, selbst der Noise lässt es zu, dass man diese Musik erfassen kann. Man bekommt den Eindruck, mitten unter ihnen im Studio zu sein, als Teil der Aufnahme. Die Stücke haben eine Unmittelbarkeit, als geschähen sie um die Hörenden herum, als befinde man sich mitten in ihnen. „In On The Kill Taker“ ist natürlich ein Zeitdokument, ein wichtiges Album für den Hardcore, den Post-Hardcore, den Indierock, den Noiserock, das offenbart, wie man mit dem selbst in die Welt gesetzten Erbe umgehen kann, wenn man nicht auf der Stelle treten will, und die folgenden Alben von Fugazi untermauerten diese Vorgehensweise ja nur. Das Album ist ein Scharnier im kreativen Wirken der Band.
Und wie großartig auch der wechselnde Gesang der beiden Gitarristen und Sänger Guy Picciotto und Ian Mackaye hier wirkt, der eine schreit mehr, der andere hält sich etwas bedeckter, Energie stoßen sie beide aus. Joe Lally am Bass und Brendan Canty am Schlagzeug sichern den groovenden Unterbau. Am Sound dieser rein digital veröffentlichten Demos gibt es nichts auszusetzen, eine physische Veröffentlichung wäre ein noch größeres Geschenk.



