Von Onkel Rosebud
Meine Freundin hat sich schon immer gefragt, warum in jeder Schule der gleiche Geruch in der Luft hängt. Sie hat eine Mischung aus billigem Waschmittel, Kotze, Früchtetee und Sperma identifiziert. Ich konnte ihr darauf keine befriedigende Antwort geben, lockte sie aber mit dem Hinweis, dass, wenn Serien riechen könnten, „Adolescence“ wäre das ungelüftete Schulhaus.
Bevor sich zuerst Unbehagen, dann Verstörung und schließlich Beklemmung einstellen, wird man als Publikum mittels wackelnder Handkamera quasi in die Szenerie gestoßen, ist hautnah dabei, wenn die Polizei das Elternhaus stürmt, wenn der Junge sich während seiner Verhaftung aus Angst einnässt und schließlich zum ersten Verhör auf die Polizeiwache in Handschellen abgeführt wird. Schnell steht fest, der Dreizehnjährige hat seine Mitschülerin brutal umgebracht. In Folge zwei versucht die Polizei, an der Schule des Mörders das Motiv für seine bereits bewiesene Tat zu ermitteln. Die dritte Episode zeigt eine Psychologin im Zwiegespräch mit dem minderjährigen Täter. Bis die Kamera schließlich in der vierten Episode und 13 Monate nach der Verhaftung die Restfamilie begleitet: Die versucht, trotz der monströsen Tat des Sohnes, ein normales Leben zu führen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Die Serie ist ein Meisterwerk. Jede der vier einstündigen Episoden ist in einem einzigen Take fast ohne Schnitt gedreht.
Es geht um die Onlineradikalisierung von jungen Männern zu frauenhassenden Extremisten. Jünglinge, die radikalisiert werden in dem Glauben, dass Frauen und Aufmerksamkeit ihnen zustehen, eine Welt in Social Media, die der Elterngeneration überhaupt nicht zugänglich ist: über Emojis codiertes Mobbing, erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit bei gleichzeitigem Pornokonsum, absolute Ausgrenzung und Vereinsamung. Es geht um die lebensentscheidende Frage, welche Art von Mann man zu sein hat. Dabei wird die These vertreten, dass 80% der Frauen sich zu 20% der Männer hingezogen fühlen. Für die anderen Männer sind Frauen unerreichbar. Deshalb werden sie in sozialen Medien gemobbt.
„Manche Dinge hat man nicht in der Hand“, ist der letzte Satz, der in der Serie gesprochen wird. Das sagt die Mutter zum Vater des Mörders. Der sitzt auf dem Bett seines Sohnes und heult ins Kissen. Das Publikum heult mit. Meine Freundin hätte sich ein Happy End gewünscht. Aber das gibt’s nur im Film.
Onkel Rosebud
