Was meine Freundin gerne liest – die Literaturkolumne: When a Shagger falls in love, it’s game over: Das Trainspotting-Sequel „Men in Love“

Von Onkel Rosebud

Wer, wie meine Freundin, beim Aufruf der Namen der Protagonisten Mark „Rent Boy” Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Francis „Franco“ Begbie und Daniel „Spud“ Murphy Bescheid weiß, steckt auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem bahnbrechenden Debüt von Irvine Welsh in seinem Leben in „Trainspotting“-Momenten fest. Sein drahtiges, umgangssprachliches und schonungsloses Buch aus der Drogenszene von Leith, einem Stadtteil von Edinburgh, in den Neunzehnhundertachtzigern hat auch heute noch etwas unbestreitbar Nachhallendes und etwas merkwürdig Aktuelles an sich.

Dies lässt sich zum Teil durch das schiere Ausmaß des Erfolgs von „Trainspotting“ erklären. Es war eines dieser seltenen literarischen Ereignisse, bei denen ein von der Kritik gefeiertes, stilistisch gewagtes Buch den kulturellen Zeitgeist so sehr trifft, dass es auch zu einem kommerziellen Sensationserfolg wurde. Nach dem Theaterstück wurde seine kulturelle Bedeutung durch Danny Boyles Verfilmung noch verstärkt. Ein visuelles Werk, das die Ästhetik des Britpop verkörpert: rasantes Tempo, große Kühnheit, starke Nostalgie, bahnbrechender Soundtrack. Wie Ewan McGregor als Renton zu Iggy Pop die Princes Street in „Embrow“ entlang stürmt, bleibt für immer eine Ikone der Popkultur.

Nun ist mit „Men In Love“ (Penguin Random House) der bislang fünfte „Trainspotting“-Ableger nach Porno (2002), Skagboys (2012), The Blade Artist (2016) und Dead Men’s Trousers (2018) erschienen. Der Roman aus dem Jahr 2025 spielt unmittelbar nach dem Drogendeal und dem Verrat, mit dem „Trainspotting“ endet. Man begegnet den Jungs wieder, die in alle Winde verstreut sind. Renton baut sich ein neues Leben in Amsterdam auf, Sick Boy erklimmt in London die soziale Leiter, Spud liest Kant und versucht, ein ruhigeres Leben zu führen, und Begbie pendelt zwischen Gefängnis und Pubs in Leith.

In abwechselnden Kapiteln wird aus der Ich-Perspektive jede der Figuren dabei begleitet, wie sie langsam herausfindet, was das Erwachsenenleben so bereithalten könnte. Renton versucht, sich mit seinem früheren Verhalten auseinanderzusetzen, Spud balanciert zwischen dem aufrichtigen Wunsch nach Veränderung und dem verführerischen Ruf der Sucht, Sick Boy schärft seinen soziopathischen Charme zu einer Waffe im Klassenkampf und Begbie bleibt in seiner Impulsivität und seiner Vorliebe für Gewalt gefangen. Das Ganze gipfelt in einer ausgelassenen Gesellschaftshochzeit, einem tragikomischen Aufeinandertreffen verschiedener Welten, bei dem die alte Garde der Thatcher-Elite von der plötzlichen Anwesenheit des Pöbels angewidert ist, der bildlich gesprochen in ihre Rabatte pinkelt.

Es gibt zahlreiche Momente, in denen Welsh sich von seiner besten Seite zeigt: frech, locker und im Einklang mit dem poetischen Rhythmus des schottischen Slangs. Wenn seine rhetorische Fantasie diese Höhen erklimmt, kann man sich seinem Flair und seiner Unverschämtheit nicht entziehen. Auch hat Welsh sein Gespür für die besonderen Rhythmen und Strukturen der Sucht nicht verloren. Als Spud unerwartet zu Geld kommt, fürchtete meine Freundin um ihn, dass er alles vergeigen wird.

Ansonsten ist „Men In Love“ eine ziemliche Tortur. Und das nicht nur für den gemeinen Mitteleuropäer wegen der Verwendung der schottischen Alltagssprache. Vor allem in den Kapiteln von Spud und Begbie muss man sich beim Lesen jeden Satz laut im Gehirn aufsagen, um zu verstehen, worum es geht. Mit einem Umfang von 534 Seiten kann man sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass „Men In Love“ ein strengeres Lektorat gutgetan hätte. Der ganze Handlungsstrang um Sick Boys Arbeitswelt führt zu keinem signifikanten inhaltlichen Beitrag. Und die Gespräche über die bevorstehenden Umwälzungen des Internetzeitalters im Jahr 1990 sind absolut unglaubwürdig. Auch hing meiner Freundin zum Hals raus, noch eine Geschichte darüber zu erfahren, wie ein Indie-Musiker unter dem Einfluss bunter Pillen beschließt, dass Dance-Musik die Zukunft ist.

Leider hat das Buch auch durchweg eine frauenfeindliche Tendenz. Die provokanten und grenzüberschreitenden Beschreibungen wirken jedoch eher kindisch und peinlich. Beispiel gefällig? Äußerungen wie: „Wenn Frauen schon psychische Probleme haben müssen, und das haben sie, dann ist es immer besser, in Richtung Magersucht als in Richtung Fettleibigkeit zu irren.“ Oder Beschreibungen unvermeidlicher Sexszenen mit „smashing through the tunnel’s hymen“ („durch das Jungfernhäutchen des Tunnels pflügen“). Man gesteht heranwachsenden Männern ja zu, allerlei Unsinn von sich zu geben, aber welchen Leser spricht sowas an, dass Frauen als „Chunky Bird“ („dicke Tussi“) oder „Specky Shaftoid“ („Brillenschlange“) bezeichnet werden. Irvine Welsh hat die diskriminierende Sprache im Nachwort so begründet, dass man damals halt so gesprochen hat und er nicht an Authentizität einbüßen wollte.

Die zentrale Frage aber ist: Warum braucht es überhaupt die Fortsetzung der Handlung nach solch einem historischen Abstand? Mir kommt das nicht richtig vor. Braucht Irvine Welsh Geld? Der andere Grund, warum er weiterhin Geschichten rund um „Trainspotting“ schreibt, ist, dass es sich um beliebte, ikonische Figuren handelt. Beim Publikum besteht offenbar nach wie vor großes Interesse an ihren Abenteuern, sonst wäre der Roman in UK kein Bestseller geworden. Zudem werden nur verschwindend wenige Autoren jemals erfahren, wie es ist, einen so langen Schatten auf die Popkultur zu werfen. Daher wäre es aus Sicht des Rezensenten unhöflich, zu urteilen, dass es das Buch nicht gebraucht hätte. Großes ABER: Wenn man „Men In Love“ im Jahr 2026 liest – unter einer Labour-Regierung, die sich nicht entscheiden kann, ob sie nun Margaret Thatcher oder Tony Blair imitiert –, wird man das Gefühl nicht los, dass dringend eine neue Geschichte geschrieben werden sollte.

Onkel Rosebud