Tonnen von Hall – Donnermesser – Unsung Records 2026

Von Matthias Bosenick (15.06.2026)

„Ein Abdruck vom Messer im Herzen“, das Debüt-Album des Mathcore-Jazz-Trios Tonnen von Hall aus Berlin, hatte satte 21 Tracks, und für die EP „Donnermesser“ wählten die drei Musiker fünf davon aus, um sie – teils mit prominenten Gästen – einer neuen Herangehensweise zu unterwerfen. Der Sound der Gitarren ist jetzt so nahe an den Djent gerückt, dass in Kombination mit den verschachtelt-frickeligen Arrangements schnell der Gedanke an Meshuggah aufkommt. Krass, wie das nur zu dritt so klingen kann, möchte man denken, doch die Gäste tragen zum Sound eine Menge bei: Gitarrist Jan Zehrfeld von Panzerballett, Gitarristin Sally Gates von Titans To Tachyons und Shining-Saxophonist Jørgen Munkeby. Und kein Bass!

Was’n Lärm! Hier sollte man auf keinen Fall auf die Idee kommen, irgendwelche Takte mit dem Kopf mitzunicken, das könnte schmerzhaft werden. Nicht einmal enden, so weit kommt man gar nicht erst, man ist schon vorher komplett zerstört. Die beiden Gitarristen und Experimentalmusikanten Alexander Paul Dowerk und Markus Reuter frickeln sich gegenseitig in den Abgrund, während Asaf Sirkis dazu Takte drischt, mit denen selbst die beiden Mathematikprofessoren nicht gerechnet hätten. All das ergibt dann auch noch eine schlüssige Einheit, bestehend aus energetischen Minimal-Ton-Folgen versetzt mit Gegniedel zu wilden gebrochenen Rhythmen. Interessanterweise generieren die Saitenfrickler die vermeintlichen Riffs nicht auf gewöhnliche Metal-Weise mit gegriffenen Akkorden, sondern mit Touch-Gitarren, also vornehmlich mit Tappings. Aber nicht nur: Dowerk listet noch Obskuritäten wie Kiesel Kyber und Hapas Ashen auf, beides Gitarren immerhin.

Dennoch, der Djent fließt hier aus allen Rillen, und zwar einer, der dem Jazz nahe ist. Was Wunder, wenn man sich dann auch noch Gäste dazuholt, deren Hauptaktivitäten aus mangelnder Kategorisierungsmöglichkeit eben dem Jazz zugeordnet werden: Das Panzerballett ist ja eigentlich eher Metal, Titans To Tachyons im Grunde auch, doch haftet jenem Projekt bereits das Co-Etikett Jazz an, in der Ausprägung nur noch überboten von Shining, Jaga Jazzist, und, na ja, nicht so ganz von Emperor. Das Saxophon indes bereichert den finalen Track „Rauschmitte“ sehr angenehm, mit Wärme statt Dissonanz.

Das Trio betrachtet die sechs Tracks dieser EP – eigentlich fünf, das einminütige „Zwischenstück“ ist neu – nicht als Remixe oder so etwas, sondern als eigenständige Neubearbeitungen. Fetter klingen sie, härter, schwerer, wuchtiger; bei aller Frickelei ist es im Detail gar nicht so einfach, auszumachen, in wieweit das Trio auch an den Arrangements herumschraubte, aber da im Vergleich zum Album einige Elemente verschwanden und viele neu hinzukamen, darf man beinahe nicht nur von Neubearbeitungen ausgehen, sondern von Neukompositionen. Und sich hinterher den Nacken massieren lassen.