Von Matthias Bosenick (15.06.2026)
Und wenn diese Hommage-Reihe von Lucky Luke hundertmal bei den Specials von Spirou & Fantasio abgeguckt ist, die Idee und deren Umsetzung sind gut genug, um sie zu kopieren. Zur Bestätigung sei der achte Band „Die Grimm Brothers“ herangezogen, in dem Flix als Szenarist und Reinhard Kleist als Zeichner die Gebrüder Grimm in den Wilden Westen schicken, um dort erst mit deutschen Märchen zu scheitern und dann mit amerikanischen das Rechtsempfinden ihrer Zuhörer durcheinanderzuwirbeln. Anspielungen, Gags, Zeichnungen, Story: da passt alles.
Die Idee, „Die Grimm Brothers“ in den Kosmos des Lonesome Cowboy zu schicken, hätte auch Morris und Goscinny eingefallen sein können. Jacob und Wilhelm begeben sich auf Lesereise, um ihre Märchenbücher zu verkaufen, du scheitern an der mangelnden Bildung ihres Publikums. Erst, als sie beginnen, lokale Märchen zu sammeln, wendet sich das Blatt – dummerweise empfiehlt ihnen ihr Schutzpatron Lucky Luke ausgerechnet Ma Dalton als Quelle, und die zeichnet natürlich ein lebenswertes Bild von ihren vier missratenen Sprösslingen Joe, William, Jack und Averell, woraus das Publikum der Märchensammler (nicht -erfinder, sie sind ja nicht Hans Christian Andersen) folgert, sie seien ja gar keine schlimmen Verbrecher. Um ihren schlechten Ruf wiederherzustellen, entführen die Daltons die Grimm Brothers, die ihre Märchen geraderücken sollen – und bringen damit weitere Verbrecher auf den Plan, die ebenfalls eine verschlimmerte Biografie auf den Leib geschrieben bekommen wollen. Doch Luke ist natürlich findig, wie immer.
Die Konstellation mit der Lesereise gibt ja schon von sich aus eine Menge an Gags her, mit den Legasthenikern, die den Unterschied zwischen Saloon und Salon nicht verschriftlicht bekommen, mit dem undankbaren Publikum, den empörten Daltons. Doch ist der zwar naheliegende, aber zumeist gut gelöste Meta-Kniff hier, dass es Anspielungen auf Grimms Märchen gibt, und zwar nicht nur vordergründig wie mit dem Pferd Jolly Jumper, das in den Lauten der Bremer Stadtmusikanten kommuniziert, oder der etwas überflüssigen Traumsequenz, sondern auch subtil, indem etwa ein Klumpen Gold, der als Honorar an Lucky Luke ging, im Verlauf der Handlung ganz nach Hans im Glück nach und nach zur Gans wird.
Als nächste Ebene baut das Autorengespann aktuelle Bezüge ein: Jeff Bezos ist da noch der Holzhammer, der Rest ist gelungener, etwa David Bowie am Piano in einem Saloon oder Nick Cave, dem Kleist ebenfalls eine Biografie widmete, als Jesse James, der schwört, er habe Eliza Day nicht getötet; zusammen mit Warren Ellis nahm Cave zudem vor gut 20 Jahren den Soundtrack zu „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ auf, auch das passt. Eine gelbe Figur im Stil von Matt Groening muss man schon erkennen, das ist angenehm unaufdringlich.
Dazu kommt, dass sich Kleist zeichnerisch zwar identifizieren lässt, das Bild sich aber doch deutlich an den klassischen Abenteuern des Westernhelden orientiert, mit den teils monochromen, unrealistisch gefärbten Flächen und Panels. Interessant ist, dass die Autoren hier auch mit etwas ins Gericht gehen, das dem frankobelgischen Comic nicht erst seit Hergé anhängt: Rassismen, Stereotype, Klischees. Sobald sich Luke über Deutsche lustig macht, wird er zurechtgewiesen, um dann geneinsam festzustellen, dass auch die Zurechtweisung einem Stereotyp folgt. Mit einer markanten Änderung in der Reihe bricht das Gespann zudem: Luke muss an einer Stelle wieder rauchen, um eine brenzlige Situation auflösen zu können. Und nicht zuletzt bildet das Buch auch eine US-Gegenwart ab, zwischen mangelhafter Bildung und dem blinden Glauben an – Märchenerzähler.
Interessanterweise gab Flix nach Spirou und dem Marsupilami die dritte Hommage eines Comichelden aus der zeichnerischen Hand und verlegte sich rein auf die Geschichte. Nicht schlimm: Die Kombi aus Kleist und ihm geht gut auf. Man sollte sich übrigens nicht beirren lassen: Im Buchhandel gibt es offenbar ausschließlich die teure Hardcover-Version des Buches, im Zeitschriftenhandel und in Supermärkten ist das Softcover durchaus zu haben.
