Von Matthias Bosenick (16.06.2026)
Was für ein Schrott! Da stümpert man für „The Boroughs“ einfach alle Elemente aus allen möglichen bekannten Drehbüchern zusammen, ohne ihnen jedoch einen sinnhaften Zusammenhang zu geben, und lässt die Kombination aus Mystik, Monstern und Altstars freihändig herumeiern. Miese Dialoge, plakative Charaktere und dümmliche Handlungssprünge unter Abwesenheit von Humor, Individualität, Subtilität und tatsächlicher Spannung generieren also den nächsten Netflix-Hype – was wohl nicht erfolgt wäre ohne den Zusatz, dass die Duffer-Brothers hier ihre Finger im Spiel hatten. Wo genau auch immer. Die Qualität von „Stranger Things“ erreicht diese Miniserie niemals.
Sechs Stunden sind ungefähr vier zu viel. Man hätte die Sache auch locker zu einem schlüssigen Spielfilm zusammendampfen können und dabei auf eine Menge überflüssigen Scheiß verzichtet. Nimmt man einfach nur die Geschichte, lässt die schon ohne Zierrat viel zu viele Lücken, die man bei einem besseren Drehbuch irgendwie bereitwilliger weggesteckt hätte, die hier aber enervierend unangenehm auffallen. Sam wird von seinen Kindern in ein Altenheim gesteckt, das abgeriegelt irgendwo in einer Wüste gelegen ist und von einem juvenil-jovialen Privatmann geführt wird. Sam hat keinen Bock und zwingt sich dann doch dazu, sich mit seinen neuen Nachbarn anzufreunden. Von denen einer plötzlich stirbt, und zwar daran, dass ihm ein Monster im Hals hängt, was Sam gerade noch so beobachten kann – und dann mit dieser Beschreibung auf unangenehme Fragen stößt. Es entbrennt ein Chaos um Glauben und Zusammenhalten, Vertuschen und Bedrohen.
Der Leiter der Einrichtung, seine Gattin, diverse Angestellte und ein Wachmann scheinen bereits seit Jahrzehnten zu existieren, ohne zu altern. Grund ist „Mutter“, ein Monster, das aus einem Ei schlüpfte, das sie in der Wüste in einer Höhle fanden. Dort wächst ein Pfirsichbaum, den einer der Nachbarn zufällig findet, davon isst und plötzlich von seinen Beschwerden kuriert wird, was wiederum die Gattin des Einrichtungsleiters auf den Plan bringt. Die sucht nämlich nach einer neuen Methode, ihr Alter einzufrieren, denn Mutter scheint zu krepieren, und die bisherige Vorgehensweise, Mutters Kinder, bei denen es sich um in Käfigen gehaltene optische Kreuzungen aus Spinnen und Humanoiden handelt, gelegentlich über ein unterirdisches Tunnelsystem via Backöfen in die Häuser der Bewohner zu schicken und ihnen im Schlaf Hirnwasser abzusaugen, aus dem sie dann ihren Jungbrunnen befüllende Flüssigkeiten subtrahieren, führt nicht mehr zum gewohnten Erfolg.
Klingt schräg? Ha! Kommt dazu, dass ein Nachbar ständig in die Wüste fährt, dort in einer heruntergekommenen Hütte Pilze züchtet und kifft, während seine Gattin mit dem kurz darauf versterbenden Nachbarn fremdvögelt. Eine andere Nachbarin vögelt derweil mit einem jüngeren Kollegen des uralten Wachmanns. Sam baut Fernseher zusammen, mit deren Strahlung die verschwörerischen Nichtalternden äh zu äh digitalen Glitches werden oder so, jedenfalls irgendwie verunstaltet werden und im Idealfalle sterben. Mutter kommuniziert mit Sam, indem sie seine Witwe in glitchartigen Visionen mit ihm schimpfen lässt. Einer der Nachbarn, ein krebskranker Arzt, läuft zu den Betreibern über, unterstützt seine Kumpels aber noch. Derweil steigt im Haupthaus, in dem unbequeme Bewohnende als schwer zu heilend weggesperrt und schlimmstenfalls getötet werden, die Feier zum 75jährigen Bestehen von „The Boroughs“.
Klingt albern und absurd? Das war noch nicht alles: Kaum kommt Sam in seinem neuen Heim an, überfällt ihn der später sterbende Nachbar und protzt damit herum, dass er der Mega-Stecher ist und schon wieder eine Geliebte hat. Sympathisch, solche Menschen hat man gern um sich. Auf diesem Niveau bewegen sich die Charaktere hier zuvorderst: oberflächlich, körperlich, auf Kalendersprüche beschränkt. Niemand hier ist sympathisch, allenfalls der gebeutelte Sam. Zudem agieren die Figuren oft innerhalb von Szenen sprunghaft, wie schlecht zusammengestümpert. Heroisch wirken sie nie, weil die Bedrohung zu kindgerecht erscheint; da hilft es auch nicht, dass sie einmal in Zeitlupe einem Van entsteigen, als sie irgendwelche angeblich gefährlichen Maßnahmen ergreifen wollen. Lachhaft. Das übliche Vorgehen der Bösen, die Guten nicht sofort umzubringen, ist ein weiterer Schwachpunkt des Drehbuchs. Albern ist außerdem, dass Mutter durch das Zuführen menschlichen Hirnwassers selbst das Äußere von Menschen annimmt, während die Kinder nach wie vor monströse Spinnenhybriden sind, und damit erstrecht gar nichts Bedrohliches mehr hat.
Und dann so offene Fragen: Was sollte das mit den Krähen? Wenn alles abgeriegelt ist, wie kommt der eine Nachbar unbehelligt in die Wüste? Warum zieht er sich dort zum Kiffen eine Weste über? Woher kommt das Ei? Warum und wie vermehrte sich Mutter ohne Vater? Wie kommt man darauf, ein Monster wie Mutter könne das eigene Altern unendlich anhalten? Sobald alles vorbei ist, warum stürmen dann nicht die Behörden diese Einrichtung, sondern die Nachbarschaft mit Nachwuchs kann unbehelligt ein Barbecue abhalten, anstatt sich von dort schnellstmöglich in Sicherheit zu verpissen? Was soll die Schlussszene mit dem unbemerkt glitchenden Sam – Staffel 2 im Ärmel?
Bewahre! Man wundert sich, dass ein so prominent bestückter Cast zu so einem Scheiß bereit war. Alfred Molina, Geena Davis, Bill Pullman – sie retten den Schwachsinn bedauerlicherweise nicht. Auch nicht der Soundtrack, der kenntnisreich Hits aus Funk, Soul, Rock und Indie bis jüngstens in die Neunziger berücksichtigt. The Undisputet Truth, Siouxsie And The Banshees, Bruce Springtseen, man hört es gern, während man wegguckt. Natürlich hat auch diese Serie einige gute Momente, mal filmisch – das milchstraßenartig explodierte Blut der Monster im Raum – und mal pointiert – zwei, drei Punchlines sind gut gelungen –, aber das reicht nicht für eine positive Wahrnehmung. Zumal die Story ja auch so mies hingekleistert ist und so gut wie gar keine Spannung aufkommen lässt, da so ziemlich alles irgendwie vorhersehbar ist, insbesondere nicht vollzogene Tode.
Ist das jetzt also „Stranger Things“ nur mit Senioren? Ist es nicht: Es fehlt an Substanz. Die auf Kinder ausgelegte Serie hatte wesentlich mehr erwachsene Inhalte als die mit den Erwachsenen. Die scheint eher Disney-Horrer zu sein, familientauglich, brav, nett und freundlich. Und langweilig. Vor einer Weile dachte man noch, Mittelmaß sei das neue Gut, aber das hier erreicht nicht mal Mittelmaß und wird trotzdem gefeiert. Wie mies muss dann der Rest sein.
