Von Guido Dörheide (15.06.2026)
Heute war wieder Kinonachmittag mit Töchterlein – ich habe sie aus der Schulkindbetreuung abgeholt, dann sind wir durch die rauchenden Trümmer des Tages der Niedersachsen im Fahrzeug durch die City gecruised, um für Greta einen Bubbletea zu kaufen, und dann ein Hörspiel hörend auf Umwegen Richtung Kino gefahren. Eins, zwei, drei, Power! Den Film heute durfte ich aussuchen, und meine Wahl fiel auf „Glennkill: Ein Schafskrimi“, nach dem gleichnamigen Roman der deutschen Autorin Leonie Swann. Den Roman kriegte ich damals mit, aber ich habe ihn nicht gelesen, ein guter Grund, die Geschichte jetzt als Film erzählt bekommen zu wollen.
Hugh Jackman spielt den Schäfer George Hardy, der seinen Schafen abends immer Krimis als Gute-Nacht-Geschichten vorliest und davon ausgeht, dass die Schafe von der Handlung nichts mitbekommen. Dem ist aber mitnichten so: Immer, wenn George den nächsten Teil der Geschichte auf den nächsten Abend vertagt, beklagen sich die Schafe, dass sie noch nicht erfahren, wer der Täter ist, und verfallen in wilde Spekulationen, ob nun der Gärtner, die Magd oder wer auch immer die/der Täter/in ist. George hört derweil nur das Blöken der Schafe.
Als George eines Nachts vergiftet vor seinem Wohnwagen liegt, fällt der Verdacht auf seine Tochter Rebecca, die er nach ihrer Geburt über die Kirche zur Adoption freigegeben hat und die in den USA lebt. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Tochter den Vater am Abend der Ermordung getroffen hat und dass sie ein Mordmotiv hatte: George hat ein Medikament gegen die Schafskrankheit Orf erfunden und das Patent für 30 Millionen Pfund an Big Pharma verkauft, und per Testamentänderung Rebecca als Alleinerbin eingesetzt. Die Schafe haben ihre Zweifel an dieser in ihren Augen zu einfachen Beweisführung und sorgen durch wahnwitzige Aktionen dafür, dass der anfänglich als Volltrottel dastehende Wachtmeister Tim Derry nahezu im Alleingang aufklären kann, was wirklich passiert ist.
Ich bin kein Experte für Filmtechnik und habe nach dem Anschauen des Trailers gedacht, dass hier echte Schafe als Darsteller eingesetzt wurden, beim Anschauen des Films wurde mir klar, dass es sich um computeranmierte Filmschafe handelt, was dem Amüsemang keinen Abbruch tut: Die Schafe sind apselut großartig in Szene gesetzt, und jedes Schaf aus Georges Herde hat eine spezielle Funktion: Lilly ist am Schlauesten, Moppel kann als einziges Schaf nichts vergessen (alle anderen beschließen, das soeben Erlebte zu vergessen, zählen bis drei und zack – weg ist die Erinnerung), die Widder Reggie und Ronnie wollen alles wegrammen, was dazu führt, dass sie andauernd gegenseitig ihre Köpfe aneinanderhauen, Sir Richfield, das älteste Schaf, sieht aus wie Tim the Enchanter aus „Monty Python And The Holy Grail“, redet wirres Zeug wie Tim the Enchanter aus „Monty Python And The Holy Grail“ und wird im Original von Sir Patrick Stewart gesprochen, Sebastian, der Einzelgänger, ist ein ehemaliges Winterlamm und sieht die Herde deshalb nicht als seine Herde an (Winterlämmer werden nämlich gemobbt, weil sie nicht, wie alle anderen Lämmer, im Frühling geboren sind), Cloud hat das schönste Fell und ist deshalb leicht eingebildet, Wollauge heißt Wollauge, weil ihm seine Wolle in die Augen hängt, und dann gibt es noch das unglaublich niedliche, winzige Winterlamm, das so dermaßen gemobbt wird, dass es nicht einmal einen Namen hat. Allein für die Darstellung der unterschiedlichen Charaktere dieser Schafe lohnt es sich, den Film anzusehen. Hinzu kommen aberwitzige Actionszenen wie zum Beispiel die, in der eins der Schafe einen Kopfkissenbezug von der Wäscheleine reißt, der sich über seinen Kopf legt, so dass das Schaf blind ins Hotel rennt und dort eine Spur der Verwüstung hinterlässt, bei der kein Auge trocken bleibt. Gleich zweimal rennt das Schaf dabei die Anwältin und Testamentsvollstreckerin Lydia Harbottle (bezaubernd, großartig und younger than ever: Emma Thompson, DBE) über den Haufen, weshalb ich jetzt zu den menschlichen Darsteller/innen kommen möchte:
Allen voran ist da natürlich meine Lieblingsschauspielerin Emma Thompson, die die Figur der wortgewandten Anwältin in einer einzigartigen Mischung aus unwiderstehlicher Arroganz und Herzenswärme auf die Leinwand zaubert, gefolgt Hugh Jackman als kauzigem und liebenswerten Eigenbrötler, Conleth Hill als hilflos-trampeligem Schlachter, der auf den passenden Vornamen „Ham“ hört, Hong Chau als zunächst intrigante (am Ende stellt sich heraus: unglücklich in den Schäfer verliebte) Hoteldirektorin Beth Pennock und – der heimliche Star des Ensembles – Nicholas Braun als zunächst maximalvertrottelter Wachtmeister Tim Derry, der mit Hilfe der Schafe den Fall am Ende souverän in bester Agatha-Christie-Tradition (Sie wissen schon: Alle Verdächtigen an einem Platz und der Meister der kleinen grauen Zellen deduziert dann das Geschehene in Grund und Boden und am Ende steht völlig überraschend irgendjemand als Täter fest, den wirklich niemand ernsthaft auf dem Zettel hatte) aufklärt.
So gesehen funktioniert „Glennkill“ nicht nur als süße und originelle Tierfabel, sondern auch als Whodunnit reinsten Wassers ganz hervorragend. Greta war total stolz, dass ihr die/der sich am Ende herausgestellt habende Täter/in schon ganz am Anfang suspekt vorgekommen war.
Und nebenbei kriegt man jede Menge über Denkweisen und Überzeugungen der Schafe gelernt: Schafe sterben nicht, sie verwandeln sich am Ende ihres Lebens in Wolken. Sie können sich allerdings nur deshalb nicht daran erinnern, jemals ein Schaf sterben gesehen zu haben, weil sie unmittelbar danach jedes Mal beschlossen haben, es wieder zu vergessen. Erst Moppel, der nicht vergessen kann, ruft den Schafen am Ende des Films wieder in Erinnerung, dass sie schon jede Menge ihrer Artgenoss/innen sterben sahen. Schafe kennen viele Dinge nicht und leiten sich dann Bezeichnung und Bedeutung selber her. So ist Rebeccas am Tatort gefundener Armreif das „Ding, das kein Ende hat“ und die Schafe vollziehen minutenlang mit kreisenden Köpfen die Form des Schmuckstücks nach, die rammenden Widder-Zwillinge verwechseln „Gerechtigkeit“ und „sich rächen“ und tun am Ende doch genau das Richtige (Schafe rammen Gegenstände nur, wenn ein guter Grund dies erforderlich macht, und das ist am Ende des Films endlich der Fall) undsoweiter undsoweiter.
„Glennkill“ ist ein lustiger und rührender (und gleichzeitig sehr spannender) Film, der auch wundervoll in Szene gesetzt wurde. Der Ort der Handlung, die fiktive Kleinstadt Denbrook, wird als Bullerbü des ländlichen Englands in Szene gesetzt und die Anziehsachen der Darsteller/innen würden auch im Darrowby der Vorkriegsjahre nicht weiter auffallen. An einer Stelle des Films sowie während des liebevoll gezeichneten Abspanns wird der Proclaimers-Song „I’m Gonna Be (500 Miles)“ prominent in Szene gesetzt und es ist dabei wurschtegal, dass die Proclaimers Schotten sind und ihren Song mit schottischem Akzent vortragen, er passt einfach hervorragend zu diesem Film.
