Spider-Noir – Oren Uziel – MGM+/Prime Video 2026

Von Matthias Bosenick (02.07.2026)

Merkwürdig: Muss es erst die Comic-Ästhetik sein, die Filmemachende dazu bringt, sich auch mal unkonventionelle und dabei enorm ästhetische Darstellungsweisen einfallen zu lassen? Die verbewegtbilderung von „Spider-Noir“ ist ein Fest fürs Auge, und das nicht nur, weil es die Serie in zwei Darreichungsformen gibt, nämlich in noirtypischem Schwarzweiß und in knackig koloriert, sondern weil hier mit Licht und Schatten, Perspektiven und Bildkompositionen gespielt wird, die der humorvollen, spannenden Geschichte gut zu Gesicht stehen. Die regemäßigen Anschlussfehler ignoriert man dann einfach.

Erstaunlicherweise gelingt es dieser Serie aus dem Stand, einen in den Bann zu ziehen. Die Geschichte spielt in den Dreißigern, in der Wirtschaftskrise, die dem Ersten Weltkrieg folgte und den Zweiten erst dämmern sieht, in New York. Ben Reilly war mal Spider, ein anonymer Held mit Superkräften, und verlegte sich nach dem Tod seiner Braut, den er nicht verhindern konnte, desillusioniert auf die Rolle des erfolglosen Privatschnüfflers. Seine engsten Vertrauten sind seine hispanische Sekretärin Janet und sein Segregationsproblemen ausgesetzter und genau wie er erfolgloser Reporterfreund Robbie. Das Trio gerät in ein Komplott, das bis in den Ersten Weltkrieg zurückreicht, mit comictypischem Personal: ein Mafiaboss, ein korrupter Bürgermeister, eine Femme Fatale, eine verbissene Wissenschaftlerin, tumbe Handlanger und natürlich Menschen mit Superkräften.

Heißt schon mal: Peter Parker ist nicht, der genannte Ben Reilly stellt hier den Spider dar, der – man erfährt es erst im Verlauf der Serie, nicht sofort, was gut ist, weil man sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält, sondern gleich in die Vollen geht – zombiemäßig von einem Mutanten gebissen wurde, der das Resultat von Experimenten deutscher Wissenschaftler im Ersten Weltkrieg war. Anders als andere Superhelden, die aus diesen Experimenten hervorgingen, ist Ben nicht dem Tode geweiht, sobald sich die Kräfte verstärken, was ihm eine besondere Position in der verschachtelten Geschichte verleiht, zwischen den anderen Superhelden, die sich dem Mafiaboss zuwandten, der Liebschaft des einen, in die er sich dummerweise selbst verliebt, dem Mafiaboss sowie dem Bürgermeister, der von allem keine Ahnung hat.

Zunächst gebärdet sich Ben wie ein Spielball der Wellen, da er nach dem Tod seiner Verlobten desillusioniert und verhärmt durch die Stadt streift. Motiviert von Janet und Robbie sowie der vermeintlichen Liebschaft, versucht er dennoch, zu ermitteln, reizt seine Fähigkeiten dabei aber nicht vollends aus und negiert seine Identität als Spider, mithin seine Verantwortung, die, so zitiert er es gern, aus großer Kraft resultiert, die er, ganz der neumoderne Comic-Zweifler, gar nicht mehr haben möchte. Die Umstände und eine gelungene Überzeugungsarbeit seiner Freunde bringen ihn zum Umdenken.

Anders als die jüngeren Spidey-Inkarnationen ist Ben kein Jüngling, sondern im Gegenteil, über 60 Jahre alt und damit nicht mal mehr in der Blüte des Lebens. Eine ungewöhnliche Identifikationsfigur also, und Nicholas Cage spielt diesen Noirdetektiv überzeugend gut, „Der Malteser Falke“ findet hier nicht nur in ihm einen Widerhall. Auch Janet, die Ben ermittlungstechnisch ebenbürtig ist und damit am Schluss auch die verdiente Wertschätzung erfährt, lässt sich aus solchen Filmen wiedererkennen. Zurück zu Ben: Der mag nun körperlich geschwächt sein, doch gleicht er mit Schlagfertigkeit aus, was das Alter ihm nimmt, und hat eine nachdrücklich große Klappe – allen gegenüber, furchtlos, undiplomatisch.

Das ist der nächste Pluspunkt hier: Die Dialoge sind auf den Punkt, was hier an Tiefgang suggeriert wird, hat wirklich welchen, Argumente gehen tief in die seelischen Wunden, Witz und Psychologie begleiten einander. Dazu kommt, dass diese Serie – anders als andere aktuelle – in Kauf nimmt, dass sie ein nebenbei doomscrollendes Publikum verliert, denn man muss aufpassen, um die Haken und Querverweise nachvollziehen zu können. Insbesondere der Anfang fordert die Konzentration heraus, und sobald der Dampfer erstmal läuft, kommt man nicht nur gut mit, sondern wird mitgerissen, sofern man weiter bei der Stange bleibt. Serientypisch indes sind manche Längen, aber die gleicht der Rest gut aus.

Dann wie gesagt die Ästhetik: Kameraschwenks, Perspektiven, Bildausschnitte, das Spiel von Licht und Schatten, hier bekommt das Auge Futter. Und man fragt sich: Muss eine solche Ästhetik erst auf einem Comic basieren, damit Filmemacher mutiger werden? Warum kann es nicht normal sein, Geschichten auf eine ungewöhnliche Weise in Szene zu setzen? Zusätzlich funktionieren hier Bauten und Kulissen auch noch sehr gut, das New York hier fühlt sich an wie aus einem 80 Jahre alten Film. Die – noch ein interessanter Aspekt – lediglich spärlich eingesetzte Action mit den technischen Mitteln der 1930er Jahre ist sehr reizvoll, zudem verzichtet die Serie darauf, den klassischen Spidey ins Zentrum zu setzen, der permanent durch Häuserschluchten schwingt. Diese Serie hat andere Schwerpunkte. Noch etwas zur Ästhetik: Man hat die Wahl, die acht Episoden in Farbe oder in Schwarzweiß zu gucken, doch selbst für Noir-Puristen empfiehlt sich die Farbversion, denn die Farben sind hier von einer kraftvollen Knackigkeit und unterstreichen die Schönheit der Bilder noch. Eine künstliche, sehr wohl, aber wir sprechen hier ja auch von einer Comicverfilmung.

Ja, Schwächen hat sie auch, diese Serie. Die angesprochenen Längen, die bisweilen kleisterliche Musik zwischen den grundsätzlich guten Scoretracks – und die zahlreichen Anschlussfehler. Personen befinden sich in einer bestimmten Konstellation zueinander, es gibt einen Schnitt, eine Person bewegt sich, und nach dem Schnitt zurück verhalten sie sich alle wieder wie zuvor, als hätte es nie eine Bewegung gegeben. Das ist auf eine merkwürdige Weise amateurhaft, da doch der Rest so professionell wirkt. Eine erzählerische Schwäche hat die Geschichte außerdem: Ben gibt vor, von den Ereignissen und den damit verbundenen Personen überrascht zu sein, obwohl dies nachweislich nicht der Fall ist; aber auch darüber kann man sich hinwegreißen lassen. Abschließend: Die ganzen Fachkenntnisse zu Comicvorlagen, dem Marvel Cinematic Universe und sonstigen Hintergründen dürfen gern andere recherchieren, diese Serie funktioniert komplett auch ohne solche Kenntnisse.