Onenine + Myk Jung – Duress – Onenine 2026

Von Matthias Bosenick (07.07.2026)

Da wird man auf ein Musikprojekt aufmerksam, weil man einem bestimmten Musiker folgt, und entdeckt dann, dass der Betreiber dieses Projektes nur unwesentlich weniger lang aktiv ist als der, dessentwegen man darauf aufmerksam wurde. Onenine ist das Solo-Projekt von Axel Kleintjes, und man kann einfach nicht alles kennen, zum Beispiel Page 12, seine alte Electro-Band aus den Neunzigern, oder Cyber Axis, bei denen er in den Nullern einstieg. Dafür kennt man eben Myk Jung, weil man dessen Band The Fair Sex vollständig in seinem Regal stehen hat. Jener Jung singt nun auf der neuen Onenine-EP „Duress“ den Titelsong – und man reibt sich überrascht die Ohren: Dieser Dark Electro funktioniert auf allen Ebenen.

Man hört eben sofort heraus, dass man es bei Onenine nicht mit einem Newcomer zu tun hat, der sich mit oberflächlichen Tricks auf einem längst totgerittenen Pferd präsentieren will. Hier steckt Erfahrung drin, ein weiter Horizont, eine Tiefe, und in gewisser Weise eine Gelassenheit, weil „Duress“ keine Grufti-Charts anführen muss, sondern für sich existieren darf. Und für Leute, die Bock haben, dunklen Electro zu hören, der auch ohne plakative Effekte auskommt, nicht nur überhaupt, sondern auch noch erheblich besser.

Das Haupt-Stück „Duress“ ist so düster und kompromisslos, wie es der Electro abseits der Charts gegen Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger war. Insbesondere der aus Kanada, hier hört man Skinny Puppy und Front Line Assembly durchaus als Inspiration heraus, etwa in Sachen Tempo, Härte, Struktur, denn an das klassische Format mit Strophe und Refrain mag sich der im unteren Midtempo gehaltene Song oberflächlich nicht binden. Dafür baut Kleintjes noch Brücken, Effekte, abweichende Passagen und sogar gegen Ende eine schöne Melodie ein, als wäre ein ganzes Album zu füllen und nicht nur ein Song. Anders als bei den genannten Vorlagen sind die Sounds hier klarer, transparenter, greifbarer, was an der Düsternis des Stücks nichts ändert, es aber in der Gegenwart verortet.

Ins Gesamtbild passt die Stimme von Myk Jung, und das ist die nächste positive Überraschung: Ohne das Wissen, dass er hier singt, hätte man ihn vermutlich gar nicht erkannt. Auch er fügt sich in die alte Kanada-Schiene, sein Gesang ist in tieferer Lage gehalten und atmosphärisch unklar, kurz vor gebremst gebrüllt. Das passt perfekt.

Sechs Tracks umfasst diese EP, davon viermal „Duress“ plus zwei Remixe anderer Tracks, von denen es aber gar keine Originale gibt. Mit der „Navigator Version“ von „Fixed“ schielt Kleintjes sehr wohl auf den Dancefloor, so offensichtlich wie kein anderer Track hier. Denn auch „The Survey Version“ von „Examination“ reiht sich im Intro vielmehr im historischen Kanada-Electro ein und entwickelt dann eine ganz andere Identität, zwischen dunklem Electro, tanzbarem Ambient und Synthiepop. Kleine Kuriosität: Klassisch wie in den Achtzigern auf Vinyl gibt’s „Duress“ hier als „Seven Inch Version“ und als „Twelve Inch Version“, dabei ist erstere bereits radiountaugliche fünfeinhalb Minuten lang, zweitere noch zwei Minuten länger. Der „Juma-Poliboy-Mix“ verkürzt den Track auf viereinhalb Minuten, addiert aber eine E-Gitarre und macht ihn insgesamt tanzbarer, und der instrumentale „Maze-Mini-Mix“ verknappt ihn auf atmosphärische eindreiviertel Minuten.

Kleintjes begann 1990 mit Page 12, einer Dark-Electro-Band, die zehn Jahre lang existierte. Parallel betrieb er bereits die Projekte C~Abal und The Amp. Ende der Neunziger hob er noch Cycloon und Megadump aus der Taufe, später Mindware. Für das Comeback- und Abschiedsalbum „Skin“ war er 2003 Mitglied bei Cyber Axis, die Electro und Gitarre kreuzten. Als Onenine arbeitet er seit kurz vor Corona mit mindestens einer Veröffentlichung pro Jahr, „Duress“ könnte die zwölfte sein.

Mit The Fair Sex war Jung bereits in den Achtzigern Teil der Wave-Szene, die Band ruht seit über 20 Jahren. Zweiter prominenter Ex-Mitmusiker dürfte Rasc alias Udo Hüppe sein, der längst als Rotersand eine Future-Pop-Karriere machte. Jung jedenfalls betätigte sich noch als Nice Gods Bleed, mit Psytrance-Musiker Tim Schuldt als Schuldt, solo sowie mit genanntem Rasc als Testify, ansonsten lässt er seit zwei Jahrzehnten eher von sich lesen als hören, etwa als Schriftsteller sowie unter dem Rückwärts-Alias Kym Gnuch als Redakteur des Gruftimagazins Sonic Seducer. Umso schöner, ihn hier endlich wieder vor die Ohren zu bekommen – davon darf es gern mehr geben, ihr zwei!