Von Matthias Bosenick (17.06.2026)
Merkwürdig, woran liegt es? Am fehlenden Druck, weil die Musik dieses Mal nicht explizit in einem Disney-Film verwendet werden muss? Daran, dass andere Leute bessere Ideen davon haben, wie Musik der Nine Inch Nails im Jahre 2026 klingen könnte? Wie auch immer: Die Remix-Version „Divergence“ des Soundtracks zu „Tron: Ares“ fällt um ein Vielfaches besser aus als die reguläre Variante. Der zweite gemutmaßte Aspekt indes trifft nicht grundsätzlich zu: Die als „Nine Inch Noize“ veröffentlichten Versionen von Nine-Inch-Nails-Tracks im Kleid von Boys Noize haben eher etwas von Industrial-Schlager.
Es muss ja nicht alles klingen wie früher, als es Trent Reznor, der einzigen personellen Konstante im Kleid von Nine Inch Nails, noch richtig schlecht ging, und man atmet ja mit ihm erleichtert auf, dass er seine tiefsten Täler überwand. Wenn dann aber die Musik, die er anschließend herausbringt, einer Art NIN-Schablone zu folgen scheint, die das Beste der Achtziger und Neunziger und die Hits von heute zu etwas leicht zugänglich Massentauglichem vereint, dann fühlt man sich nicht mehr wie früher musikalisch in seiner Seele verstanden. Stillstand ist Rückschritt, aber nicht jeder Fortschritt führt in eine für alle verträgliche Richtung.
Was Reznor früher fühlte und analog ausgestattet in Töne presste, scheint er seit 25 Jahren vornehmlich digital zu generieren. Damit unterscheidet sich sein Sound kaum von dem anderer Laptop-Elektroniker, und was an NIN-Identität übrig blieb, folgte einem Schema, ohne ihm nachdrücklich Neues hinzuzufügen. So scheint es auf „Tron Ares: Divergence“ streckenweise auch noch zu sein, wenn Reznor zwischen die Remixe und Neubearbeitungen eigene Tracks schiebt, die es nicht auf den regulären Soundtrack schafften. Zwar bestehen die Nine Inch Nails nicht allein aus ihm, sondern seit Jahren aus ihm und Atticus Ross, aber wahrzunehmen ist dies allerhöchstens in der Verwässerung, so man sie dem Sidekick zuschustern mag. Ein Track wie „Operand“ jedenfalls belegt, wie willkürlich und seelenlos die Electromucke der Nine Inch Nails sein kann. Funktional, bestenfalls. Die Drumpatterns hätte auch ein Amateur mit etwas Vision nach einiger Zeit zusammengeklickt. Auch der eiskalte Ambient von „Zero State“ verrät kaum die Handschrift der Ersteller.
Einen ausgeprägten glasklaren Electro-Touch haben auch diese Neubearbeitungen allesamt, die Schippe Dreck der NIN aus den Neunzigern fehlt hier. Mark Pritchard fügt eine Andeutung davon seiner Version von „I Know You Can Feel It“ hinzu, und die gibt’s nach einem kurzen NIN-Opener direkt am Anfang zu hören. Gleich dreimal ist Alexander „Alex“ Ridha mit seinem Alias Boys Noize als Handanleger vertreten; diese Bearbeitungen wirken ernsthafter, seriöser als sein Beitrag zu Nine Inch Noize. Sein „Ghost In The Machine“, immer noch nicht von The Police, lässt sowohl den Geist von Nine Inch Nails als auch den klassischen von „Tron“ heraushören, und sein „Whate Have You Done?“ ist wie jener ein Kopfnicker, in den er eine wohldosierte Radikalität einfließen lässt, etwa, indem er seine Baller-Beats einsetzt, als wäre es Industrial.
Zuvor gibt’s noch eine Passage mit Ambient, mit „Empathetic Response“ bearbeitet von Lanarc Artefax sowie, und das dürfte hier eine Überraschung sein, Chilly Gonzales‘ Version von „100% Expendable“, in dem jetzt – natürlich! – ein Piano erklingt. In Richtung Ballermann, nicht in Richtung Queen, verzieht sich daraufhin „Who Wants To Live Forever?“, verzapft von Danny L Hare und der Tiefpunkt dieses Albums. Jack Dangers rettet die Sache sofort: Sein kopfnickender Hip-Hop-basierter „Infiltrator“ ist lupenreines Meat Beat Manifesto, besser sogar als das letzte Album unter dem Namen. Pixel Grip machen aus der Hitsingle „As Alive As You Need Me To Be“ das, was es im Original bereits ist, nur konsequent: einen Popsong, einen dunklen Goth-Synthie-Track, mit Gesang von Rita Lukea und dem von Reznor sympathisch zum Background degradiert.
Die Beklemmung von früher hat’s nicht mehr, was natürlich auch daran liegen kann, dass man sich im Laufe der Jahre seines Lebens fortwährend weniger beklemmen lässt. Dennoch lässt sich in „I Know You Can Feel It“ vom Working Men’s Club die alte dunkle Seele wieder heraushören, in Aufbau, Verlauf und Steigerung dieses Tracks. Reznors Stimme schafft es nicht in alle Bearbeitungen, einige Tracks waren ja bereits im Original instrumental, aber wo er zu hören ist, verstärkt sich in den Neuversionen die Ahnung von Nine Inch Nails wieder. So auch in „Shadow Over Me“ von The Dare, was Reznor gleich als Aufhänger nimmt, um im Zwischenstück „Terminal“ den Beat und das Tempo von „Closer“ aufzugreifen. Für Schwefelgelb ist „Forked Reality“ ein minimalistischer Housetrack im Uptempo, versetzt mit angenehm unbequemen Synthieeffekten. In eine digital verwaschene Version rückt Arca zuletzt „As Alive As You Need Me To Be“, befreit von Beats und Härte, dezent näher an Aphex Twin, der Rhythmus freundlich gebrochen.
Diese Remix-CD gibt es in zwei Varianten: Wer das Original noch nicht hat, kann sich die Doppel-CD zulegen, die anderen bekommen „Tron Ares: Divergence“ auch separat. Die dritten, die das Original nicht brauchen, freuen sich über zweitere Variante. Gar nicht physisch gibt es kurioserweise „Nine Inch Noize“, den vermeintlichen Live-Mitschnitt, den die Nine Inch Nails zusammen mit Boys Noize bestritten, um mehr oder weniger alte NIN-Hits mit Berliner Techno neu zu denken. Das Album trägt die Katalognummer Halo 38, „Tron Ares: Divergence“ hat Halo 37, übrigens.
Dieses gemeinsame Album hat etwas Merkwürdiges. Ganz abgesehen davon, dass es zwar auf einer Tour entstand, bearbeiteten es die Protagonisten im Studio weiter; der Applaus hat mithin etwas von dem, den The KLF in „The White Room“ gesampelt unterbrachten. Die Tracks nun: Der geneigte Rezensent unterteilt die Nine Inch Nails in vor und nach dem Jahr 2000; bis „The Fragile“ fand er sich in der musikalischen Seelenlandschaft von Trent Reznor auf eine beinahe metaphysische Art verstanden, ab „With Teeth“ schlug Reznor andere Wege ein. Somit sind die Tracks von nach dem Jahr 2000 hier auch eher egal; was Ridha da mit ihnen macht, ist ganz okay, netter Electro auf der Basis von der Idee von Industrial, etwas Lärm drin, passt schon, die Baller-Blöcke nimmt man halt hin, ist halt Boys Noize, das muss so. Stattgegeben: „Parasite“, im Original vom Nebenprojekt How To Destroy Angels, ist hier plötzlich besser, weil treibender, aggressiver. „Copy Of A“, ohnehin die Blaupause für den Post-2000-NIN-Sound (man suche „This Is A Trent Reznor Song“ von Freddy Scott auf Youtube), wird hingegen zu einer Mischung aus Ballermann-Schlager und Berlin-Bummbumm. Man ahnt, dass Ridha und Reznor für die Neuausrichtung vornehmlich Stücke nach 2000 heranzogen – aus der gefälligeren, massentauglicheren Zeit, Pseudo-Industrial für die Hipster-Tapete.
Ältere Stücke sind lediglich drei dieser elf plus „Intro“, alle aus der Zeit von „The Downward Spiral“, also aus dem Jahr 1994. Und da wird’s schwierig: Diese Songs tragen ursprünglich eine Dunkelheit, Verlorenheit, Verzweiflung, sogar Aggressivität, die nachvollziehbar von Reznor als wahrhaftig empfundene Emotionen zu Musik gemacht wurden und die bei der Hörerschaft das Gefühl auslösten, von ihm verstanden zu werden. Wenn nun aber Ridha aus „Heresy“ einen fröhlichen Uptempo-Dancefloor-Track macht, der zwar noch leicht die Aggression in sich hat, aber längst nicht mehr die Härte und die Verzweiflung, dann fühlt man sich betrogen. Noch schlimmer ist es mit „Closer“, das nur noch zum Chaos-Rummelplatz seiner selbst wird, zum Partyhit für NIN-Nostalgiker, seiner Bedeutung, seiner Wucht, seiner Hoffnungslosigkeit entrissen.
Als drittes „Memorabilia“, das Nine Inch Nails für die B-Seite von Closer bei Soft Cell coverten. Ja, bei denen mit „Tainted Love“, und die waren abseits davon gelegentlich auch etwas harscher unterwegs, das passte schon; „Memorabilia“ war deren erste Single überhaupt, und wer sich die Tracklist des dritten Albums „The Last Night … In Sodom“ anguckt, entdeckt darauf als erstes Song einen namens „Mr. Self Destruct“. Kein Zufall! Jedenfalls knallte Reznor einem „Memorabilia“ ursprünglich noch extrem stressig und nervenzerfetzend um die Ohren, die halb so lange Neubearbeitung macht daraus abermals einen unbefangenen Partysong mit latent unbequemen Mitteln.
Dieses gemeinsame Album schließt mit „As Alive As You Need Me To Be“, damit ist der Kreis zu „Tron Ares: Divergence“ geschlossen. Und es ist gut, dass diese „Yeah yeah yeah“-Version nicht auf dem Remix-Album enthalten ist – sie hätte die Qualität erheblich gesenkt.

