Von Matthias Bosenick (13.07.2026)
Eine Zwanzigjährige verarbeitet ihren Liebeskummer: Diese Prämisse verleitet in die Jahre gekommene Hörende außerhalb der Gen Z vermutlich eher nicht dazu, sich „Ich will ganz laut schreien“ anzuhören, die Debüt-EP der in Köln lebenden Berlinerin Liyo. Doch hört man über diese juvenile Nabelschau hinweg, bekommt man ganz ordentlichen Poprock mit Kopfnickern in Richtung New Wave, Electrogebratze, Power-Metal, Pop-Punk und – nun – schlageresker Ballade. Wenn sie künftig ihren Blickwinkel auch für andere Menschen öffnet, hört man ihr bestimmt noch lieber zu.
Liyo selbst schickt „Ich will ganz laut schreien“ einen dreiseitigen Infotext mit, den man mit 20, mit gebrochenem Herzen und mit einem Hang zur Opferrolle bestimmt applaudierend bestätigt. Sowohl dieser Text als auch die Texte ihrer sechs vorliegenden Lieder behandeln sie selbst und die Umstände für ihren jugendlichen Liebeskummer, das ist nicht eben eine Einladung, sich mit der EP zu befassen, aber so man es dennoch tut, öffnet sich das Herz für die Musik.
Sicherlich ist das hier auf Erfolg und Pop ausgelegt, aber Pop geht definitiv auch angepasster und eindimensionaler. Jeder der sechs Songs hat eine andere Grundausrichtung, allen gemein ist, dass sie kompositorisch und von den Arrangements her eine Vielzahl an Details und Überraschungen beinhalten, mit denen man nicht gerechnet hätte und die die EP aus dem Mittelmaß herausheben. Zudem vermeidet es Liyo weitgehend, ihre Melodien so zu gestalten, wie es alle Singer-Songwriter mit deutschen Texten seit vielen Jahren vornehmen, nämlich mit sich ewig wiederholenden Drei-Ton-Melodien, die irgendwie ein Gebrochen- oder Genervtsein vermitteln und vielmehr selbst nerven.
Auch meidet Liyo die E-Gitarre nicht, zumindest deren Sound, sie scheint hier häufiger eingesetzt zu sein als bei anderem Radiopop. Gleich „… laut liebst“ ist ein Uptempo-Power-Pop, der den Kopf anerkennend nicken lässt: So hätte das möglicherweise auch in den Achtzigern von NDW-Künstlernden kommen können. „Müdigkeit“ indes ist knapp der einzige Song, der die genannte Billo-Melodie in der Strophe hat, aber das Drumherum dieser Midtempo-Nummer ist musikalisch anspruchsvoller. In den Sessel drückt Liyo die Hörerschaft danach mit „Süchtig“, das laut losbratzt; das könnte abermals die angenommene Gitarre sein, die diese Uptempo-Song vorantreibt. „What the fuck“, ruft Liyo, und während sie weitersingt, fällt auf, dass ihre Stimme für moderne Singende angenehm ist, warm, klar, durchdringend, in angenehmer Lage, und noch besser: Liyo beherrscht sie.
Als regulärer Popsong im Midtempo beginnt „Charity Work“, indes mit einer unterschwelligen Aggression und, nun, mit lediglich leicht nerviger Gesangsmelodie, zudem mit einem Text über einen Fast-Einundzwanzigjährigen, der noch bei seinen Eltern wohnt, nun ja, sicherlich trifft das die Sorgen ihrer Generation. Schöne Zeilen hat sie dennoch drin, etwa „du hattest meine Hoodies an – und ich die Hosen“, das gefällt bestimmt auch Judith Holofernes. Zur Mitte jedoch bricht der Song aus, entwickelt sich zu einem Power-Pop-Rock-Song mit einem Power-Metal-Solo. Echt. „Girls Girl“ ist plötzlich Power-Punk mit Bratzgitarre und Energie, in den sich zum Ende ein Ska-Beat mengt. Zuletzt beginnt „Cappy“ wieder als gewöhnliche Pop-Ballade, dreht dann aber musikalisch und gesanglich auf. Liyo lässt dann ihre Stimme auch mal textlos hallen, wie bereits in „Charity Work“, während die Instrumente an Volumen zulegen und den schönsten Popsong zaubern.
Diese EP ist eine Sammlung von bereits veröffentlichten Einzeltracks aus den zurückliegenden Monaten. Vollständig ist sie nicht, Liyo veröffentlichte noch einige Songs mehr seit 2024. Was Liyo nicht möchte, ist, ihren Klarnamen bekanntgeben – dafür weiß man, dass sei musikalische Eltern hat und von Berlin zum Musikstudium nach Köln zog. Auch, dass sie sich als Gamerin den an Demi Lovato gelehnten Avatar Liyovato gab und sich in Social Media Liyolore nennt, also als Gen-Z-Begriff, nicht als Namensbezug. Nicht verwechseln sollte man sie – insbesondere auf Spotify – mit dem Coburger Rave-DJ Liyo. Eine Sängerin aus Belgien mit dem Namen gibt es auch noch, aber die scheint nicht mehr aktiv zu sein.
