Von Axel Klingenberg (13.07.2026) / Foto von DoDo
Ich liebe Musik. Musik ist mein Leben.
Na gut, es ist zumindest ein Teil meines Lebens. Ein großer.
Und ein wichtiger und schöner.
Musik kann alles sein.
Musik kann fröhlich sein und traurig, laut und leise, hart und zart, melodiös und rhythmisch.
Musik geht in die Beine und in jede Körperzelle, versetzt dich in Schwingungen, lässt dich zucken, treibt dich an, zwingt dich zum Tanzen.
Musik ist alles.
Doch viele Menschen – das haben irgendwelche wichtigen Studien ergeben – lernen in einer bestimmten Phase ihres Lebens (bis 30 ist diese zumeist abgeschlossen) Musik kennen und sind dann zufrieden damit, genau diese Musik bis zu ihrem Lebensende zu hören. Immer wieder dieselbe Musik, dieselben Bands, dieselben Lieder! Sie hören stets dieselben Platten, immer wieder, und schauen sich live immer wieder dieselben Bands an.
Immer und immer wieder.
Das reicht ihnen und es steht mir nicht zu, dies verächtlich zu machen.
Bei mir ist das jedoch anders.
Ich liebe die Bands, die ich auch schon in meiner Jugend gehört habe.
Ich liebe AC/DC (die Phase mit Bon Scott), Motörhead (vor allem das Frühwerk und „1916“), Metallica (die ersten drei Alben) und Iron Maiden (alles aus den 80ern). Ich höre diese Musik immer wieder gerne, genieße und liebe sie.
Doch ich muss auch immer wieder neue Musik hören. Und damit meine ich nicht einfach nur die gleiche Musik von anderen Interpreten, sondern ganz neue Musik.
Die erste „richtige“ Musik, die ich kennengelernt habe, waren die Beatles, von denen einige Alben in unserem Elternhaus neben dem Plattenspieler lagen, im sogenannten „Braunen Zimmer“, das so hieß, weil die Tapeten und die Möbel braun waren. Dann lernte ich den frühen Rock’n’Roll kennen, das muss Ende der 70er gewesen sein. Racey und die Teens hörte ich damals auch und natürlich Lonzo, den Teufelsgeiger, dessen Dinosaurier immer trauriger wurden, weil sie nicht mit an Bord der Arche Noah durften.
Und meine zweitälteste Schwester hörte gerne Cat Stevens, immer wieder dasselbe Lied, während sie im „Kinderzimmer“ saß (das sie sich mit meiner ältesten Schwester teilte), wahrscheinlich in einem lilaroten Umstandskleid gewandet (ohne schwanger zu sein, wohlgemerkt), das vermutlich indisch oder afghanisch sein sollte, um sich herum eine Batterie von Räucherkerzen aufgebaut, daneben ein Stövchen mit Jasmintee oder einem anderen Pflanzenaufguss.
Auch Marius Müller-Westernhagen lernte ich durch sie kennen, Georg Danzer, Stefan Sulke und den Frankfurter Liedermacher Tommy, der in der einen Hand ein Mikro hielt und in der anderen „ein Stück vom Randstein“.
Die Welt war eine Scheibe oder zumindest wurde die Welt auf Scheiben gepresst.
Dann kamen, wie gesagt, AC/DC und Motörhead und Metallica und Iron Maiden und Accept und Saxon und Slayer und Hallows Eve und Anthrax und Venom und Twisted Sister hinzu und irgendwann hörte ich dann auch den Punkrock der Ramones und der Sex Pistols und der Toten Hosen und der Ärzte und von Razzia und dann kamen der Ska der Busters und von Messer Banzani und der Hardcore-Punk von den Spermbirds, von Bad Religion und Gang Green hinzu und dann der Crossover und der Alternative Rock und Indie-Musik und Grunge und plötzlich dann auch noch Techno und Jungle und Raggamuffin und HipHop und dann wurde ich Vater und ich verpasste ein paar Jahre lang die neuesten Entwicklungen. Doch dann ging es weiter mit Country und Psychobilly und noch mehr Punk und Reggae. Und all das drehte sich auf meinem Plattenspieler beziehungsweise in meinem CD-Player und es wurde immer mehr und mehr und mehr…
Und ich merkte, dass ich nicht nur immer mehr Musik hören wollte, sondern auch immer unterschiedlichere und anstatt, dass ich immer nur das gleiche hörte, hörte ich immer mehr neue Sachen, so dass ich plötzlich auch Jazz zu schätzen wusste.
Natürlich kaufte ich viele Alben auf Vinyl, dann als CDs und später lieh ich mir CDs aus der Bücherei aus – riesige Stapel – dann entdeckte ich das Streaming, woraufhin mein Musikgeschmack vollends eskalierte.
Heute bin ich glücklich, nicht festgelegt zu sein. Ich liebe Punk und vor allem die punky Reggae-Party, über die schon Bob Marley gesungen hatte, und auch der Soul weiß meine gebeutelte Seele zu erfreuen.
Und abends genieße ich den Cool Jazz von Miles Davis und Chet Baker.
Dann weiß ich, dass ich jemand sein möchte, der neugierig ist, auch und gerade, was Musik angeht.
Es mag nichts Neues auf der Welt geben (also wahrscheinlich auch keine wirklich neue Musik), aber ich habe noch nicht alles gehört, was es so gibt.
