Von Chrisz Meier (23.06.2026)
Hallo. Ich bin Chrisz Meier und arbeite bei einem Bürgerradio in Südwest-Niedersachsen. Der Sender bekommt ständig Promo-CDs zugeschickt, die niemand verlangt hat und um die sich niemand kümmert. Diese CDs landen dann mitsamt ihrem Beipackzettel der Plattenfirma, auf der die jeweilige Band stets als die Neuerfinder der Musik gepriesen wird, in einer schmucklosen Ablage, beschriftet mit „Zum Mitnehmen“. Einige der bei dem Sender ehrenamtlich Tätigen, Betreiber ihrer eigenen Radioshows, bedienen sich daraus, vieles bleibt aber dennoch liegen. Diese Liegengebliebenen durchforste ich in unregelmäßigen Abständen, immer auf der Suche nach unentdeckten Perlen – nicht zuletzt deswegen, weil ich, selbst Teil einer Band, der keinerlei Beachtung entgegengebracht wird, es ungerecht finde, diese mit viel Herzblut und Zeit hergestellte Musik einfach zu ignorieren.
Also werde ich an dieser Stelle hin und wieder ein paar dieser Liegengebliebenen vorstellen. Und ja, dieser Text steht am Anfang jeden Teils dieser Reihe. Der letzte Beitrag ist nämlich schon vier Monate alt und niemand guckt nach „älteren Beiträgen“, oder?
Heute habe ich viel Instrumentalmusik dabei. Den Anfang machen Glen aus Berlin, die mit „It Was A Bright Cold Day In April“ schon ihr viertes Album vorlegen. Ich muß leider sagen, daß ihre Songs bei mir überhaupt nicht zünden. Hier passiert außer ewigen Wiederholungen über immer gleich bleibende Melodien (mit etwas Dynamik) nämlich – nichts. Die meist überlangen (5 bis 14 Minuten) Versuche, mit maximal zwei simplen Riffs Spannung zu erzeugen, mißlingt, trotz aufwendiger Instrumentierung und zugegebenermaßen glasklarem Sound. Auf dem Cover sind die Texte für die fünf Lieder zwar abgedruckt, aber jemand hat vergessen, sie auch einzusingen. Kann ja jedeR für sich zuhause nachholen. Der fünfte und längste Track dann (14 Minuten) hat ein siebenminütiges Intro, um dann weitere sieben Minuten vor sich hin zu daddeln, jetzt aber mit Schlagzeug. Das Ganze erinnert mich mehr an landscapes als an Songs und wer sowas mag, sollte sich Glen ins Haus holen.
Glen: It Was A Bright Cold Day In April
LP, CD, Digital
Kapitän Platte (2026)
Für mich noch langweiliger als Glen klingt Magnify The Sound auf „Searching For A Quiet Place“. Sie sind der Beweis dafür, daß aus Norwegen auch mal nicht so tolle Musik kommen kann. Auf diesem Album passiert überhaupt nichts, es ist Stillstand in Musikform. Einschläfernde sphärische Sounds ohne Ziel und ohne Absicht. Vielleicht ist dies sogar Musik für Leute, die mit Musik nichts anfangen können, wer weiß. Innerhalb der sechs Songs werden jeweils die Sounds von verschiedenen Instrumenten, gespielt von im wesentlichen zwei Menschen plus ein paar menschliche Stimmen übereinandergeschichtet, um Atmosphäre zu erschaffen. Immerhin werden Magnify The Sound dem Albumtitel gerecht, denn allzu laut geht es hier wirklich nicht zu.
Magnify The Sound: Searching For A Quiet Place
LP, CD, Digital
Crispin Glover Records (2026)
Auch beim nächsten Album passiert nichts, das aber etwas abwechslungsreicher als eben. „Forever The Optimist“ von Thistle Sifter scheint das Projekt eines einzelnen Mannes zu sein, der hier mit einigen Gastmusikern ein acht-Song-Album unter dem Etikett Post Rock aufgenommen hat. Zu hören sind mit Streichern pompös aufgeblasene Arrangements über simple Melodien, die nichts bei mir anrichten. Auch hier bleibt es instrumental, von ein paar Sprachsamples abgesehen. Die ganze Platte macht auf mich den Eindruck einer Abschlußarbeit eines Musikhochschulabsolventen: Technisch perfekt, aber inhaltsleer. Hat man die ersten acht Takte eines Songs gehört, kennt man das ganze Lied. „Forever The Optimist“ ist wirklich gut als Hintergrundmusik geeignet. Mir fällt bloß partout kein Anlaß ein, wobei ich diese Musik gerne im Hintergrund hören wollen würde. Aber bitte, wer Musik, die gar nicht stört, mag, ist hiermit bestens bedient.
Thistle Sifter: Forever The Optimist
LP, CD, Digital
Freia Music (2026)
Und schon wieder Instrumentalmusik, diesmal Rock. Schwerer Rock mit Klavier. We Stood Like Kings beginnen ihr Album „Pinocchio“ mit einem Blender. „Assassins“ beginnt mit einem Hook, das im Ohr hängenbleibt, untermalt von einem zeitgemäßem Drumspiel und -sound, der Lust auf mehr weckt. Zwischendrin verwirren dann drei kurze Free-Jazz/Progrock-Passagen und man wird neugierig, zumal da ja auch noch dieses für das Genre eher ungewöhnliche Klavier im Raum steht. Schon ab Song zwei wird dann aber mehr und mehr klar, daß hier nichts Besonderes zu erwarten ist. Die Songs klingen zunehmend nach dem Baukastensystem aneinandergesetzt: Dort ein Hochhaus, hier eine Brücke. Das recht dominante Klavier setzt dabei zwar Akzente, aber halt keine spannenden. Die Melodiebögen werden vorherseh- und berechenbar. Da haben andere in den meist eineinhalb Minuten, bevor die Songs anfangen, loszugehen, Größeres erschaffen. Positiv zu vermelden ist wieder einmal die druckvolle Produktion. Außerdem wird es hier und da wenigstens rhythmisch interessant. Ja, das klingt heavy, ja, das ist vermutlich sogar zeitgenössischer Heavy Rock, lässt mich aber insgesamt kalt.
We Stood Like Kings: Pinocchio
LP, CD, Digital
Kapitän Platte (2026)
Zum Schluß nochmal was mit Gesang, und diese Scheibe ist die mit Abstand interessanteste für heute. Sugar Horse aus Bristol nennen ihre Musik Experimental Rock, und mit der Bezeichnung macht man nichts falsch, kann sie doch vieles bedeuten. Und es bedeutet auch viel auf ihrem dritten Album „Not A Sound In Heaven“. Ständig wird hier hin- und hergewechselt zwischen den Zuständen „maximal unzugänglich, verstörend“ und „hochmelodiös“. Hier trifft 80er Synthie-Wave-Sound auf Screamopassagen – in einem Song. Der nächste ist dann was ziemlich anderes. Das ist zwar nicht immer und nicht durchgehend schön, aber wenigstens unvorhersehbar. Einige Passagen erinnern ganz entfernt an Killing Joke, andere („You Can’t Say Dallas Doesn’t Love You“) an Bauhaus, wieder andere an Korn. Auch die Songlängen halten sich an keine Vorgaben, sie reichen von radiokompatibel bis zu zehn Minuten. Im Gegensatz zu den anderen hier besprochenen Scheiben schaffen es Sugar Horse hier, durch Länge tatsächlich Spannung aufzubauen – und diese dann auch aufzulösen. Als Sahnehäubchen sei noch das offenbar vorhandene politische Bewußtsein der Band erwähnt, die zumindest die doppelten Standards in der Berichterstattung des globalen Nordwestens benennen können. Lobenswert.
Sugar Horse: Not A Sound In Heaven
LP, CD, Digital
Fat Dracula Records (2026)





