Fenris – Golaim/Amaterasu – Fenris 2021/2025/2026

Von Matthias Bosenick (17.09.2026)

Das ist auch mal schön in Zeiten, in denen alles überall verfügbar ist: Infos zu Fenris gibt’s nämlich auf den üblichen Plattformen nicht, also Discogs oder The Metal Archives, wo ja ansonsten wirklich jedes obskure Demo gelistet ist. Immerhin Bandcamp steht uns Hörenden zur Verfügung, um die Alben der Band aus Nantes zu konsumieren, zudem auch weitere Streaminganbieter, auf denen das Metal-Quintett sein vorletztes Album „Golaim“ frisch neu verfügbar macht, längst eingeholt im Herbst von einem Nachfolger, nämlich „Amaterasu“. Für ihren Sound bedienen sich die fünf bei so ziemlich allem, was irgendwie hart und verzerrt rockt, und zwar weltweit. Da stecken dann Guns ‘N Roses ebenso drin wie Iron Maiden – und ganz viel Eigenes, sonst wär’s ja langweilig.

Man hört hier nämlich keine Kopie von irgendetwas Konkretem heraus, aber durchaus die Einflüsse, und derer hat die Band unendlich viele, so viele, dass die Kombination aus allem wieder einzigartig ist. Noch besser: Fenris vermeiden dabei die peinlichen Anteile sämtlicher Einflussgeber weitestgehend, und die gibt es ja durchaus. Wenn also schon der Sleaze der Gunners, dann etwas weniger breitbeinig, weil gleichzeitig ja noch andere Anteile stattfinden. Twin-Gitarren gniedeln, sofern sie nicht mit heavy Riffs und flächigen Licks die Songs voranbringen, der Galopp der BWoBHM setzt kurzzeitig ein, der Western-Stil von Bon Jovi findet Einlass, das Heruntergedimmte von Black Sabbath klingt an, den Alternative-Rock der Neunziger kann man ahnen, und nicht zuletzt lässt sich sogar etwas Progressives heraushören, nicht nur, weil die Songs in sich ungemein vielseitig ausgestaltet sind, sondern auch, weil an mancher Stelle eine Pink-Floyd-Gitarre im Rocksound soliert. Insgesamt ist alles recht oldschool, das Moderne an der Musik ist die Kombination aus diesen damals eher parallel laufenden Subgenres. Dazu wählt die Band einen Gesang, der passenderweise eher rauher Rock ist als irgendeine spezifische Sorte Metal. Und auf Französisch!

Bei Fenris geht es nicht um Tempo, die Songs stampfen, rocken, manchmal balladieren sie und setzen – nicht nur – dafür sogar eine Akustikgitarre und Synthies ein. Man kann den Kopf zur Musick nicken, und zwar schwer nicken. Manchmal kann man altstadtfesttaugliche „Ohh“-Chants mitsingen. Diese Melange wenden Fenris auf beiden Alben an, wobei festzustellen ist, dass sie auf „Amaterasu“ wütender sind als auf „Golaim“: Die Riffs sind streckenweise punktierter in die Tiefe gerichtet und der Gesang böser, sogar bis hin zum Growlen, nur in Einzelfällen, aber ausgeprägter als vier Jahre zuvor. Mehr eingespielte Samples sind außerdem zu vernehmen.

Bei jenem „Golaim“ dürfte es sich um den Míl Espáine handeln, den spanischen Soldaten, der als der Urvater der Gälen gilt, die Irland besiedelten. Sofern es nicht die französische Variante des Golem aus der jüdischen Mythologie ist, der im dritten Track „Don de Prométhée (Golem)“ immerhin in Klammern auftritt und den genannten zum Titelsong machen würde. Der zweite überlange Song – der genannte neun, der folgende sieben Minuten – heißt „Baldr“, spielt also auf nordische Mythologie an, was nach wie vor beide Erklärungen für „Golaim“ zulässt. Hm. Für „Amaterasu“ wechseln Fenris – da wären wir nebenbei wieder bei nordischer Mythologie – den Kontinent: Die genannte ist die Sonnengöttin der japanischen Shinto-Religion. Ihr Song bildet abermals den längsten des Albums, an die zehn Minuten nämlich, und beinhaltet zudem die eigenwilligsten Sondereffekte – weibliches Wispern und Singen auf Japanisch und gebellter Rap etwa.

„Golaim“ und „Amaterasu“ sind Album Nummer zwei und drei von Fenris. Vermutlich. Gegründet wurde die Band 1998, als erster Tonträger erschien 2004 die EP „Comme s’il n’importait rien“, und 2008 die zweite, „A perdre Raison et Conscience“. Erst 2013 folgte mit der EP „La Dictature du Bonheur“ der Beginn dessen, was Fenris heute ausmacht, und die erste Veröffentlichung, die auch auf Bandcamp zu haben ist. Mit „Les Larmes de Cassandre“ erschien erst 2017 das Debütalbum. Den Nachfolger „Golaim“ schreibt die Band übrigens „GolAIm“. Noch schwieriger ist es, die Bandmitglieder zu recherchieren. Irgendwann gaben die anderen vier bekannt, dass mit Anthony Feniya ein neues Mitglied dabei ist – aber wie die anderen heißen, bleibt offen, die Suchergebnisse uneindeutig; Alan, Konda, Jayce, Mano, Cyril und Jannik „Papy“ Perraud werden aufgelistet, was etwas viel ist für ein Quintett.