Doppler – Pourquoi ce Disque? – Bigoût Records/Atypeek Music 2026

Von Matthias Bosenick (19.05.2026)

Hard- und Mathcore schreiben Doppler (Eigenschreibweise: DOPPLeR) aus Lyon auf ihre Schublade, aber hört man sich „Pourquoi ce Disque?“ an, das erst dritte Album in fast 30 Jahren Bandgeschichte, öffnen sich noch ganz andere Horizonte. Die Mucke frickelt, bratzt, noiset, gönnt sich aber auch mal Ruhe. The shape of Sleepytime Gorilla Fugazi to come, möglicherweise.

Gleich mit „The Screening Stops“ unterwandern Doppler sämtliche Erwartungen, die man an Math- oder Hardcore hat: Der Einstieg ist entspannt, experimentell, und doch wuchtig, und erinnert in seiner anspruchsvollen Verspieltheit an Sleepytime Gorilla Museum. So richtig die Algebra und den Abakus packen Doppler dann mit dem Quasi-Titellied „Incipit Excipit“ aus, das die Frage, wozu überhaupt diese Platte nötig ist, als Sample im Intro hat und mit einem frickelig-zerbrochenen Rhythmus Stop-And-Go spielt. Abseits von allem -core bewegt sich dann „Of Pieces That Break“, denn das lässt mit seinem angenehmen Noiserock-Gniedeln Dinosaur Jr anklingen. Noch mehr Referenz: Dreivierteltakt-Filigranität kombiniert mit Lärm wie bei The Notwist bietet „Piano Cass“, und die haben das ja vorgemacht, wie man nachvollziehbar vom Hardcore zum Experiment weitergeht.

Kurzer Zwischenstopp: Hier wird einem beim Hören die Melancholie deutlich bewusst, die man die ganze Zeit schon unterschwellig wahrnimmt. Was auch immer an -core die Jungs aus Lyon hier bringen, es geht nicht um Aggressivität, auch wenn’s mal auf die Zwölf geht. Dazu passend ist der Gesang sehr angenehm, eher klar, nicht geschrien, und bisweilen kommt die Band sogar ganz ohne aus.

Weiter im Programm: Mit „The Last Drop“ setzten Doppler beim frickeligen Jazz-Core an, also einem bei den späteren Fugazi inspirierten Post-Hardcore, inklusive Rim Clicks. Streicher wiederum hört man im Break von „Snowflakes In An Avalanche“, das danach so richtig losnoist, mit den inzwischen vertrauten angeschrägten Gitarren und punktgenauem Riffing – dieses Stück könnte „The Shape Of Punk To Come“ von Refused im Blut haben. Zuletzt hat die Kombination aus reduzierter knochiger Gitarre und stillen obskurer Soundeffekten im Hintergrund etwas von Sqürl, aber dann bratzt es auch schon wieder los.

Wieder einmal kann man nicht glauben, dass es sich bei Doppler um nur drei Leute handelt, die sich da 1998 in Lyon zusammentaten: Bassist und Sänger Xavier-Alexandre Amado, Gitarrist und Sänger Yoann Brière und Schlagzeuger und Sänger Yann Coste. 1999 warfen sie ihre erste Single „51“ in den Ring, 2001 gefolgt von einer Split-EP mit Ned und den wundervollen Titel „Der Hase ist grün“ sowie einer selbstbetitelten EP. Erst 2004 erschien das Debüt-Album „Si nihil aliud“, 2009 der Nachfolger „Songs To Defy“ – und dann setzte 2010 eine zehnjährige Pause ein, die die Band 2020 live unter dem vergnüglichen Namen „10th Anniversary Of Death“ beendete. Und nun mit dem dritten Album krönt.