Von Matthias Bosenick (18.05.2026)
Der Mann meint’s ernst: Zweieinhalb Stunden dauert „Caravaggio“, das fünfte Solo-Album von Stefano Panunzi. Auf 24 Tracks beleuchtet der Römer mit prominenter Hilfe die barocke Hell-Dunkel-Ästhetik des titelgebenden Malers und befleißigt sich dafür maßgeblich der Gestaltungsform des – wie passend – Art-Rock. Freunde von Marillion mit Steve Hogarth oder von Steven Wilson dürften hier ihre größtmögliche Freude erfahren, für alle anderen sind hier immer noch einige tolle Momente verteilt. Man braucht aber eine Menge Sitzfleisch, um diese Flut zu bewältigen.
„Endless“ heißt irgendwo mittendrin ein Track, und sobald man das Wort gesungen vernimmt, möchte man ihm zustimmen: Endlos kommt einem das Album vor. Alle Instrumente machen exakt das, was man im soften progressiven Art-Rock mit Jazzeinflüssen erwartet, also L’art pour l’art, ohne Rücksicht auf Kompositionen. Und alle Instrumente sind hier eine Menge, neben dem in den Hintergrund gerückten Kerngeschäft aus Gitarre – diese indes weniger für den Rock, vorrangig für die Soli – und Bass zum präsenten Schlagzeug sind dies auch Klavier, Synthies, psychedelisch-folkige Flöten, Streicher, Trompeten, Oboen und wer weiß, was noch (Panunzi dürfte es wissen). Die damit entstandenen Tracks sind eine Kombination aus Wiederholung und Gniedeln, aber es bleibt nicht viel hängen, es fließt vorbei, es hat kaum Konturen. Somit fordert es einiges von den Hörenden ab, und wer damit nix anfangen kann, möchte alsbald wütend seine Abspielgerätschaften mit Stahlbeton beschweren und aus dem nächstbesten Hotelfenster werfen.
Zweieinhalb Stunden unendliches unteres Mid- bis Lowtempo sind so viel, dass man nix zu verpassen glaubt, wenn man mal kurz mit der Aufmerksamkeit oder auch dem Rest des Körpers irgendwoanders ist. Was nicht ganz stimmt, weil Panunzi sekundenkurze Spezialitäten in die gemächlichen Flüsse legt oder auch sonst mal vom Kerngeschäft abweicht. Immerhin lässt diese Art der songlosen Komposition Kitsch gar nicht erst zu, Klischees hingegen sehr.
Fangen wir an mit dem Intro des neunminütigen Openers „Caravaggio“, der so heißt wie ein barocker Maler und der dem Doppelalbum mit dem selben Namen seinen Titel gibt (Gruß an Guido): Zum Auftakt gibt es ein orientalisches Saiteninstrument, bevor der softe Art-Rock-Reigen losgeht. Das Orientalische findet sich im nächsten Track „I No Longer Know Who You Are“ in Form von Percussion wieder, nach der Hälfte des Tracks überrascht Panunzi außerdem mit einem sekundenkurzen bratzigen Gitarrensolo inmitten des Wattemeers, also einem ohne N. „No More Wars“ rüttelt später mal etwas auf, mit fetten Drums, überhaupt mal etwas flotter und gefühlt kantiger als die vorherigen Stücke. Nochmal kurz: „Isolation“ hat plötzlich ein abstraktes Synthie-Solo und ein Saxophon, vier Sekunden lang. Es ist noch nicht einmal die Hälfte des Albums vergangen.
Für „Hymn“ verwendet Panunzi eine voluminösere Snare, auf einmal ist abermals enorm kurz ein geiler, knarziger Bass zu hören, und zwar nicht als Groove-Instrument, sondern als Mitgestalter des Tracks. „Don’t Touch Me“ groovt und hat ein mitreißendes Saxophon-Duell. „If It’s Not Love, What Is?“ startet mit einem Synthie-Pop-Intro mit kraftvollem Keyboard und begleitet dies mit einer popjazzigen Till-Brönner-Trompete. Nochmal Achtziger zitiert „Tribal Innocence, Part 2“ mit so etwas wie Synthiepop-Rock. Uff. Wie lang noch? In „Hold“ erinnert das Gesangsarrangement an das des späteren David Bowie, nach einem Oboensolo erscheinen plötzlich ein Synthieblubbern wie im Future Pop und eine knarzende Gitarre, dann Industrial-Bratzbeats mit Flöte. „Sea Of Madness“ endet minutenlang mit dezenten soundscapeartigen Glitches. Zuletzt schickt Panunzi seine Mitstreiter episch nach „Gaza“.
Seine Mitstreiter lassen wir Panunzi einfach mal inklusive Links zu bisherigen Einsatzfeldern unverifiziert selbst aufzählen: David Torn (David Bowie, David Sylvian), Theo Travis (Soft Machine Legacy, Porcupine Tree, Steven Wilson), Markus Reuter (The Crimson ProjeKct), Colin Edwin (ex-Porcupine Tree, O.R.k.), Nicola Alesini (David Sylvian, Harold Budd), Saro Cosentino (Franco Battiato, Radiodervish), Fabio Trentini (ex-Le Orme), Luca Calabrese (Richard Barbieri), Giacomo Anselmi (Goblin Rebirth), Fabio Fraschini (Novembre), Grice, 05Ric (Gavin Harrison), Alessandro Borgo Caratti, Alessandro Inolti und Nicola Lori (Fjieri). Bei jenen Fjieri handelt es sich um Panunzis Hauptband; seine bisherigen Solo-Arbeiten finden zudem zweimal Nachhall auf „Caravaggio“: „Every Drop Of Your Love“ erschien 2023 auf „Pages From The Sea“ und „Tribal Innocence“ 2005 auf dem Debüt „Timelines“. Wie, der Text ist lang? Das Album ist länger.
