Atsuko Chiba – Atsuko Chiba – Mothland 2026

Von Matthias Bosenick (06.05.2026)

Wenn Atsuko Chiba aus Montréal ihr viertes Album „Atsuko Chiba“ nennen, heißt es dann wie die Band oder wie die Figur aus dem Anime „Paprika“, nach der die Band benannt ist? In gut einer halben Stunde breitet das Quintett eine Musik aus, die mit Indie-Rock irreführend bezeichnet wäre, da sie zwar mit Rock-Instrumenten erstellt ist, aber nicht so klingt. Das hier ist kunstvoll, unkonventionell, experimentell, aber immer schmeichelnd, eingängig, schön.

Vergleiche fallen einem ein, sobald man das Album auflegt, und zwar über die sechs Songs verteilt wechselnde: Der langsame Opener „Retention“ lässt an die späteren dEUS denken, nachdem sie den Noise abgelegt hatten, immer der Hörbarkeit zugewandt und doch noch einige Schritte entfernt davon, Pop zu sein, obschon es sich wie eine schöne Welt ausmalen lässt, in der solche Musik als Pop im Radio liefe. „Pretense“ hat das Weiche der späteren Mercury Rev, ebenfalls aus der Zeit, nachdem jene den Noise ablegten. Erst mit „Future Ways“ zieht die Band das Tempo an, der Song öffnet die Tür in die psychedelische Kraut-Disco, der Gesang, nicht die Stimme, erinnert weiter an Jonathan Donahue.

Eine Art minimalistischer Ritual-Chant ist „Tar Sands“, psychedelisch unterfüttert, mit Spoken Word statt Gesang. Das Stück steigert sich in der Intensität, nicht im Tempo. „Torn“ bleibt entschleunigt, obschon eine leicht quäkende Melodie darüber schnell zu wirbeln scheint. Neun Minuten lang rollen Atsuko Chiba abschließend „Locked And Array“ aus, zunächst zur Akustikgitarre, die einen stillen Blues zugrundelegt, mit dem man an Three Fish denkt oder an die Cowboy Junkies. Später übernehmen sphärische Drones das Bild, die zuletzt leicht dissonant werden. Ein schöner Abschluss.

Atsuko Chiba halten sich nicht an Konventionen. Das, was bei ihrer eigensinnigen Herangehensweise entsteht, ist dabei aber dennoch nicht unhörbar, kein Lärm, kein Noise, keine Avantgarde, es ist zugänglich, schön, nachvollziehbar, nie vorhersehbar. Sie halten sich an keine Trends, sie bleiben ganz bei sich, auch wenn man Analogien findet, aber das macht das Hirn ja automatisch, dass es nach Vertrautem sucht.

2014 veröffentlichten Atsuko Chiba mit „Jinn“ ihr Debüt, es folgten weitere Alben und EPs. Nicht auf „Atsuko Chiba“ enthalten ist die Doppel-Single „Climax Theory/Pope’s Cocaine“ vom August 2025, obwohl das Album mit diesen beiden Songs immer noch nicht die Dreiviertelstundenmarke überschritten hätte. Die Band besteht aus: Sänger und Gitarrist Karim Lakhdar, Gitarrist und Keyboarder Kevin McDonald, Bassist Davide Palumbo, Schlagzeuger Anthony Piazza und Gitarrist Eric Schafhauser.