Der Finger – Telepathie – Der Finger 2026

Von Matthias Bosenick (06.05.2026)

Wenn der Krieg die Menschen zur Trennung zwingt und beispielsweise den Fortbestand eines gemeinsamen musikalischen Projektes unmöglich macht, kann man heutzutage dankbar sein, dass mindestens letzteres via Technik überwunden werden kann. Das Impro-Experimental-Duo Der Finger, eigentlich aus Russland, wurde getrennt – und entwickelte ein eigenwilliges Konzept, um über technische „Telepathie“ trotzdem ein gemeinsames Album erstellen zu können, gleichzeitig in Ghent und in Moskau. Die auf diese Weise entstandene Musik ist so herausfordernd wie die Umstände – und dient zudem als Grundlage für wissenschaftliche Betrachtungen.

Für dieses Experiment vereinbarten Schlagzeugerin und Saxophonistin Evgenia Sivkova in Gent und Gitarrist Anton Efimov in Moskau drei jeweils zwanzigminütige Aufnahmesessions, die sie jeweils gleichzeitig starteten, aber ohne direkten Kontakt zueinander durchführten. Beide Musizierende improvisierten vor sich hin – und stellten beim späteren Durchhören der gemeinsamen Aufnahmen fest, dass sie häufig in Tonhöhe, Takt, Pausen oder anderen Parametern ähnlich bis identisch tickten. Sie führen dies darauf zurück, dass sie über die Jahre der Zusammenarbeit auf intuitiv gemeinsame Erfahrungen zurückgriffen. „Strukturelle Konvergenz in isolierter musikalischer Improvisation“ nennen sie ihr wissenschaftliches Papier dazu, „Telepathie“ das aus diesen Aufnahmen entstandene Album.

Neun Tracks stellten Der Finger aus den Aufnahmen zusammen, jeweils betitelt nach den Sessions, also „Take Three Part One“ etwa für den Opener, der wie alle Tracks einen Zusatztitel trägt, hier „Member“. Dieser erste Track ist neun Minuten lang, der vierte, „Take Two Part One (Hair)“ eine Viertelstunde, die anderen zwischen einer und sieben Minuten – das Duo filterte also die Aufnahmen und stellt die kompletten Sessions als separaten Download zur Verfügung.

Dissonanzen bis Noise auf der Gitarre gehören bei Der Finger zum guten Ton, ein frei stolperndes Schlagzeug ebenso, und angesichts der Voraussetzungen staunt man nicht selten, wie häufig beides dann doch zu etwas zusammenfindet, das man als eine Art experimentelle Rockmusik auffassen könnte oder dem sogar eine Schönheit innewohnt. Auch zu Eruptionen sind beide in der Lage, ebenso zum gemeinsamen Flirren an Gitarre und Saxophon; dann lässt sich der Free Jazz als Etikett bereitwillig vergeben. Nicht zu vergessen der Humor: So ein Kazoo verwendet sich sicherlich nicht ohne ein Schmunzeln.

So schön es auch ist, dass man räumliche Distanzen heutzutage technisch überwinden kann, soll nicht verschwiegen sein, dass ein Ende der dies erfordernden Umstände zu begrüßen ist. Und das am besten, indem derjenige Mensch, der sie auslöst, seine Machenschaften beendet, außen- wie innenpolitisch.