Von Matthias Bosenick (05.05.2026)
Zurück in die Zukunft! Hier treffen zwei historische Gruppierungen des Acid House aufeinander, kurioserweise erstmals, obwohl sie beide aus Manchester sind: 808 State und Humanoid, also Graham Massey und Brian Dougans, also zusammen rund 40.000.000 Jahre Musikgeschichte, denn beide Beteiligten tobten sich in den zurückliegenden 40 Jahren auch in diversen Neben-, Haupt- und Sonderprojekten aus. Auf der EP „In Place Of Language“ machen sie: Acid House, als wäre es noch 1988, nur heute. Man kann ihnen nicht mal böse sein, schließlich gehören sie beide zu den Pionieren dieser Electro-Spielart. Und sie machen es gut.
Es sind nur vier Tracks, mit denen das Gespann auf den Plan tritt. Dabei hangelt sich „Optica“ zunächst noch gar nicht so sehr am Acid entlang, vielmehr am Minimal House, mit repetitivem Kopfnicker-Beat mit Handclaps und eingepflegten Samples, erst später dringt die typische Roland-TB-303-Soundkulisse hinzu, eher untergeordnet. Man fühlt sich zu einer spacigen Party aufgefordert du tanzt bereitwillig mit. Für „Vasco“ ziehen die beiden das Tempo an, bleiben im Minimalen und integrieren gar Industrial-Effekte, bevor das Acid-Blubbern wieder im Hintergrund die Beine antreibt. Man hört, wie die Musiker an den Knöpfen ihrer Apparaturen herumdrehen.
Die B-Seite rotiert dann umso mehr im klassischen Acid-Stil, der gute Roland blubbert sofort los, sobald „Raid“ beginnt. Für den Track holte sich das Duo Unterstützung bei Will White von den Propellerheads, also der nächsten Generation. Was vermutlich gar nicht nötig gewesen wäre, aber vermutlich ist der Mann auch nur deshalb genannt, weil Massey und Dougans irgendwas von ihm sampelten. Der Track ballert gut los, die Drums brettern zwischendurch, die Synthies machen Lärm. Für „Ruby Chan“ bremsen sie sich danach wieder aus, gehen in den Downbeat, mit den smoothen Trompeten eher in den Acid Jazz, und lassen die Beats sanft zirpen. Ein atmosphärischer, chilliger Rauswerfer.
Wenn von beiden Bands je nur ein Musiker beteiligt ist, warum gibt man sich keinen gemeinsamen Projektnamen? Klar: der Aufmerksamkeit wegen, die diese Veröffentlichung so generiert. Sowohl 808 State als auch Humanoid traten 1988 in Manchester auf den Plan – erstere mit „Let Yourself Go“, das nicht auf dem im selben Jahr erschienenen Debütalbum „Newbuilt“ enthalten ist, und zweitere mit „Stakker Humanoid“, das es ebenfalls nicht auf das Debüt „Global“ aus dem Folgejahr schaffte. Und das waren nur die Anfänge: 808 State eroberten in den Neunzigern noch die Charts, unter anderem mit der Hilfe von Björk, Quincy Jones, UB40, Ian McCulloch und James Dean Bradfield. Nach den ersten arbeitsintensiven Jahren erschien in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten lediglich das Album „Transmission Suite“, und das war bereits 2019. Nicht sagen kann man indes, Massey sei untätig gewesen, bei den zahllosen Nebenprojekten – von denen aber keines den Rang von 808 State erreichte.
Anders sieht es bei Humanoid und Dougans aus: Sein Hauptprojekt ist Future Sounds Of London, und mit dem erreichte er größere Aufmerksamkeit als mit Humanoid. Die Neunziger-Alben „Lifeforms“ und „Dead Cities“ erreichten hohe Chartplatzierungen, für solche experimentelle Electromusik ist das recht ungewöhnlich, aber vermutlich nicht im Vereinigten Königreich. Seitdem ballern FSOL eine Veröffentlichung nach der nächsten auf den Markt, manches auch als Amorphous Androgynous. Seinen musikalischen Werdegang startete Dougans bereits 1983 als Zeebox, Aufnahmen davon gab es aber erst später zu hören. Als Humanoid ist er nach 20 Jahren Pause seit 2018 wieder kontinuierlich im Einsatz, 2023 erschien das jüngste Album „Sweet Acid Sounds“, und der Titel sagt ja schon alles. Nicht vergessen werden soll in diesem Zusammenhang natürlich, dass Acid House bereits zwei, drei Jahre zuvor in Chicago entwickelt wurde; im UK waren Dougans du Massey aber die Wegebner. Das farbenfrohe Vinyl ist übrigens bereits ausverkauft.
