Von Guido Dörheide (28.08.2026)
Moonspell – Deep Purple – The Rolling Stones
Dieses Mal erscheint meine Monatsrückblickskolumne wieder folgerichtig im Folgemonat, aber ohne das „sonst noch“ im Titel, da ich es bisher nicht hinbekommen habe, eine der zahlreichen schönen Juli-Neuerscheinungen einzeln zu rezensieren. Der August im Hause Dörheide ist überschattet vom Unfall unseres dreijährigen Katers Fritz: Am Morgen des 7. August fand die Liebste den kleinen schwarzweißen Kater reglos auf dem Grundstück unseres heruntergekommenen Mehrfamilienhauses zu liegen. Er blutete stark. Unsere Tierärztin in Goslar fertigte ein Innenporträt mittels X-Strahlung an und schickte uns sofort in die Tierärztliche Hochschule Hannover. Dort folgten weitere Aufnahmen, Ergebnis: Höchstwahrscheinlich hat ihn ein Fahrzeug hinten rechts angefahren, beidseitiger Beckenbruch, komplett überdehnte Bänder in den hinteren Sprunggelenken und zahlreiche Hautabschürfungen, Wirbelsäule zum Glück OK. Nach Operation und knapp einwöchiger Nachsorge haben wir ihn wieder nach Hause holen können. Seitdem lebt Fritz in einen Käfig und muss uns Bescheid sagen, wenn er mal aufs Klo möchte. Das ist kein Leben für eine Katze. Wenn die Hinterbeine nichts mehr werden, müsse er eingeschläfert werden, sagte die Goslarsche Tierärztin; zum Glück bemüht sich der Kleine seit einigen Tagen eifrig, sich aufzustellen, hinzuhocken und innerhalb des Käfigs ein paar Schritte zu gehen. Die Liebste und ich hoffen, dass er damit über den Berg ist und es nun nur noch aufwärts geht. Das Haus verlassen wird er nie wieder, da sind wir uns einig. Er war eh immer so selten und nur ganz kurz draußen, und dann geht er mal über Nacht raus und dann sowas.
Von daher war in den letzten Wochen keine Zeit zum Schreiben, allein die Fahrt vom Harzgebirge zur Hochschule und zurück, die wir einige Male machen mussten, nimmt inkl. Wartezeit immer fast einen halben Tag in Anspruch.
Bock auf Mucke hören hatte ich trotzdem gehabt, und was alles so an geilem Zeug erschienen ist, lesen Sie im Folgenden:
Moonspell – Far From God/Far From God And Other Spells (EP) – Napalm Records 2026
Moonspell, die gotische Metalinstitution aus Portugal, hat zuletzt 2022 mit dem wunderbaren Live-Album „From Down Below – Live 80 Meters Deep“ (schöön metrisches System mit Metern anstelle von Fuß – vorbildlich!) von sich Reden gemacht haben, veröffentlichen mit „Far From God“ heuer das erste neue Studioalbum seit dem 2021er „Hermitage“. Und das Warten hat sich gelohnt: Fernando Ribeiros Stimme ist warm und düster wie immer, Gitarre und Bass tönen filigran und erzeugen eine finstere Stimmung, ohne die Hörenden mit donnernden Klangwänden zu erschlagen, dazu gibt es stimmungsvolle Synths und Orgeln und ein Schlagzeug, dass herrlich trocken und stoisch das Fundament für all die Düsternis liefert. Manchmal höre ich Moonspell einfach lieber als Paradise Lost oder My Dying Bride, und sogar genauso gerne, wie ich früher Fields Of The Nephilim gehört habe. Man spule einfach mal beim Titelstück „Far From God“ auf Minute 3:30 vor und lausche dem dortigen Gitarrensolo: Es klingt einfach und unspektakulär und haut einen dennoch um, so gut passt es dort hin, und dann übernimmt wieder Ribeiros unverwechselbarer Gesang – großartig.
Weitere Anspieltipps: „Biblical“ – wegen des knarzenden Basses am Anfang, der geradezu kongenial von der Gitarre in den Arm genommen wird, alles fängt ruhig an und am Ende ist Ribeiro fast am Growlen und eine marillionmäßige Gitarre quinquilliert dazu – wenn auch nur kurz – auf das Vortrefflichste; „The Great Wolf In The Sky“ – allein schon wegen des skurrilen Titels und der Übersetzung des Begriff „Wolf“ in mannigfaltige Sprachen („lobo, lupus, wolf, lykos, varg“), aber auch wegen der Violine von Alicia Nurho; „For The Love Of Mortal“ wegen der Ruhigkeit des gesamten Unterfangens und des Immerlauterwerdens gegen Ende.
Die bereits Ende April erschienene EP „Far From God And Other Spells“ wartet neben zweier Versionen des Titelstücks und dreier Liveaufnahmen mit einer unglaublichen Coverversion von Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ auf: Die Gitarre kratzt, das Schlagzeug klingt hohl wie in einer Gruft gespielt, Ribeiro imitiert die Verlorenheit eines Ian Curtis so gut er kann und zwischendurch wird es laut, hart und schmerzhaft, ohne die Verletzlichkeit und Zerbrochenheit des Originals mit Füßen zu treten, das ist echt mal eine Huldigung ans Original, die demselben noch eine neue Facette hinzufügen tut.
Ob das aber wirklich Sylvester Stallone ist, der da auf dem Albumcover (gemalt vom großen und einzigartigen Eliran Kantor) eine unbekannte brünette Frau küsst, konnte ich bislang weder verneint noch bestätigt finden.
Deep Purple – SPLAT! – Ear Music / Edel 2026
Deep Purple haben uns im vergangenen Jahr mit der Steven-Wilson-Remaster-Box von „Made In Japan“ begeistert, damals noch mit Ritchie Blackmore an der Gitarre und Jon Lord an den Tasteninstrumenten – aber hey! – Ian Gillan (Gesang), Roger Glover (Bass) und Ian Paice (Schlagzeug) aus der damaligen Besetzung sind immer noch (bzw. wieder) dabei, und Don Airey macht den Tastenjob bei Deep Purple nun auch schon seit 2002 und Simon McBride ist zwar erst seit 2022 an Bord, hat aber mit der Band seit dem 2024er „=1“ heuer auch schon das zweite Album eingespielt.
Und wenn man die ersten Takte von „SPLAT!“ hört, denkt man, die Gitarre ist ja auch gar nicht so wichtig, wenn man so eine Orgel hat, aber das ist natürlich Kappes. Seit jeher ist es das Zusammenspiel von Saiten- und Tasteninstrumenten, Paices souveränes und teilweise echt schnelles und hartes Schlagzeug und Ian Gillans dermaßen NICHT nervender Gesang, die Purple zu einer der gerne gehörtesten Bands im Hard- und Progressive Rock machen. So auch hier. Sehr gut produziert von Bob Ezrin. Und Blackmore kann man natürlich ebenso wenig ersetzen wie Uli Jon Roth bei den Scorpions, aber Simon McBride begeistert mich hier wirklich sehr, sehr.
The Rolling Stones – Foreign Tongues – Rolling Stones Records / Polydor 2026
Oh Mann Scheiße, Mann, was für 1 Cover! Oben Richards, in der Mitte Wood und unten Jagger – da hätte ich mir lieber Woods Haarfrisur, Jaggers Augen und Richards’ Kinnpartie gewünscht, aber man kann nicht alles haben, und die hier gezeigte Selbstironie von Mick, Keith und Ronnie macht die drei Erzsympathen nochmal eine Schüppe sympathischer.
1990 wurde ich stolzer Besitzer der „The London Years“-Singles- und B-Seiten-Collection der The Rolling Stones und lange Zeit ließ ich nichts gelten, was die Band nach 1970 veröffentlicht hat. „Goat’s Head Soup“ und „It’s Only Rock’n’Roll“ kaufte ich mir wegen Angie und wegen der Werner-Comics und mit „Exile On Main Street“ wurde ich banausenhafterweise erst nach einigen Jahrzehnten warm. Als die Stones dann 1994 den Volkswagen Golf „Rolling Stones“, der nach der Band, dem Hersteller und einer Ballsportart ohne Pferde benannt war, veröffentlichten, legte ich mir auch das zugehörige Album „Voodoo Lounge“ zu, das mit Symbolen verziert war, die sich auch auf dem besagten Kompaktfahrzeug befanden. Und dachte „Naja, nett irgendwie. Alte Männer, die es einfach nochmal wissen wollen oder so.“
„Voodoo Lounge“ wurde 30 Jahre nach dem Debütalbum der Stones veröffentlicht und liegt jetzt 32 Jahre zurück. Es befand sich also auf jeden Fall noch vor der Mitte der Karriere der Band, wer hätte das damals gedacht? Und wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet Charlie Watts sein sollte, der irgendwann nicht mehr von der Partie ist? Das einzige Bandmitglied, das auf „Voodoo Lounge“ nicht jünger war, als ich es heute bin? Schieten egohl (wie meine Mudda sagen würde, die knapp zwei Jahre älter als Ronnie Wood und etwa zwei Jahre jünger als Jagger/Richards ist) – das aktuelle Stones-Album erzeugt bei mir sehr viel mehr Reaktion als das damalige Schulterzucken ob der „alten Männer“ – ich bin überaus begeistert. Glücklicherweise ist Charlie Watts noch auf „Hit Me In The Head“ (einem wunderbaren, straighten Rocksong, den er auch selber einzählt) zu hören, auf den restlichen Stücken bedient Steve Jordan das Schlagzeug. Richards und der über jeden Zweifel erhabene Bluesgitarrengott Wood geben alles und Jaggers Gesang begeistert mich wie schon lange nicht mehr. Jagger und Richards haben beide die 80 längst überschritten und Wood erreicht sie demnächst – Hammer, was für einen mitreißenden und maximalinspirierten Rock’n’Roll die nun mittlerweile wirklich älteren Herren hier abliefern:
Das Eingangsriff von „Rough And twisted“ ist sowas von typisch Rolling Stones, dann setzt Jaggers Gesang ein – verdammt, er klingt wie nicht mal 30 –, später spielt er auch noch Mundharmonika, als verfüge er über mehr als die üblichen zwei Lungen, Muddy Waters als einer der frühen Haupteinflüsse wird zitiert (hihi, die Haupteinflüsse von London, nimm das, Aaronovitch!) und der Song fließt. Schlechter wird es auf „Foreign Tongues“ nicht mehr: Das Riff von „In The Stars“ zitiert „Brown Sugar“, der Jagger nölt wie nur ein Jagger nölen kann und dem Ganzen wohnt eine Lässigkeit inne, wie man sie nur als Mitgestaltende der Rockgeschichte der letzten Jahrzehnte überzeugend hinbekommt. „Jealous Lover“ flirtet mit den späten 70ern und mit Disco, also mit „Miss You“ und – verdammt! – Jagger kriegt den hohen Bee-Gees-Gesang immer noch überzeugend hin. In eine ähnliche Kerbe haut „Mr. Charm“, in der der Ich-Erzähler mit unwiderstehlichem Trump-Charme die Zuhörer:innenschaft zu umgarnen weiß. Oder zu wissen meint. Auf „Divine Intervention“ zeigen die Stones, wie sie nach Jahrzehnten immer noch in der Lage sind, Rock’n’Roll, Blues und Americana gleichzeitig aus allen vorhanden Ärmeln zu schütteln und dabei 100% nach sich selbst zu klingen. Und auch hier mal wieder eine super Gesangsleistung von Mr. Jagger. Auf den Live-Alben der letzten Jahrzehnte ging er mir so oft auf den Sack, wenn er jeden Vokal um zahlreiche „Ö“s und „Ä“s anreichere, wo sie nicht hingehören, und jede Silbe dehnte, bis sie (und ich er-) brach, sowas macht er im Studio einfach mal gar nicht, und das ist großartig. Das folgende „Ringing Hollow“ ist großartiger Country, und mit Zeilen wie „Lady Liberty don’t look so good when she’s wearing a frown“ kriegt das aktuelle Amerika sein Fett weg (und Jaggers Aussprache von „Lady Libbarday“ nervt hier nicht, sondern trägt zur Untermauerung seiner Amerikakritik bei). „Side Effects“ beginnt erstmal sehr relaxed und entpuppt sich dann als Beschreibung der negativen Effekte jeglicher Art des Drogengebrauchs, unaufgeregt vorgetragen und deshalb umso eindrücklicher. Das mit 6:12 Minuten längste Stück auf dem Album, „Back In Your Life“, ist eine typische schmackesbehaftete Stonesballade, deren Text das romantische Wiederaufeinandertreffen mit einem Menschen aus der Vergangenheit behandelt, der dann doch wieder weg ist, und der Ich-Erzähler fragt sich, was es denn noch gebraucht hätte, um sich wieder endgültig ins Leben der Angesungenen hineinzuwurschteln. Jagger entblödet sich glücklicherweise nicht, mitten in diesem nachdenklichen Text das wunderbare Gitarrensolo mit einem „Come on Ronnie“ anzukündigen. Dennoch oder gerade deswegen wirkt der Song schöön nach und die Hörenden fragen sich „Ja warum eigentlich nicht?“, ohne die Protagonisten näher zu kennen. Mit Chuck Berrys „Beautiful Delilah“ klingt das Album dann würdevoll aus – die Coverversion wirkt roh und unproduziert und schließt den Kreis zu den Anfängen der Stones als Coverband der wirklich Großen des Blues.
