Von Matthias Bosenick (28.08.2026)
Na gut: Dank der Andreas Experimentierfreude, sich Accounts bei Anbietern wie Netflix, Prime Video oder Apple TV zuzulegen, verleibten wir uns zuletzt auch mal so einige Serien ein. Zum Beispiel: „Widow’s Bay“, „H/jack“, „Tschugger“, „The Boys“ und „Doppelhaushälfte“. Lehrstunden in Fremdscham, Doppelbödigkeit, Blutigkeit, Humor, Action und maßlose Überbewertung inklusive.
Widow’s Bay – Katie Dippold – Apple TV 2026
Als gefeierte Horrorkomödie geistert „Widow’s Bay“ durchs Internet, also ran an die zehn Episoden. Ein vom neuenglischen Festland übergesiedelter Bürgermeister ignoriert die Sagen um den Fluch, der auf der Insel mit dem selben Namen, die der Hauptort dort trägt, nach dem die Serie benannt ist, lasten soll. Jener Bürgermeister Tom benimmt sich nun also linkisch-kindisch, wenn er vor einem Reisereporter oder den Touristen die eindeutigen Hinweise darauf, dass der Fluch wahrhaftig ist, zu verbergen versucht, und verstrickt sich in Albernheiten, für die man sich als Zuschauer schämt. Lustig ist das nicht. Auch die anderen Charaktere sind weniger skurril, als sie artifiziell verschroben sind. Das hat nichts von „Twin Peaks“, was es offenkundig gerne haben möchte. Es hat auch nichts von Stephen King und noch weniger von einer Komödie. Schwerfällig schleppen sich die Episoden herum, gefüllt mit Blabla und in die Länge gestreckten Verzögerungen. Nicht einmal gruselige Faktoren wie die Wasserhexe oder die einem psychisch-hypnotischen Kult verfallene Rathausmitarbeiterin strahlen Gefahr oder Spannung aus, alles verpufft. Dazu kommt, dass im Grunde keine fortlaufende Handlung erzählt wird, sondern eher wie bei „Akte X“ pro Episode eine neue Merkwürdigkeit im Mittelpunkt steht, man also die Elemente, die zuvor eine halbe Stunde lang für Spannung hätten sorgen sollen, fürderhin wieder vergessen darf.
Nach vier Folgen Langeweile brachen wir das Experiment ab, die verbleibenden sechs schenken wir anderen. Dabei ist immerhin die Idee, die Serie in der Optik der Achtziger zu halten, ganz charmant, aber bedeutungslos. Und weil der Abend noch frisch war, bat ich Andrea einfach darum, mit der Serie fortzufahren, die sie bereits begonnen hatte.
H/jack – George Kay/Jim Field Smith – Apple TV 2023
Das war „H/jack“, also „Hijack“, eine Serie um einen Typen, der sich in einem Flugzeug wiederfindet, das von einem Verbrecherhaufen entführt wird, um zwei Sträflinge freizupressen. In der fünften von sieben Episoden der ersten Staffel schalteten wir also um, Andrea gab mir einige Hintergrundinfos – und ab dafür. Und zwar sehr ab: Sofort war man drin, das Tempo zog uns direkt hinein in den Jet, in dem Idris Elba den Action-Helden wider Willen spielt. Er verhandelt mit den Bösen, durchblickt Hintergründe, kommuniziert mit dem Bodenpersonal und sieht sich politischen Spannungen auf internationaler wie britischer Ebene ausgesetzt. Irgendwie ist es komplett egal, dass man die Grundidee seit „Airport“ 1970 längst mehrfach durchexerziert bekommen hat, also das mit den diversen Schicksalen und Charakteren an Bord, den Zuständigen am Boden und den verschlungenen Verbrecherkonstellationen auf allen Ebenen, denn „H/jack“ macht sich nicht die Mühe, sich auf diesen Bausteinen auszuruhen, sondern schiebt die Entwicklung der Story und die Action in den Vordergrund. Selbst die dehnt die Serie nicht sinnlos aus, auch wenn der Showdown am Schluss nicht so ganz nötig gewesen wäre. Dafür spart sich die erste Epsiode, manche Nebenstränge aufzuklären – aber okay, geht man mit. Schließlich gibt es seit Anfang des Jahres eine zweite Staffel, die in der U-Bahn spielt, Linie 123 vermutlich. Will man die sehen, nachdem einen die erste Staffel so gepackt hat, und dann auch noch besser als vieles aus dem Mutterland des Actionfilms? Schwierig, könnte schiefgehen. Mal ausprobieren. Im Winter.
Tschugger – David Constantin/Mats Frey – SRF/Sky Switzerland 2021
Auf Empfehlung nächster Verwandter guckten wir auf Netflix „Tschugger“, eine Serie aus der Schweiz, die man im Original auf Walliserdeutsch sowie von den Darstellenden selbst auf etwas synchronisiert gucken kann, das sie für Hochdeutsch halten. Beides funktioniert ganz gut. Bei der ersten Staffel hatten wir zunächst Schwierigkeiten, uns mit dem Tonfall anzufreunden, und damit ist nicht die Sprache gemeint. Hier überwiegt abermals das Fremdschämen als Humorgrundlage, und das knirscht beim Gucken erheblich. Ein durchgescheuerter Regionalpolizist hält sich für „Hot Fuzz“ und will nach eigenen Methoden einen Drogenschmuggel aufklären. Dabei kommt ihm nicht nur eine Bundesbeamtin in die Quere. Die Geschichte gewinnt jedoch ganz unerwartet an Fahrt und setzt sich in der zweiten Staffel fort, dort gottlob mit reichlich reduziertem Fremdschamfaktor, dafür mit umso mehr Verschwörung, Brutalität, Absurdität und grandiosen Dialogen, für die man die Serie gebannt wegguckt. Selbst der Chaot von Polizist wird einem sowas von sympathisch, und das nicht als einziger. Auch hier folgen weitere Staffeln, die dritte und vierte entstanden 2023. So richtig einig, ob wir die auch noch gucken wollen, sind wir uns noch nicht. Der Winter kommt ja früh genug. „Tschugger“ sind übrigens Polizisten, die man so indes besser nicht nennen sollte.
The Boys – EricKripke/Evan Goldberg/Seth Rogen – Prime Video 2019
Auch „The Boys“ will nicht zwingend, dass wir nach der ersten Staffel weitergucken, obwohl wir die sehr mochten. Weil sie nämlich das nicht einlöst, worauf sie hinarbeitet. Ein Typ muss ansehen, wie ein superschneller Superheld im vollen Lauf seine Freundin zermatscht, ohne dass der „Supe“ sich dafür ernsthaft interessiert. Das bringt den Milchbubi auf die Palme und in die Hände von anderen Boys, die etwas gegen die Übermacht der Superhelden haben. „Who watches the Watchmen“, ließen Alan Moore und Dave Gibbons bereits vor 40 Jahren die Menschen fragen, die Zweifel an der Integrität der übermenschlichen kostümierten Aufpasser hatten, und so sieht es in „The Boys“ auch aus. Mit Recht, wie man erfährt, denn die so genannten Seven, die Elite-Superhelden der Erde, haben so manchen Dreck am Stecken, allen voran deren Anführer Homelander, gegen den selbst ein Donald Trump ein orangeblutiger Anfänger ist.
Schwierig an dieser Serie ist, dass der blasse Junge eine Liaison mit einer Superheldin der Seven beginnt und also an zwei Fronten heimlich illoyal wird. Dieses Spannungsverhältnis nimmt weite Teile ein, die man eher in Richtung Teenagerprobleme auslegen könnte und die abermals eher Fremdscham als Spannung generieren. Weniger davon, und der absurde Scheiß der Supes und der Boys bekäme noch mehr Durchschlagskraft. Denn die hat die erste Staffel: Allein, wie der Unsichtbare sein Leben verliert, ist das Gucken wert. Nur: Das Ziel der Boys ist es, die Seven zu enttarnen, was – so viel Spoiler darf sein – am Ende nicht gelingt. So löst die Staffel kein Versprechen ein, anders als etwa „Stranger Things“, das auch mit einem Abschluss pro Staffel hinreichend Möglichkeiten ließ, plausible Fortsetzungen zu erdenken. Vielmehr fürchten wir indes so etwas wie bei „Kleo“, dass ein gelungener und gefeierter Auftakt mit Scheiße weiterläuft. Halten wir das Teenage-Drama weiter durch oder konzentrieren wir uns auf die Verschwörungen und die sehr blutige Action? Der Winter wird’s zeigen. Es gibt noch vier weitere Staffeln, das dürfte dann ein langer Winter werden.
Doppelhaushälfte – Dennis Schanz/Christoph Mishayija Rath – ZDFneo 2022
Fremdscham wohnt auf beiden Seiten der „Doppelhaushälfte“. Die Pilotfolge ist beileibe keine Werbung dafür, sich diese Serie anzugucken, mit Scheißwitzen in der Toilette. Das stinkt erheblich. Doch: Hier wohnen zwei Paare nebeneinander, die von entlegenen Enden einer reichlich krummen Skala kommend aufeinandertreffen, und die dann auch noch intern mit Diversitäten zu kämpfen haben. Diese vier Personen plus Kinder sind derartig treffend skizziert und die aus diesen Grundlagen entspringenden Dialoge so entwaffnend und entlarvend konstruiert, dass man die Serie nur feiern kann. Obwohl man sich ständig vor Scham in den Sesseln krümmt.
Neu aus der Stadt ziehen Theo, der Vorfahren aus Ruanda hat, mit Gattin Mari aus dem Iran in die leere Doppelhaushälfte im ländlichen Brandenburg, deren andere Hälfte von der Vietnamesin Tracy und deren deutschem Gatten Andi bewohnt wird. Ja, hier treffen wirklich alle Vorurteile aufeinander, und die Serienmachenden lösen sie mit herzhaftem Lachen auf. Man kann diese Deppen nur mögen, und Deppen sind sie im Grunde alle vier. Plus Nachwuchs. Manche Episoden sind dabei so gestaltet wie Cartoonserien, nicht selten muss man an „The Simpsons“ denken, wenn die Serie mit ihren eigenen Regeln bricht oder vorübergehend neue Figuren einführt und dann wieder vergisst, wenn mit der Serienrealität gespielt wird und so weiter. Was das Gucken vereinfacht, man kann ohne Zeitstrahl seine Freunde an willkürlichen Folgen haben. Durch einen Zauberspruch vertauschte Körper, eine Mediatorin wegen Knabbervideos, Widerstand gegen Rassismus, Modeleien auf dem Golpfplatz („Rocco Knuppé“ mit Accent ist der Brüller), Praktikum in der Edelfirma, Kronkorkensammelwut und dergleichen mehr, man staunt, wie oft man den Scheiß einfach gut findet. Seit zwei Wochen ist die fünfte Staffel draußen, Andrea freut sich schon drauf – und ich werde sicherlich regelmäßig mitgucken, wenn ich nicht doch Schiss vor dem Schämen habe.
