Von Matthias Bosenick (17.06.2026)
Etwas Neues von Vanessa Van Basten! Das letzte Lebenszeichen war 2015 die orangefarbene 10“ mit verstonerten The-Cure-Coverversionen, die „Disintegration EP“, und bei Lichte betrachtet, klingt die auch auf „Yes“ an, dem neuen, erst dritten Album. Dabei lässt sich die Musik des Genueser Duos eigentlich gar nicht so leicht einsortieren: melancholischer Post Rock, Shoegaze, Experimentalmusik, Sludge Metal, Folk, Ambient, Stoner Rock, Downbeat-Electro, eigentlich kaum Wave Rock, aber mit dem abgedunkelten Gestus als Bezeichnung durchaus angemessen. Willkommen zurück, Vanessa Van Basten!
Wichtig für Vanessa Van Basten war es stets, sich erst gar nicht an gewöhnliche Strukturen zu halten, und so nimmt es nicht wunder, dass Schubladen wie Post Rock oder Shoegaze schnell herangezogen wurden, um die Musik zu kategorisieren. Selbst innerhalb der Tracks behält sich das Duo vor, die Richtung zu wechseln, heißt: die Intensität zu variieren, die Instrumentierung, die Stimmung. Obschon die eher selten wirklich in Richtung Party tendiert, also grundsätzlich schon eher der Melancholie zugeneigt ist. Aber das geht ja auch, wenn man mal ein wenig auf die Tube drückt. Euphorie strahlt das Duo auch mal aus, so in „Giornata de legno“, aber bitte, das ist mehr so verhaltener Jubel, der da leicht durch die Schwermut schimmert.
Gesteigerte Intensität äußert sich auf „Yes“ zumeist darin, dass das, was man als Shoegaze auffasst, mehr Schichten bekommt, sich also zu Noise steigert. So in „La vita è la droga della morte“, dem dreizehnminütigen ersten von zwei Tracks auf der B-Seite. Bevor der wieder zum träumerischen Ambient absinkt, mit ganz viel Hall auf dem dezenten Schlagzeug und der klaren Gitarre. Gestrenger Fuzz ist der Band ebenso möglich, auch den bringt sie in jenem Stück unter. Kombiniert mit der Langsamkeit, ist man geneigt, diesen Drone dem Sludge unterzujubeln, findet dafür aber in „Spittincotton“ die etwas deutlichere Ausprägung.
Für den Wave Rock als wiedererkanntes Element lässt sich der Opener mit dem gruftigen Titel „Dying In My Bed“ heranziehen, hier klingt „Disintegration“ durchaus noch an, sobald man den Moment der Swans-Industrial-Wucht überschritten hat, mit der der Track loslegt. Mit einer klaren Akustikgitarre konterkariert das Duo bald den gedämpften Lärm, und ganz wie bei The Cure dauert es drei Minuten, bis überhaupt Gesang einsetzt. Danach geht’s kurz in die wavige Disco, echt. Bestünde das Comeback von Vanessa Van Basten ausschließlich aus diesem Siebenminüter, man wäre bereits glücklich. Und wird in echt noch glücklicher, denn es gibt ja noch mehr neue Musik.
In „Spittincotton“ führen Vanessa Van Basten – von nun ab rein instrumental – dem psychedelischen Indierock der Neunziger, wie ihn die Smashing Pumpkins kurzzeitig vertraten, einen fiesen Fuzz hinzu, drängen ihn mithin schier zum Sludge, bevor sie ihn in einen Folk-Punk überführen, ohne das Psychedelische dreinzugeben. Mehr Folk gibt’s mit dem mit Akustikgitarre unterlegten „Giornata de legno“, kombiniert mit einer an Motorpsycho erinnernden Komplexität und weiteren Überraschungen. „Heartheaven“ könnte glatt von den späteren Alcest sein, hymnisch und warm umfangend und mit ganz viel Hall. Das letzte Stück „Nicaragua“ beginnt als Ambient, bekommt einen elektronischen schleppenden Beat und dazu dann wavige Gitarren wie bei The Cure zu Zeiten von „Disintegration“, der Kreis schließt sich. Naja: wunderbar rumpeliges Metalgebretter schließt danach erst den Kreis.
Um 2002, 2003 gründeten Morgan Bellini und Stefano Parodi das Projekt Vanessa Van Basten, veröffentlichten 2005 ihre selbstbetitelte Debüt-EP, 2006 das weitreichend verehrte Debüt-Album „La stanza di Swedenborg“, hernach weitere EPs und Singles sowie zwischendrin 2011 das zweite Album „Closer To The Small/Dark/Door“ – und nun eben mit „Yes“, das rein gar nicht nach den Pet Shop Boys klingt, ein Comeback, auf das zu warten sich mehr als lohnte. Die beiden Musiker sind und waren auch separat noch aktiv, Bellini unter anderem als Angela Martyr, Parodi unter anderem bei Mope, dem Doom-Quartett mit Saxophon, das seit 2014 am zweiten Album arbeitet. Wenn Zeit lassen bedeutet, dass so gute Musik wie auf „Yes“ herauskommt, ist jede gelassene Zeit gerechtfertigt und keine Eile geboten. Das Vinyl gibt’s übrigens wunderschön kaffeeartig gemustert!
