Von Matthias Bosenick (05.05.2026)
Das tut gut: Sobald The Prestige aus Paris ihr Gebrüll in wuchtige Gitarrengerölllandschaften betten, möchte man einstimmen und fühlt sich verstanden, gehört, vermittelt. Vermetalt beinahe, doch ist das eher dem Hardcore nahe, was die Franzosen auf ihrem dritten Album „Isthmos“ darbieten. Und zwar dem modernen Post-Hardcore, der sich nicht scheut, auf Scheuklappen zu verzichten, experimentelle Spielereien einzubauen und das Tempo zu drosseln. Neurosis, Converge, Post-Rock, das könnten so Eckpfeiler sein, und alles wäre noch besser, verzichtete das Quartett auf den gelegentlich hervorgebrachten klaren Metalcore-Gesang.
„Léthé“ beginnt still, man meint zunächst, das falsche Album aufgelegt zu haben, aber keines, das man nicht mag, denn das experimentelle Klimpern gefällt. Später wird man feststellen, dass dies keine Ausnahme gewesen sein wird, sondern dass The Prestige diese enorm kontemplativen und zurückgenommenen Anteile gern mal zum Ausatmen nutzen. Noch im Verlauf des ersten Songs lässt die Band den Post-Hardcore von der Leine, das ist dieser Hardcore, der nicht auf Tempo fußt, sondern auf Lärm, Energie und Gebrüll. Naja: Im Opener noch nicht, da gibt es klaren Gesang wie im Metalcore, und wer den nicht mag, weil damit auch die Struktur des Tracks an Wucht verliert, skippt einfach weiter, danach wird’s nämlich angenehm ungemütlich. Auf den Gesang verfallen The Prestige bedauerlicherweise noch zwei, drei Male, aber das ist gar nicht so schlimm, der Rest überzeugt mit Mehrheit.
Mit den Gitarren, dem Bass und dem Schlagzeug nun errichten The Prestige eine Wand aus Geräusch, mal mit einigen dem Metal nahen Riffs versetzt, mal melodisch, mal wie im Post Rock mit soundscapeartigem Flirren, meistens als ein ungehobeltes Brett, das einem so richtig schön den Alltag wegschmirgelt. Sobald das Schlagzeug mal anzieht und lospoltert, geschieht dies nicht, um die Songs zu beschleunigen, die verbleiben im schleppenden Tempo, aber die Fills überschlagen sich nackengefährdend. Abgesehen von den genannten minimalistischen Passagen gibt’s noch weitere unerwartete Merkmale, etwa eine NWoBHM-Gitarre in „Rose du Désert“ oder ein an die Swans erinnerndes Gitarren-Industrial-Donnern in „Sacrifice“, dem Rauswerfer, der später nochmal so richtig die Nackenmuskeln strapaziert.
Die Band existiert bereits seit 2009, zumindest erschien da die erste EP „A Series Of Catastrophies And Consequences“; zuvor hieß das Quartett ab 2003 Draftdown, 2007 gab es die Standing On The Ashes EP“. 2012 folgte von The Prestige das Debüt „Black Mouths“, danach 2015 „Amer“ – bedeutet also mehr als zehn Jahre Pause, sieht man von der 2017 herausgebrachten Split-Kassette „The Age Of Mathrock“ ab. Von der Urbesetzung der bärtigen Männer geblieben sind: Sänger, Gitarrist und Keyboarder Alex Diaz, Bassist Julien Bouladoux und Schlagzeuger Thibaut Cavelier. Der neue Gitarrist Fabien Gagnière löst hier Raphaël Jassin ab.
