Von Onkel Rosebud
Meine Lieblingsband aus der DDR ist die Arbeitsgemeinschaft Geige aus Karl-Marx-Stadt. Sie existierte von 1986 bis 1993. Da die Stadt 1990 wieder in den namensgebenden Fluss Chemnitz rückbenannt wurde, kommt die Band quasi aus einem Ort mit drei Bezeichnungen, wenn man sächsisches Manchester noch dazu zählt. Was ich mich in dem Zusammenhang schon immer gefragt habe, ist, was Leute in einem Fragebogen/Antrag/Visum etc. eintragen, in welcher Stadt sie geboren wurden, wenn diese nach ihrer Geburt umbenannt wurde. Schreiben die dann die Wahrheit, wie Karl-Marx-Stadt oder zum Beispiel auch Stadt des KdF-Wagens? Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften dazu an onkel@krautnick.de.
Frank Bretschneider, Torsten Eckhardt, Jan und Ina Kummer gründeten AG.Geige als experimentelles Kunstprojekt. Die Band spielte von elektronischen Elementen geprägte Musik mit dadaistischen Texten und verstand sich hierbei als multimedial agierend. Auf ihren Konzerten setzte AG.Geige auf eigene Videos und Grafiken und trat in fantasievollen Kostümen auf – unter anderem mit Ku-Klux-Klan-ähnlichen Mänteln und Pilzhüten. Dass sie keine „echten“ Musiker waren, wurde von der Band offen eingestanden. So oder so ähnlich lautet der frei zugängliche Eintrag der Band im Internetz.
Ich war sechzehn, meine popkulturelle Birne war weichgespült mit Puhdys und dem ganzen anderen uninspirierten, musikalisch-sozialistischen Bumsklumpen-Scheiß, als ich in Lutz Schramms Parocktikum deren Song „Das Scheusal“ zum ersten Mal hörte. Ich lag im Bett – Kopf an Kopf mit dem Aquarium meines Vaters, die Kühltruhe daneben mit vielen Hasenherzen, die meine Mutter da reingelegt hatte, brummte mit 70 Dezibel, und ich hörte über Kopfhörer der Geschichte zu, wie ein Gast im Restaurant zu einer Wildsau wird.
Dieser Moment hat mein Leben verändert, weil sich eine Welt der Avantgarde auftat. So wie viele andere Lieder danach aus den drei offiziellen Tonträgern „Yachtclub & Buchteln“, „Trickbeat“ und „Raabe?“, wie „Die Waldschleiereule“, „Zwölf Trombonen“, „Fischleim“ und natürlich „Blauer Mond“ sowie „Leysegang und ich“, wobei ich immer „Lausemann“ verstanden habe.
Bis 1993 habe ich AG Geige zweimal live gesehen, dann löste sich die Band überraschend auf, obwohl im gleichen Jahr das Erscheinen eines vierten Albums angekündigt worden war. Dieses Album mit dem Arbeitstitel „AG Geige 3“ wurde fertig produziert, erschien jedoch nie, sondern tauchte erst Jahre später in Fankreisen auf.
Der ganzen Sache mit der Nostalgie bezogen auf Ostrock kann ich ja insgesamt gar nix abgewinnen. Aber, im Bereich der Popmusik gibt es für mich im Wesentlichen zwei Szenarien, die als „Nachrichtenlagen“ gelten. Szenario Eins: Jemand stirbt. Ich lasse mir dann ein Bad ein, zünde eine Kerze an und leide, während ich das Oeuvre noch mal durchhöre. Szenario Zwei: Jemand gibt ein Comeback. Ich fordere hiermit eine Reunion von AG Geige. Engagiert mich als Tourmanager und ich garantiere ausverkaufte Hallen in Karl-Marx-Stadt, Manchester und ja, auch in Chemnitz. Aber nur, wenn Lausemann anstelle Leysegang gesungen wird.
Ein Lächeln umspielt die schmalen Lippen bei flotter Bedienung von
Onkel Rosebud
P.S.: Die Söhne von Jan und Ina Kummer, Felix und Till, gründeten 2009 in Chemnitz die erfolgreiche Indie-Rockband Kraftklub. Ersterer hat auch eine Solokarriere als Rapper. 2014 folgten deren jüngere Schwestern Nina und Lotta mit dem Indie-Pop-Trio Blond.
