Von Matthias Bosenick (03.09.2026)
Ein wichtiges Zeichen der Nachhaltigkeit kommt dieser Tage aus Düsseldorf: Vom Individualverkehr auf den ÖPNV satteln Vibravoid um, nämlich von der Kraftwerkschen „Autobahn“ auf die ureigene „Straßenbahn“. Die Fahrt geht auch noch doppelt so schnell. Auf „A Reason For Now“, ihrem neuen Album, wildern die Kraut-, Stoner- und Psychedelik-Rocker in noch mehr Gewässern als den genannten, so darf man sich auch mal in den Neunzigern in Nordengland wiederfinden. Als Bonus gibt’s den selbstgedrehten 40minütigen Stummfilm „Im Zeichen des Zwilling“ aus dem Jahr 2019 on top obendrauf, außerdem kündigt der Bandchef ein Buch über die Düsseldorfer Subkultur an.
Vibravoid lasen sich nicht lang bitten, das Album zieht die Hörerschaft sofort mit, das Tempo ist mittelhoch bis treibend, der Bass befördert diesen Eindruck noch, dazu gibt’s Licks auf der Gitarre, kosmische Sounds auf den Synthies oder Rock’n’Roll-Orgeln und einen Gesang, der den vermeintlichen Genrestücken mit seinen catchy Melodien den Pop einverleibt. Hier sprudelt die Energie, und man kann gar nicht so richtig festmachen, welche Genres Vibravoid denn nun wirklich ansprechen wollen. Und das ist das noch Bessere an diesem Album.
Irgendwie psychedelisch sind die Songs auf „A Reason For Now“ sicherlich, auszumachen an den genannten Synthies, so manchen spacigen Effekten auf der Gitarre oder auch mal dem Einsatz von indischen Schlaginstrumenten, zumindest klingt es in „In The Sky Tonight“ zwischenzeitig nach Tablas. Eine Flöte spielt da doch auch jemand, oder? Kurioserweise lässt die Mischung aus Tempo und Rockmusik leicht an Neil Young denken, an Songs wie „I’m The Ocean“ oder „Rockin’ In The Free World“. Ganz anders entwickelt es sich mit „All The Scars Inside“: Plötzlich schlägt das Schlagzeug einen Rave-Rhythmus wie in Nordengland zum Wechsel in die Neunziger und unterstreicht damit dick, wie psychedelisch der Rave selbst immer war, hier zusätzlich mit Sitars und Tablas wie bei Kula Shaker. Auch „Fuel The Flame“ und „Second Hand Toy“ lassen sich annähernd in den alten Indierock jener Zeit einordnen.
So pendeln Vibravoid in den Jahrzehnten herum, tangieren alle zwischen den Sechzigern und heute, auch mal mit Anleihen an den Classic Rock der Siebziger – so erwartet man etwa in „Yellow Horizon“ alsbald eine Kuhglocke, die indes ausbleibt, gottlob – bis hin in eine sternenhelle Zukunft. Höhepunkt und Abschluss ist aber ganz klar die „Straßenbahn“, die eindeutig Kraftwerk fortführt: Hier treibt der Beat wieder mächtig voran, die Gitarren sägen psychedelisch, der Bass vibriert wie Schienenschwellen. „Wir fahrn, fahrn, fahrn mit der Straßenbahn“, ertönt es, gefolgt von der ermunternden Frage: „Fährst du mit, mit der Straßenbahn?“ Aber sicher! Mit 11:36 Minuten ist man heute sogar weit schneller am Ziel als über die stauverstopfte Autobahn, da sitzt man 22:43 Minuten in seiner Blechbüchse.
Als Bonus gibt’s wie vor 25 Jahren eine PC-Datei auf der CD, vermutlich die erste in den Zwanzigern überhaupt. Darauf findet sich als .exe-Datei der Film „Im Zeichen des Zwilling“, nur echt ohne Genitiv-S, bei dem es sich um einen experimentellen Stummfilm handelt, den Vibravoid-Kopf Christian „Dr.“ Koch 2019 in seinem Schlafzimmer erstellte. Was man nicht sieht. Dieser Film erspart einem so manchen Drogenkonsum, obwohl er in Sepia gehalten ist. Den Soundtrack dazu gab’s 2020 als Doppel-LP, übrigens. Außerdem stellt Dr. Koch mit diesem Album sein Buch vor: „Creamcheese – LSD, Stroboskop und die Rock-Revolution“, in dem er die Düsseldorfer Subkultur zwischen 1967 und 1992 abbildet, wofür er untergrundige bis namhafte Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.
