Miscreance – Reminiscence – Season Of Mist 2026

Von Matthias Bosenick (10.09.2026)

Ist das wirklich Miscerance, was man da auflegt? Die Venezianer sind bekannt für ihren Oldschool-Death-Metal, da startet das zweite Album „Reminiscence“ plötzlich mit klarer melodiöser Gitarre oder so etwas und Bongos, als wäre man bei … Sepultura? Keine Angst, man bekommt, was man erhofft, aber glücklicherweise noch einiges oben drauf. Eine schöne Entwicklung, man hört, dass das Quartett auf seinen Touren einiges weiterentwickelt hat.

Echt, mit dem Intro zu „Trait d’Union“ käme man nie darauf, soeben ein Death-Metal-Album aufgelegt zu haben. Eine schöne Finte, zudem ein Hinweis darauf, dass man auf „Reminiscence“ noch mehr zu erwarten hat. Aber erstmal eben doch das, was draufsteht: speedy Death Metal, ultraschnelles Schlagzeug, mostende Gitarren, galoppierender Bass, brüllend keuchende Stimme. Doch alle vier Beteiligten haben keinen Bock, sich darauf auszuruhen und lediglich Dienst nach Vorschrift abzuwickeln: Das Schlagzeug vollführt unerwartete Sprünge, Breaks und sonstige Verspieltheiten, ohne auch nur kurz abzubremsen. Mit den Saiteninstrumenten variiert die Band regelmäßig die Genreausrichtung: Manche Soli könnten aus dem NWoBHM herüberwehen, manche Sequenzen tragen plötzlich den Charakter von Thrash Metal, Punk oder Black Metal. Und weil all dies flüssig zueinanderfindet, drängt sich schnell der Begriff Prog auf. Man höre nur beispielsweise „Oracle’s Rift“ oder „Symbiosis“.

Und dann kommen natürlich noch die ganzen unerwarteten Elemente hinzu. Dafür holte sich das Quartett einen Gast ins Studio, den ebenfalls in Venedig beheimateten Leonardo „Leo“ di Angilla. Berimbeau steht auf seiner Inventarliste, da weht der Bezug zu Sepultura her, denn dieses brasilianische Saiteninstrument kennt man seit deren „Roots“-Album im Metal recht gut. Weiters trug er Didgeridoo, Flöte und Percussion mit sich herum. Liest sich erstmal willkürlich, aber was Miscreance hier richtig machen, ist, diese Anbauteile nicht wie schrägen Zierrat an ihren Death Metal anzubauen, sondern sinnhaft zu integrieren, dass zwar immer noch der Überraschungseffekt einsetzt, aber ein anerkennender: Das war gut! Entsprechend dem Anfang endet das Album dann außerdem auch: „Mirage“ rollt mit einer Akustikgitarre aus. Und auch das: passt.

Was man sich gar nicht vorstellen kann, ist, dass einer, der derartig intensiv Schlagzeug spielt, nebenbei auch noch der Sänger ist. Wie zum Henker macht der das? Aber Andrea Feltrin überzeugt in dieser Doppelrolle. Bei ihm sind Jean-Claude Rossignol am Bass sowie die beiden Gitarristen Tommaso Cappelletti und Andrea Granauro. Das Debüt „Convergence“ ist bereits vier Jahre alt – der Rezensent hatte das Glück, ein Exemplar direkt am Bus bei der Band zu erwerben, als diese zwischen zwei Gigs von Wolfsburg nach Kopenhagen unterwegs war –, davor gab es zum Auftakt 2018 das Tape „From Awareness To Creation“ sowie 2021 eine Split-12“ mit Vile Apparition. Das Vinyl von „Reminiscence“ kommt in vielen bunten Ausführungen.