Von Matthias Bosenick (29.06.2026)
Lustig: Den Kehrwiederturm ihrer Heimatstadt Hildesheim aufs Cover packen, aber die fünf Ein-Wort-Tracktitel den Satz „There Is No Coming Back“ ergeben lassen. Gottlob gab es eine Wiederkehr für Kalamata, das nichtgriechische instrumentale Psychedelic-Stoner-Trio, wenn auch mit ausgetauschtem Bassisten. „Zenosyne“ ist das dritte Album, und es hält sich nicht an die selbstgesteckten Grenzen – hier ist ganz viel Post Rock enthalten, und nichts von allem folgt der reinen Lehre, bleibt also aufregend.
Von „Zenosyne“ geht eine ganz eigenartige Stimmung aus: Die fünf Tracks sind sehnsuchtsvoll, auf eine unkitschige Weise euphorisierend, und insgesamt mehr auf Melodie, auf Emotion, auf Wirkung aus als auf Riffs, Coolness oder Mackertum. Gottlob, denn diese Darreichungsform lässt intensiver hinhören, und intensiv sind auch die fünf Tracks. Sie speisen sich aus genretypisch rotierenden, sich wiederholenden Gitarrenfiguren, diese Grundlage erlauben sich Kalamata. Sie schalten auch mal den Wahwah ein, wo es Not tut, fügen aber den überlangen Tracks – zwischen siebeneinhalb und zehn Minuten – Verspieltheiten zu, für die andere sicherlich das Schlagwort progressiv herangezogen hätten.
Hier passt es nicht, gottlob. Zumal das, womit Kalamata die Grundausrichtung Stoner oder Psychedelic erweitern, am ehesten in Richtung Post Rock geht, also Fläche, Strecke, nicht Komplexität oder Verschachtelung. Besonders stark tritt jenes Genre in „No“ zutage, das die Drones nur so zelebriert. „Coming“ schlägt danach in die andere Richtung: mehr Stoner, etwas mehr Heaviness, weiter ohne Riffs, aber mit fettem Schlagzeug und einer leichten Idee von Tool, was den Gitarrensound und die Struktur betrifft. Die Idee von Twin-Gitarren drängt sich gelegentlich auf, so auch in „Back“, das mit einem tiefergelegtem Kyuss-Fuzz beginnt und dazu kontrastierend die hoch gespielte Gitarrenmelodie hinzugibt, die wiederum an einen Track von Carsten Bohn erinnert. Dieses Stück röhrt noch ordentlich los.
„Zenosyne“, der Begriff übrigens, der das Phänomen beschreibt, dass man mit zunehmendem Alter die Zeit als schneller vergehend empfindet, ist das erste Kalamata-Album seit fast zehn Jahren. Der Vorgänger „Disruption“ erschien 2017, das Debüt „You“ 2014. In der Zwischenzeit, so verrät es die Info, hatte die Band einige Widrigkeiten zu bewältigen, zu denen auch ein Besetzungswechsel gehört; geblieben sind die beiden Gründer Olly Opitz am Schlagzeug und Peter Jaun an der Gitarre, Niki Hosseinian-Sereshki ist der neue Bassist.
Mit den Tracktiteln „There Is No Coming Back“ und dem Cover, das den Kehrwiederturm und die Anspielung auf eine Sage zeigt, nach der eine Frau nach dem Schäferstündchen mit einem Mann, der vom Blitz getroffen wurde, den Heimweg aus dem Wald nicht fand, bis die Glocken des Wehrturms erklangen, der seitdem Kehrwiederturm heißt, nehmen Kalamata direkten Bezug auf ihre Heimatstadt, die eben nicht auf dem Peloponnes zu verorten ist. Außerdem greift das Trio die Tradition auf, sämtliche Titel ihrer Alben einen Satz ergeben zu lassen: Auf „You“ ist es „You Have To Die Soon Mother Fucker“ und auf „Disruption“ das eher nur so mittel komische „My Erection Shows Me The Direction“. Aber ist ja auch latte, „Zenosyne“ ist eine gelungene Wiederkehr.
