Von Guido Dörheide (29.08.2026)
Mit „Freak Scene“ vom 1988er Album „Bug“ katapultierten sich Dinosaur Jr. auf (oder heißt es „in“?) den Olymp des US-Amerikanischen harten Indie-Rocks, bereits ein Jahr zuvor veröffentlichten sie mit „Just Like Heaven“ eine der wohl besten Coverversionen eines Songs überhaupt (Okay – falls sich diese Aussage im Nachhinein als nicht haltbar herausstellen sollte, grenze ich den Vergleich ein wenig ein: die wohl beste Coverversion eines im selben Jahr erschienenen The-Cure-Originals). Dann folgte die Trennung, Bassist Lou Barlow konzentrierte sich auf seine wunderbare Lo-Fi-Kapelle Sebadoh und Gitarrist und Sänger J Mascis machte mit Murph und Mike Johnson am Bass bis 1993 weiter, dann ging auch Murph und Dinosaur Jr. wurde eigentlich zu einem J-Mascis-Soloding mit Johnson unverändert am Bass und gefühlt 50 weiteren Mitstreitenden. Das hielt aber nur für ein Album an („Hand It Over“ von 1997), dann war für 10 Jahre Schluss.
2007 erschien „Beyond“ in der Urbesetzung, und daran hat sich seitdem nichts geändert. „There Near“ ist bereits das sechste Post-Reunion-Album, das wie immer nicht enttäuscht. Nein, es begeistert sogar. Selbstverständlich kann man auf einem neuen Dinosaur-Jr.-Album kein neues „Freak Scene“ und kein neues „Just Like Heaven“ erwarten, aber das Zusammenspiel von Mascis’ knarzend-nölendem Gesang, seinen virtuos quietschenden Gitarrensoli (ich wage zu behaupten, dass Dinoaur Jr. die am exzessivsten solierende Band außerhalb des Heavy Metal ist, und die-/derjenige, die/der mir das widerlegt, bekommt eine Kiste Bier aus der friesischen Kreisstadt frei Haus geliefert), Barlows melodischem Bass und Murphs oft leicht leicht klappernd und polternd klingendem, aber umso präziseren Schlagzeugspiel perfektioniert die Band seitdem von Album zu Album immer mehr.
Man weiß, was einen bei Dinosaur Jr. erwartet, und das langweilt dennoch nicht. Einigen Kritikern war das vorletzte Album („Sweep It Into Space“, 2021) zu Psychedelik-lastig, falls dem so war, wird dieser Kurs vom aktuellen Album wieder korrigiert: Mascis, Barlow und Murph halten sich an das, was sie auf den ersten drei Alben ausgemacht hat, wobei Mascis immer noch dieses unglaubliche Gespür für Ohrwurm-Melodien inmitten schräger Gitarrenriffs und kreischender Soli hat, was gleich im ersten Song „Several Got Away“ deutlich wird: Das Riff ist simpel und schrammelig, wird aber wunderbar vom Bass gestützt und getragen, Murph klappert die Scheiße aus seinem Schlagzeug und dann singt Mascis typisch gelangweilt und nölend eine Melodie, von der man denkt, sie seit Jahrenden zu kennen. Zwischendurch lässt er die Stimme immer mal kurz aufknarzen, als müsse er auf den mit Metall umwickelten Stimmbändern vom einen auf den anderen Akkord umgreifen. Bis zum Solo lässt er sich gut zwei Minuten Zeit, lässt es zwanzig Sekunden kreischen und macht dann routiniert mit dem Gesang weiter. „Several Got Away“ enthält alles, wofür ich Dinosaur Jr. liebe. „No Friends“ lässt Barlow mehr Raum, sich melodisch auszutoben, ansonsten gehorcht das Lied denselben Regeln wie „Several Go Away“, und das ist sehr gut so.
So geht es weiter bis „Blowin’ Up“, das deutlich langsamer, aber nicht leiser beginnt. Mascis lässt beim Singen das Nölen und Knarzen weg und bekommt sowas wie eine Stadionrock-Melodie zustande. Klingt so, als ob Dinosaur Jr. die Aufmerksamkeit weg von der Musik hin zum Text lenken wollen – und bingo! – es lohnt sich, da mal hinzuhören. „You’re about as dumb as they come, and telling stupid stories every day. Someone who loves you should speak up and tell you to mind your own teacup before breaking mine.“ „Well, maybe you need a vacation where doctors are saving your patience. Well, how bored are you?“ Ob mit diesem „bored edgelord“ ein aggressiver Internet-Troll oder jemand aus der Weltpolitik gemeint ist, bleibt offen, der Text passt auf beide Arten von Unsympath und stellt eine der seltenen Gelegenheiten dar, sich Mascis in seinen Texten mal politisch äußernd zu hören.
„Clam Along“ beginnt gleich mit einem Gitarrensolo, auch das kann Mascis gut: Erst eine halbe Minute shredden und dann losnölen. Und wer jetzt noch hadert, ob „There Near“ was für sie/ihn sein könnte, der/die höre in „Walk Me Back“ rein und erfreue sich an dem abwechselnden Zusammenspiel von Gitarre und Gesangsmelodie. Der letzte Song „No One’s Ready“ (aber dennoch scheinen ja einige davongekommen zu sein, siehe Song Nr. 1) zeigt, dass Dinosaur Jr. auch Folkrock können – Mascis singt für seine Verhältnisse echt schön – und dann kommt das Gitarrensolo und man weiß Bescheid, wer hier zugange ist.
Wir kriegen auf „There Near“ nichts geboten, was Dinosaur Jr. nicht in ähnlicher Form schon mal gemacht hätten, aber auf sehr hohem Niveau, schön altmodisch klingend produziert und so klingend, als ob den drei Helden die Ideen für immer neue Variationen des bewährten Rezepts wohl so schnell nicht ausgehen werden.
