Von Guido Dörheide (02.05.2026)
Eigentlich wollte ich diesen Text in Anlehnung an einen ca. 30 Jahre alten Die-Sterne-Titel mit „Don’t scheiß auf deutsche Texte Vol. 1“ überschreiben, aber dann befürchtete ich a) dass das von der Künstlerin und ihrem aktuellen Album ablenken und b) denken machen könnte, dass „Deutsche Texte“ ein eigenes Musikgenre wäre, was es nicht ist, ebensowenig wie „Female Fronted [hier bitte ein Musikgenre einsetzen]“ – eine Schublade, in die Christin Nichols ebenfalls hineinpassen würde, wenn es sie denn gäbe. Aber es gibt sie nicht, glücklicherweise. Also die Schublade. Christin Nichols gibt es natürlich, und mit ihrem selbstbetitelten dritten Album macht sie ungerührt so weiter wie auf den beiden vorherigen:
Die Musik ist schönes Postpunk-/New Wave-/Indiepopgeschrammel und textlich widmet sich Frau Nichols weiterhin in hervorragender Art und Weise dem Feminismus und haut dabei haufenweise gut zitierfähige Slogans raus. Gleich beim ersten Song „Spotlight“ geht es sehr gut los mit „Ich will alles oder nichts und dazu ein Beerenmixgetränk.“ Ein wenig härter und sehr viel ernster geht es weiter auf „Keine Kontrolle“: „Ich hab keine Kontrolle, und kein Serontonin. Weil wenn ich davon mehr hätte, wär’ ich zu mächtig für sie. Hätt’ ich ein reguliertes Nervensystem und kein PMDD – ich würd’ den Laden übernehmen.“ PMDD (premenstural dysphoric disorder) heißt auf deutsch PMDS (Prämenstruelle Dysphorische Störung) und ist eine psychische Erkrankung, die während der Menstruation für Depression, Hoffnungslosigkeit und Kontrollverlust bis hin zu suizidalen Gedanken sorgt. Christin Nichols lenkt mit ihrem Song die Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf diese in zu geringem Maß beachtete und zu wenig ernst genommene Erkrankung, und das ist ein großer und wichtiger Moment auf einem Popmusikalbum.
Das folgende „Unsterblich“ flirrt musikalisch schön elektropoppig dahin und rührt textlich wieder auf: „Alles wird gut, sagen sie. Dass ich nicht lache, dass ich nicht lache.“ Am Ende ist die Protagonistin dennoch unsterblich und steigt auf den Berg aus Trümmern und erstrahlt im neuen Glanz. Und wenn das gar nicht stimmt, dann war’s nicht so gewesen.
„Chelsea Boots“ weist dann mehr Elektronik auf als die vorhergehenden Songs, und das ist toll: Der ruhige und dennoch doll nach vorne drückende Song handelt davon, dass heute Nacht mal alles gut ist, die Protagonistin dazu auch noch schön aussieht und es etwas später wird. In der Stadt glänzen die Lichter und an der Protagonistin ihre Chelsea Boots. Die Welt ist schön und sie ist ein Teil davon. Hier wird Party gemacht und alles ist gewaltig, und dann kommt „Du sagst, ich sei so schön, und dass Du mich nie betrügst. Ich lächel’ Dir zurück, ich sag ‚Ich weiß, dass Du lügst‘“. Und nun ist doch nicht alles gut.
„Bittere Pillen“ ist ein seltsames Liebeslied. Die Erzählerin wäre gern verliebt in ihr Gegenüber, schafft es aber nicht und fordert es auf, sie high zu machen, denn „sonst klappt es nicht“. „Nur bitte gib nicht auf – brich’ mir meinen Willen. Trigger meine Lust, Du Hund, mach, dass ich noch mehr will. Gib mir alles, was Du hast, mach mir meinen Kopf still.“ Rein von der Melodie her klingt das alles lieblich, ansonsten eher nicht. Anschließend wird es auf „Andere Frauen“ dann musikalisch noch lieblicher, textlich natürlich auch hier wiederum nicht: Zu schönem Synthie-Pop sehnt sich die Erzählerin nach einer coolen Frau, die sie mal küsst. „Ich liebe andere Frauen, und andere Frauen lieben mich. Ich bin genau wie andere Frauen. Und wir lachen über Dich.“ „Wie wäre es mal mit Therapie? Es heißt nicht ‚Beziehungsdrama‘, es heißt ‚Femizid‘“ heißt es später im Text. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken und Christin Nichols legt mal wieder genau den richtigen Finger in die richtige Wunde. Das folgende „Keine Depressionen“ haut exakt in dieselbe Kerbe: „Das ist keine Liebe, das ist nur ein bekanntes Leiden. Festgehalten in dem Loop, schwer, das zu begreifen. Ich kämpf’ nicht mehr um Zuneigung, muss mich nicht mehr beweisen, atme tief die frische Luft – endlich frei sein. Und es stellt sich raus: Ich habe keine Depressionen. Es liegt einfach nur an Dir.“ Ich denke, dass es viele Menschen gibt, die sich und einen Teil ihres Lebens in diesem Text wiederfinden und denen Christin Nichols hier aus der Seele spricht. Nichols fasst es dann zusammen mit den Worten „Keine Macht über mich – durch niemand!“ und macht mit diesem abgewandelten Ton-Steine-Scherben-Zitat deutlich, dass sie wie kaum jemand anders in der Lage ist, Stimmungen in Slogans zu fassen und damit den Gebeutelten und Gequälten eine Stimme zu geben.
„Noch wach“ beginnt herrlich 80erjahrepoppig und behandelt eine positivere Seite von Zweierbeziehungen als die vorherigen Songs. „Wenn Du bei mir bist, ist es bisschen nicer. Hey hey hey – bist Du noch wach, ich weiß es ist spät, doch ich hab an Dich gedacht.“ Ich bin total verwiert, aber freue mich, dass Christin Nichols neben toxischer Männlichkeit auch junge Verliebtheit thematisiert, und hoffe, dass diese nicht im Laufe des weiteren Kennenlernens in den reinen Horror umschlägt.
Auf „Cheerleader“ feiert Nichols sich vordergründig selbst, die Textzeile „Wenn’s bleibt, wie es ist, dann wird sich nichts ändern“ stimmt aber zumindest nachdenklich, und dann holt Nichols den Hammer raus: „Kein Leben ohne mich und kein Ich ohne mein Leben. Was wäre denn so schlimm, hätte es mich nie gegeben?“ Autsch! Und dann kriegt Christin Nichols die Kurve aus dieser selbstzerfleischenden Gemengelage hinaus mit jeder Menge Würde: „Was zählt, ist das Jetzt, weil alles andere war schon eben, ich habe nichts, doch das würd’ ich Dir gern geben.“ Und dann fängt sie am Angelsächseln, dass es eine wahre Freude ist (nor, Micha?): „Hab weder guten Schlaf noch gute physical features, und trotzdem gebe ich nicht auf, was ich mach’, denn ich lieb’ das. Und wenn aus dieser situationship nix wird – mal wieder – hab ich ja noch mich, ich bin mein eigener Cheerleader.“ Self-Empowerment ist kein concern für Christin Nichols, sondern ein issue, und das sollte mandatory sein! „Die Welt geht unter, alles scheißegal. Bitte geh’ noch nicht, küss’ mich noch einmal.“ Ja genau, das ist der wahre Geist!
Auf „Ich weiß“ wird es dann wieder nachdenklicher, aber am Ende sehr entschieden und sehr nachahmenswert positiv: „Ich weiß. Für jeden kommt einmal seine Zeit. Ich bin bereit. Ich nehme keine Rücksicht, ich werde glücklich.“ Und mit „Ich lass es einfach zu. Ich bin zwar weit entfernt davon, ein Phoenix zu sein, aber immerhin bin ich nicht Du!“ tritt Christin Nichols nochmal nach gegen alle, die sie davon abhalten wollen.
Mit „Ich würde mich gern selber so lieben, wie jemand, der sich gesund ernährt, nicht nur von Pommes“ und „Du hast Angst, Deinen Geburtstag zu feiern, weil meistens keiner gekommen ist“ haut Christin Nichols im vorletzten Song „Prom Queen“ gleich ganz am Anfang mal zwei Hammerslogans raus, und es bleiben nicht die einzigen in diesem an starken Slogans nicht eben armen Song. Dennoch beklagt die Ich-Erzählerin, dass sie es nie zur „Prom Queen“ bringen wird, und auch nicht zum Superstar. Ja, warum eigentlich nicht? Weil sie eigentlich nur der Mensch sein will, den „Du schon immer in mir sahst“? Da klingt ja doch noch ein wenig Glaube an die Einschätzung ihres Umfeldes an sowie an die Hoffnung, dieses könnte sie so mögen, wie sie wirklich ist. Diese verletzliche Seite ihres lyrischen Ichs betont Christin Nichols auf dem letzten Stück „Alles ist falsch“ noch einmal mehr und zerschmettert darin den Glauben an ihr Umfeld umso mehr. Der Text ist unbestimmt und teilweise kryptisch und endet immer bei „Alles ist falsch, alles ist falsch, alles ist falsch“, und das klingt nachvollziehbar eher nachdenklich und nachdenkenswürdig als jammernd und bei der Zeile „Und was war denn jetzt so schlimm, den anderen geht’s wie Dir?“ mag man wahlweise die Erzählerin trösten oder den anderen in die Fresse treten oder in das abschließende immer wieder wiederholte „Alles ist falsch“ oder noch besser in das daran anschließende „Dann reagier ich mich ab, dann leg’ ich mich auf den Boden, mach’ doch, geh’ doch mit dem beschissenen Flow. Vielleicht passiert ja was Schönes, wenn man gar nichts macht, ich hab keine Ahnung“ einstimmen. Gesanglich ist „Alles ist falsch“ darüber hinaus ein wahrhaftig überwältigendes Weltwerk jenseits von dieser Welt.
Christin Nichols’ großartige feministische Lyrik ist gleichermaßen stark, selbstbewusst, verletzlich, empathisch, manchmal verdientermaßen vernichtend, jedoch niemals selbstgerecht oder verletzend, und musikalisch passt auch alles – ich hoffe, dass sehr viele Menschen sich dieses Album anhören und die richtigen Schlüsse draus ziehen, denn das könnte die Welt besser machen.
