Von Matthias Bosenick (02.10.2026)
Wer Mi6 hört, hört eine Wundertüte, denn das belgische Trio bringt von EBM über Wave bis Gitarrenlärm auf seinem Debüt-Minialbum „Mind Machine (Are You Listening?)“ beinahe alles unter, was seit den späten Siebzigern im Dunkeldüsterbereich so möglich ist, und das gottlob ohne Palaktivität, auch wenn so etwas wie ein Anti-Nazi-Song dazu geradezu einladen würde. Moderne EBM-Remixe ergänzen diese zeitgemäße Retroreise, die aus bereits veröffentlichten Singles und neuen Songs besteht.
Los geht diese Sammlung mit dem Quasi-Titeltrack „Mind Machine“, nicht bei Deine Lakaien geklaut, mit dem das Projekt mit dem bedauerlicherweise nicht so individuellen Namen Mi6 aus Brüssel vor exakt einem Jahr auf sich aufmerksam machte. Elektronische Musik mit starker Neigung zum EBM ist das, und während man sich noch im relativ typisch belgischen Soundumfeld wähnt, stülpen die drei Agenten vom Mi6 ihren Sound einmal um. „Echoes Of The Red Dawn Call“ ist ein langsamer, wuchtiger Rock, ein brachialer Darkwave mit Synthies darin, also so diametral anders als der Track davor, dass man staunt. Danach setzt „Leather Weather“ plötzlich auf Ballade mit Akustikgitarre und Piano und man ist vollends perplex.
Wiederum anders ist dann „Bonker Bunker“, mit dem elektronischen Grundgerüst, auf dem eine bratzige Gitarre und ein analoges Schlagzeug plötzlich mit einer Dynamik überraschen, die daraus besteht, dass der Song gleichzeitig tanzbar und rockig, zurückhaltend und nachdrücklich ist, beinahe poppig, auf jeden Fall eingängig. Der angekündigte Song mit der Botschaft, „Warning! (Neo Nazi Punk)“, verändert das Soundbild dann erneut: Das Stück ist dem Inhalt angemessen aufgekratzt, eindringlich, repetitiv, bratzig, mit einem brutalen No-Wave-Saxophon und monoton gebellten Inhalten, die – so die Info – sechs belgische Politiker anklagen, indem sie mit der sozialdemokratischen Bewegung um 1932 in Deutschland konfrontiert werden, die sich gegen Nazismus, Stalinismus und reaktionären Konservatismus richtete. Es hätten mehr als sechs Politiker sein können, setzt die Info fort, und beklagt, dass zwei der drei genannten Ismen heute noch relevant seien.
Es folgen drei Remixe, und zwar zunächst zweimal der Titelsong in der Version von Krieg-B. In der ersten Fassung verlegt sich der Mix dynamisch und energetisch aufs Körperliche des modernen EBM, hart und elektronisch, mit männlich-weiblichem Wechselgesang, den Krieg-B in der zweiten Version ebenso herauslassen wie manche krasse Effekte, ohne an Energie einzubüßen. Das übernimmt die „Berlin Version“ von „Echoes Of The Red Dawen Call“, das ohne die Gitarrenwucht und mit mehr Synthieeinsatz luftiger und langsamer wirkt als das Original. Blättert man durch die bisherigen Veröffentlichungen, stellt man fest, dass „Invaders (Mi6 Remix)“ fehlt – bei dem es sich um einen Klassiker von Kriegbereit handelt, dem Projekt mit der Coverversion von The Cures „A Forest“ sowie mit Dominique Lallement, der später zu K-Bereit gehörte, heute Teil von Krieg-B ist und in den Neunzigern mit Jean-Luc de Meyer von Front 242 das Projekt Cobalt 60 betrieb.
Dabei erinnert der Sound von Mi6 eher gar nicht an Front 242, da hat man vielmehr andere Referenzen im Kopf. Joy Division etwa, noch stärker The Cassandra Complex, etwas The Fair Sex und leicht Light Of Eternity, das legitime Nachfolge-Projekt von Killing Joke. Was nicht verwundert, schließlich erlebten und gestalteten die drei Mitglieder von Mi6 solche Musik seit den Siebzigern mit, erzählen sie selbst. Das sind: Sänger Richard Belgium (sein von Black-Metal-Musiker Déhà produziertes Solo-Album „This Is Not Fiction“ erschien 2022), Gitarrist Jean-Luc „JHell“ Berge (GabbaLovers, Skin Deep, Atomium Speedz) und Multiinstrumentalist Dominique Nuydt (Factheory, Artefact, Genetix, Metaphysical Machinery, TVC Dune).
