Von Guido Dörheide (01.10.2026)
Von Team Dresch habe ich zum ersten Mal 1996 anlässlich ihres zweiten Albums „Captain My Captain“ in der Zeitung gelesen, und mir ob der euphorischen Rezension sofort, unverzüglich das Album gekauft, in einem der damals in Braunschweig vorhandenen Schallplattenfachgeschäfte, die alles, was neu und irgendwie heiß war, vorrätig hatten. Ich liebte das Album und legte mir auch noch das im Jahr zuvor erschienene Debüt-Album „Personal Best“ (minnichstens genauso gut wie „Captain“, wenn nicht gar noch besser) zu sowie in den folgenden Jahren die beiden Soloalben der Team-Dresch-Sängerin Kaia Wilson. Von TD selber gab es seitdem nichts Weiteres, da die Band nach „Captain“ für 30 Jahre verstummte. Da kann wohl nicht mal ein Wolfgang Koeppen gegenanstinken.
Kurzer Einschub noch: Im Jahr des Erscheinens von „Captain My Captain“ veröffentlichten Tocotronic auf dem Album „Wir kommen um uns zu beschweren“ den Song „Die Sache mit der Team-Dresch-Platte“, und ich war total begeistert, dass ich eine Band kannte und feierte, die auch Tocotronic kannten und feierten. Aaaaaber – aus heutiger Sicht stelle ich fest: A) Team Dresch spielen – so stellte der Tocotronic-Text damals fest – nicht für mich, dennoch kommt es mir so vor, und obwohl ich ein Mann bin, kann ich sie verstehen und B) meine Freundin findet sie nicht so toll, weil die Lieder vorwiegend in Moll geschrieben sind. DAS, meine Damen und Herren, ist Misogynie in Reinkultur, bzw. im Trainingsanzug: Selbstverständlich kann der männliche Rezipient Anfang 20 den lesbischen Ansatz von Team Dresch unmittelbar verinnerlichen und die tolle Musik dementsprechend abfeiern, während die Freundin nur anhand der verwendeten Tonart keinen Zugang findet. Super, Dirk, Jan und Arne! Könntet ihr heute wohl zurecht so nicht mehr machen.
Aber zurück zu heute: Wie klingen Team Dresch und was wollen Team Dresch? Zu Frage 1: Unglaublich! Team Dresch klingen heute noch haargenauso wie inmitten der 90er Jahre. Kaia Wilson und Jodi Bleyle wechseln sich mit ihren gut unterscheidbaren Stimmen beim Singen ab (ich bin immer noch ein wenig Team Kaia, aber Bleyles Gesang ist eigentlich ebenso wunderbar) und lassen die Gitarren krachen und klirren, Donna Dreschs Bass (früher war sie ebenfalls an der Gitarre zu hören) und Marcéo Martinez’ sowie Melissa Yorks Schlagzeug treiben das Ganze voran, es ist zum Teil Punk und zum Teil Rock’n’Roll, auf jeden Fall wie gemacht für Fans von sagen wir mal Sleater-Kinney und Bikini Kill, die damals in den 90ern gemeinsam mit Team Dresch, L7, Babes In Toyland, den Breeders und vielen anderen mehr gezeigt haben, dass stromgitarrendominierte alternative Musik nicht nur von Männern in Strickpullovern oder Kim Gordon von Sonic Youth gemacht werden kann.
Auf „One Song“ legen Team Dresch erstmal schön nostalgisch los: „Some people say you only write one song, and that feels true, and I do it for you. The lonely young one that was me, who’s in me, and who may be in you.“ Wow! Das ist toll, und das spricht mein Anfang 20-jähriges Ich, das sich damals die Team-Dresch-Platte bei Salzmann am Bohlweg kaufte, unglaublich an. „We got old and all this shit happened. And there was grief and we lost who we were. The wild young ones that were broken, who were open, who were fеral.“ So war es damals, es war genau so.
„Finally a Dyke Album for the whole Family“ schrieb Kaia Wilson seinerzeit auf die Rückseite ihres ersten Soloalbums, und ich wusste damals nicht, was Dykes und Fags (Team Dresch verwendeten damals bereits diese eigentlich als sehr vernichtende Schimpfwörter intendierten Begriffe voller Stolz) und all das waren und las es dann nach und erweiterte meinen Horizont. „Growing Underground“ bringt auf den Punkt, was Team Dresch bereits vor 30 Jahren über Dykes und Fags auf den Punkt brachten: „Our love offends you, fuck you. Our bodies are a threat to you. It’s not a shock what the right right now, what the right right now will do.“ Genau. Im Kehrvers heißt es „You are terror. You’re the terrorists. You can’t erase us, we are stars, we’ve always been here.“ Ganz genau so ist es. Ich kann kaum in Worte fassen, wie begeistert ich bin, dass Team Dresch wieder da sind und dass sie sich noch genauso gut anhören wie vor 30 Jahren.
