Spezial: Singles und EPs (Teil 4)

Von Matthias Bosenick (18.09.2026)

Ein Rundblick auf neue Kleinformate – Ein-Song-Releases bis EPs. Darin: Space-Rock mit Ciolkowska, chillige Gitarrenmusik mit Andrea Galluccio, ein Alt-Rock-Electro-Remix mit Pærish, orgeliger Garagenrock mit Sacred Buzz, Deutschpop mit Florian And The Better Hand, schmissiger Gospelrock mit La Nouvelle Musique, trippiger Electro-Goth mit Meija, Neo-Ambient mit DNL.B, heavy Post-Punk mit J-L, Cold Wave mit The Ultimate Dreamers und Hypnosemusik mit Dead Can Dance.

Ciolkowska – Aeonian – addicted/noname label 2026

Als Vorgeschmack zu „Made In Golyj Wood“ bringen die St. Petersburger Kosmonauten Ciolkowska den Song „Aeonian“ als Single-Edit heraus, dazu den Klassiker „Below The Grass“ als Bonus. Der Titelsong hat Hitpotential: jangelig geloopte Gitarrenmelodien, spacige Synthies, eingängige Gesangsmelodie, ausuferndes Gniedeln, eigentlich Midtempo, aber wirbelndes Schlagzeug, eine Spannung zwischen Versunkenheit und Aufbruch. Space Rock! Das gejammte „Below The Grass“, ursprünglich „Ниже Травы“ vom 2015er Album „Живая Акустика. Фестиваль «СИЛ VI»“, reduziert das Tempo, steigert dafür aber den Fuzz und das Spacige. Beide Stücke sind dem Live-im-Filmstudio-Album „Made In Golyj Wood“ entnommen, hier leicht editiert.

Andrea Galluccio – Dawn/Fire Horse – UniSono Records 2026

Natürlich: Männer mit dem Namen Andrea Galluccio kommen ganz klar aus Wuppertal. Jener Musiker bereitet sich und uns auf sein nächstes Solo-Album „A New Dawn“ vor. Dafür schnappt er sich seine akustisch klingende E-Gitarre und einige verstreute Effektgeräte, spielt entspannt vor sich hin und lässt einen minimalen, dezenten Rhythmus dazu laufen. „Dawn“ klingt genau so, ein Erwachen, eine Morgendämmerung, ein Neuanfang, leicht, motiviert, transzendent, trotzdem selbstversunken und gleichzeitig mit einem Anflug von frischer Energie, die indes noch nicht ausbricht, sondern lediglich dazu beiträgt, dass man sich gechillt bewegen mag. Gesang bleibt Galluccio schuldig, und der würde diese feine Komposition auch nur stören. In ein Genre lässt sich das Stück nur schwer stecken: Jazz, Folk, Ambient, Experimental – alles ist drin, und das, obwohl eigentlich so wenig drin ist.

Gebürtig kommt Galluccio aus Mailand, er arbeitete aber auch schon in London, New York und Berlin, bis es ihn nach Wuppertal zog. Dort schloss er sich als Komponist dem Pina-Bausch-Ensemble an, unter anderem. Ihm hingegen schloss sich für „Fire Horse“ der gebürtige Wuppertaler Sufi-Musiker Marvin Dillmann an, der Didgeridoo und Percussion mit ins Studio brachte und zusammen mit dem Gitarristen einen vibrierend tanzbaren Ethno-Folk-Track generierte. Hier wird eine gewisse Nähe zu Dead Can Dance noch deutlicher als bei „Dawn“. Party!

Pærish – Wait For Dark (Reimagined by The Toxic Avenger) – Pærish 2026

Die Single „Wait For Dark“ wird im Oktober Teil des nächsten Albums „Rita“, das Stück kombiniert den dezenten Pop-Appeal von Filter mit treibender alternativer Rock-Energie, man kann glatt von Emo sprechen, ohne sich entsetzt abzuwenden. Als weiteren Album-Vorboten lässt das Quartett Pærish aus Paris diesen Song nun von The Toxic Avenger remixen, also von DJ Simon Delacroix, der einen technoiden Beat unter das Stück legt, diverse kurze Sprachsamples loopt, die Melodie beibehält und dazu einige knarzige Effekte als Zwischenspiele einbaut. Zur Hälfte wird der Track zu einem Kopfnicker mit einer Art Hip-Hop-Rhythmus und Noisesounds – was zunächst nach Club klang, wird da eher zu Industrial. Chapeau!

Sacred Buzz – Lost Highway/Nothing To Hide – Sacred Buzz 2026

Mit zwei Singles kündigen Sacred Buzz um die Eheleute Jane Skvortsova und Ivan Skvortsov aus Berlin ihr selbstbetiteltes Debütalbum an. Die Garagenrocker mit dem orgelnden Synthie nehmen sich „Lost Highway“ von David Lynch vor, um einen treibenden Song übers Gehetzsein daraus zu machen. Das kommt bei dem krautigen Song tatsächlich rüber, der mit einem Anflug von Countryrhythmus davongaloppiert. Die Orgel darin platziert wie bei Sacred Buzz gewohnt eine Melodie in das Stück, die man nie wieder aus dem Kopf bekommt. Etwas 22 Pistepirkko klingelt da an.

Ebenso bei „Nothing To Hide“, das langsamer ist, aber mit dem ravigen Schlagzeug schneller wirkt. Der Gesang wiederholt den Titel im Refrain auf eine Weise, dass es wahlweise wie eine Predigt oder wie eine Hypnose wirkt, und die Orgel brennt sich derweil ins Gehör. Entsprechende Effektgeräte schießen die Gitarre dazu ins Spacige. Der Song ist satt, repetitiv und Madchester-mäßig tanzbar. Das Album erscheint dann im Oktober.

Florian And The Better Hand – Ja – Florian And The Better Hand 2026

Hinter Florian And The Better Hand steckt tatsächlich ein Florian, und zwar Florian Meyer aus Zürich. „Wieso wartest du auf später, später kommt der Krankenpfleger“, singt jener Florian, und das ist nicht die einzige dringliche Beobachtung, der der Mann in seiner Single „Ja“ unterbringt. Er eignet sich dafür die derzeit angesagte Methode an, Melodien lediglich aus zwei sich abwechselnden Tönen zu generieren, und jagt seine Stimme durch irgendein nur leicht angedrehtes Effektgerät. Dazu produziert er im unteren Midtempo eine dezente Musik, die vermutlich irgendwie elektronisch ist, aber nicht weiter auffällt, und in der man auch mal kurz eine Gitarre hören kann. Welche Zielgruppe spricht das an, ist das schon Gen Z? Leicht schlageresk, zu Aphorismen umgedichtete Allgemeinplätze als frische Erkenntnisse verkauft, Wohlfühlmusik für junge Leute. Während das im Mai veröffentlichte „Ja“ noch läuft, bringt Florian And The Better Hand acht weitere Songs heraus, und scrollt man nach unten, also zeitlich zurück, findet sich kein Ende, also Anfang. Lässt einen etwas unbeeindruckt zurück.

La Nouvelle Musique – Satellite – Fruits De Mer ecords 2026

Ein schmissiger Gospel-Song mit catchy Refrain und Orgel ist „Satellite“, die neue Single des Duos La Nouvelle Musique, bestehend aus Joanna Beck und Ian de Sylva aus Südlondon. Man möchte aus dem Stand mitklatschen und -singen, so gutgelaunt bringen die beiden das Stück dar. Kriegt man nie wieder aus dem Kopf, sobald man das nur einmal gehört hat. Mag das Duo das Etikett Psych-Folk an den Song kleben, nö: Das ist eher straight, retro, mitreißend. Macht gute Laune.

Meija – In Transit – addicted/noname label 2026

Trippig und psychedelisch startet die neue Vier-Titel-EP „In Transit“ des Moskauer Duos Meija, in Eigenschreibweise stets klein, mit dem Song „B&W“. Elektronisches Pulsieren, dunkel getüncht, dazu ein klarer, ausdrucksstarker, melodischer Gesang, der an Lene Lovich, Dalbello oder andere Größen aus der Gothic-Szene erinnert, leicht auch an Catherine Ringer von Les Rita Mitsouko. Der Textanteil von Svetlana Kuznetsova ist beinahe größer als der der Musik von Dmitry Shmakov, und man hört ihr gern zu, ihre Dringlichkeit bindet die Hörenden an die Lautsprecher. Für „Steel Sky“ bricht der Rhythmus, in „Halfway“ rüpelt plötzlich eine bratzige Gitarre zum Breakbeat. Dieser Song überrascht mit einer Laut-Leise-Dynamik, indem in den Strophen lediglich dezente, dennoch dem Industrial nahe Elektronik den Gesang begleitet, während der Refrain wieder losbrettert. Balladesk startet „Sancta Simplicitas“, bekommt aber noch etwas Fleisch auf die Knochen und lässt damit an Collide denken. Später kommt Drum And Bass dazu; der Song häutet sich mehrmals.

Seit 2014 betreibt das Duo sein Projekt Meija, seit 2015 veröffentlichte es stapelweise Singles und EPs sowie 2023 das bisher einzige Album „Grim“. Der neuen EP ging „B&W“ als Single voraus.

DNL.B – PhaseThree – db2fluctuation 2026

Kaum widmet man sich den ersten beiden Phasen von DNLB oder DNL.B, dem neuen Projekt von Daniel Bressanutti, Mitgründer der belgischen EBM-Erfinder Front 242, bringt er schon den dritten Teil heraus. Abermals mit erstaunlicher Klarheit produziert er hier einen Ambient-Track aus repetitiven Synthie-Loops mit perkussivem elektronischem Rhythmus ohne Kicks. Dafür variiert er die Intensität der einzelnen Zutaten und macht den Flug durchs All umso abwechslungsreicher. Berliner Schule trifft Oldschool-Electro mit einer Postkarte von Düsseldorf nach Belgien, die in den Siebzigern abgeschickt wurde und in den Achtzigern erst ankam. Erinnert an das 2002er Projekt Speed Tribe von Bressanutti und 242-Kollegen Patrick Codenys.

J-L – Ailleurs/Idée Fixe – J-L 2026

Krass: „Ailleurs“ des Projektes J-L aus Colomiers in Frankreich beginnt wie ein modernerer Song von Killing Joke und wird dann, sobald der dunkel-rauhe Gesang einsetzt, plötzlich heavy, ohne den treibenden Bo-Diddley-Rhythmus dafür aufzugeben. Synthies, ein Drumsound wie aus dem Industrial früherer Ministry-Alben und eine Melodiegitarre ergänzen den Sound, das brachiale, bedrohliche Stück endet mit einem Kopfnicker-Break. Hinter J-L steckt offenbar ausschließlich Jean-Luc Loret, vermutlich aber nicht der olympische Sportschütze. Bisher gibt’s mit „Idée Fixe“ aus dem Januar erst einen weiteren Song von J-L. Der verbindet die dunkle Melodieführung aus „A Forest“ von The Cure mit der wuchtigen Härte heutigen Post Punks und einer einsamen Western-Gitarre sowie mit vielen Brüchen. Unklar ist, ob der Song von einem 2000 Jahre alten bretonischen Hund handelt. Vielversprechend!

The Ultimate Dreamers – Forced To Live – The Ultimate Dreamers 2026

Da müssen erst über 30 Jahre vergehen, bis so richtig Schub auf The Ultimate Dreamers kommt, aber dann geht’s echt mal nach vorn. Mitte der Achtziger gegründet, ruhte die Band aus Brüssel zunächst und kehrte erst in den Zwanzigern zurück. „Forced To Live“ ist der nächste Happen, den die Cold-Waver präsentieren, dunkel und düster wie aus der Zeit, als die Band entstand. Minimale flächige Synthiesounds, dezentes Electro-Schlagzeug, wavige Gitarre und dunkler Gesang ergeben einen schönen Popsong für Leute, die auch traurige Partys mögen. Schließlich ist man ja zum Leben gezwungen, machste halt das Beste draus, und „Forced To Live“ bietet sich als Soundtrack dafür an.

Dead Can Dance – Nāda – Dead Can Dance 2026

Irgendwie ist es vorbei. 15 Jahre lang reformierten Dead Can Dance – zunächst Anfang der Achtziger noch in Australien als Quartett, nach kurzer Zeit als offenes Duo von London aus – so einige Genres, Folk, Gothic, Wave, Psychedelic, Mittelaltermucke, Ambient, Trance, was auch immer. Als die Luft zwischen Brendan Perry und Lisa Gerrard zu dick zum atmen wurde, trennten sie sich. Erst 2012 fanden sie für „Anastasia“ wieder zusammen und ließen 2018 „Dionysus“ folgen, aber da war die dicke Luft auch schon wieder raus. Die Musik wirkte artifiziell und uninspiriert.

2021 begann Perry damit, einzelne Songs unter dem alten Bandnamen als Singles ausschließlich bei Bandcamp herauszubringen, von denen ist „Nāda“ nun der siebte. Aus der Ferne ließ Gerrard verlauten, dass sie definitiv raus sei und Perry ihren Segen dafür habe, allein weiterzumachen. Nun, das macht er, und zwar so artifiziell wie zuletzt. „Mushin“ war 2021 der Auftakt, so richtig los ging’s mit dem Konzept aber erst in diesem Jahr. „Our Day Will Come“, ließ Perry programmatisch wissen. Es folgten: „Mnemosyne“, „Death Cults“, „Mon Amour Sauvage“, „The Cicadas“ und nun eben „Nāda“, Sanskrit für „Geräusch“ oder „Klang“. Was an den alten Dead-Can-Dance-Sachen so organisch war, ist jetzt nur noch Tapete. Früher konnte man sich hypnotisiert tanzend in der schamanischen Musik fallen lassen, jetzt plätschert sie vor sich hin und perlt am Ohr ab. Alben will Perry nicht mehr machen, sagt er, und so richtig traurig ist man darum nun auch nicht mehr.