Drazek Fuscaldo – Mirage – Drazek Fuscaldo 2026

Von Matthias Bosenick (14.08.2026)

Der vollständige Projektname zu dieser Veröffentlichung aus Chicago lautet Drazek Fuscaldo feat. Jörg A. Schneider, Tatsu Aoki & Thymme Jones, denn dieses jüngste Album „Mirage“ entstand so etwas in der Art wie zu fünft. Zu hören gibt es die hypnotischste, entspannteste freie Jazzmusik, die man sich vorstellen kann. Nichts für das angesagte Kaffeehaus, sondern für den entspannten Genuss zu Hause. Mit unter anderem Trompeten, Piano, Gesang und einem gelösten Schlagzeug – und alles davon ganz anders, als man glaubt, wenn man das so liest. Zum Schluss gibt’s nämlich sogar Grooves!

Nun ist Jörg A. Schneider dafür bekannt, sein Schlagzeug intuitiv und mit deaktiviertem Bewusstsein zu spielen, und nun weiß man auch, dass ihm dies angepasst an die unterschiedlichen musikalischen Biotope auch unterschiedlich ausgeprägt gelingt, daher überrascht es wenig, ihn hier sachdienlich still sein zu hören, erfreut indes umso mehr. Er ist von Anfang an präsent, doch ordnet er seine Intensität reduziert dem Gesamtsound unter, wenn er frei von Metronomen die Elemente seines Sets behutsam bearbeitet. Dieser Gesamtsound beinhaltet ferner eine gestopfte Trompete, die im Hall mäandert, ein frei tupfendes Piano und eine Stimme, die laut konkrete Texte in die Musik denkt. Was da noch im Hintergrund passiert an Samples und Loops, bereichert diese wunderschöne umpuschelnde Atmosphäre noch. Es dauert mehr als die Hälfte des halbstündigen Titeltracks, bis die Musizierenden mal kurz ausbrechen, etwas Lautstärke generieren und dann doch schnell wieder zurückfallen ins Kontemplative, nur dass dann noch eine unverzerrte Gitarre dazu Wärme absondert.

Ja, eine halbe Stunde dauert „Mirage“, und was für andere bereits eine Albumlänge wäre, ist hier nur der erste von fünf Tracks. Die folgenden vier ergeben zusammen zusätzlich knapp unter einer Dreiviertelstunde Musik, und diese schier unendliche Gesamtspielzeit ist auch der Grund, warum es das Album nicht in physisch geben kann – die Herstellung wäre zu teuer. Bedauerlich!

Den weiteren Stücken liegt bei ähnlicher Versuchsanordnung – also asymmetrisch verteilt Trompete mit Hall, Gesang, Piano, Gitarre, Bass, Schlagzeug – auch jeweils eine veränderte Ausrichtung zugrunde. „Life Force“ geht ungestümer zur Sache, der Entspannungsfaktor tritt hier hinter ein dezentes Rütteln zurück. Dem aufmüpfigen „Waltz“ liegt eine unerwartete Dunkelheit inne, versetzt mit etwas übellauniger Aggressivität. Für den „Domino Effect“ kleidet sich Schneider plötzlich in ein Groovegewand und treibt das Stück kraftvoll und dynamisch vor sich her. Zu diesem Stück kann man tanzen! Der abschließende „Pulse“ ist keiner: Mit einer Trompetentapete beginnt das Stück, bricht abrupt ab und lässt dann Schlagzeug und Bass energisch miteinander den Gospel grooven. Nach einer ganzen Weile treten Blasinstrumente mit zwei sich abwechselnden repetitiven Tönen hinzu, die allmählich warm zerfasern. Man möchte gar nicht, dass das alles aufhört.

An diesen Aufnahmen beteiligt waren: Przemysław K. Drążek mit Blasinstrumenten, Loops, E-Gitarre, Percussion, Tatsuyuki „Tatsu“ Aoki (青木 達幸) am E-Bass, Thymme Jones mit Trompete, Piano, Perscussion, Jörg A. Schneider am Schlagzeug sowie der zum Zeitpunkt der Sessions erkrankte Brent Fuscaldo weitgehend nachträglich mit Stimme, Gitarre, Bass.