Von Guido Dörheide (03.08.2026)
Oder auch: Was Guido sonst noch gehört hat… im Juni 2026 – Korrektur und Ergänzung
Kaum wieder da aus dem Urlaub und schon wieder durch den Wind: In meinem jüngsten Artikel über den Juni 2026 tauchte eigentlich noch Converge in der Unterüberschrift auf, nur war von denen dann im Artikel keine Rede mehr, weshalb der Herausgeber den Bandnamen auch aus der Unterüberschrift entfernt hat. Da ich nicht ich wäre, wenn ich mir diesen Lapsus selber durchgehen ließe, mache ich hiermit auf diesen aufmerksam und liefere die Rezension zu „Hum Of Hurt“, der zweiten Converge-Veröffentlichung in diesem Jahr, nach, ebenso wie einen selbstkritischen Beitrag zu meinen vorherigen Aussagen über die „Complete B Sides Remastered“ von den Pixies.
Beginnen wir mit den Letztgenannten: Ich verstieg mich zu der Behauptung, dass Kracher wie „Where Is My Mind“ und „Here Comes Your Man“ auf der Kompilationsschallplatte fehlten, ohne zu recherchieren, ob es sich dabei überhaupt um Single-B-Seiten handelte. Weil nämlich wenn nicht, dann hätten die Songs auch mit Fug und Recht nichts auf dem Album zu suchen. Meine Recherche ergab, dass „Where Is My Mind“ wohl weder jemals eine Single noch eine Single-B-Seite gewesen war. Lob und Anerkennung, dass es der Song trotzdem zum beliebtesten Pixies-Stück aller Zeiten gebracht hat. Und „Here Comes Your Man“ war eine A-Seite, klar. Ich verwerfe also meine Verschwörungstheorie, dass Black Francis mit der Songauswahl, also mit dem Verzicht auf „Where Is My Mind“, seiner verhassten Ex-Bandkollegin Kim Deal noch einen reinwürgen wollte. Ich vermute vielmehr, dass BF auch bei der Auswahl der Songs zu diesem Album weder beim ersten Release 2021 noch heuer seine Finger im Spiel gehabt hatte. Sorry!
Nun aber zum neuen Album von Converge: Erst im Februar hatte die Band mit „Love Is Not Enough“ grandios vorgelegt (nachzulesen in meinem Februar-Rückblick), nun legen sie im Juni nach mit „Hum Of Hurt“.
Während „Love Is Not Enough“ damals, also seinerzeit, also vor nicht mal einem halben Jahr, großartig mit dem supermelodischen und dennoch harten und außerdem sehr abwechslungsreichen Titelsong begann (jahaa – was dem Navi seine Zielstraße, ist dem mp3-Player sein Titelsong, bei beiden ist es egal, wie sie heißen), startet „Hum Of Hurt“ um Einiges sperriger mit „Slip The Noose“. Alle Instrumente und der Gesang vermischen sich zu einem Brei, der aber, wenn man sich geringfügig länger als in den Vorgänger reinhört, echt lecker schmeckt.
Mit knapp über 33 Minuten ist das neue Album länger als das alte, aber nur um knapp zwei Minuten. Die Cover-Artworks sind beide gut.
Auf „Doom In Bloom“ setzt sich die Nichtwertschätzung melodischer Elemente eindrucksvoll fort, dafür wird hier mehr auf ballernde Rhythmik gesetzt, also weniger Brei, aber auch nicht weniger hart und nicht weniger sperrig. Mir taugt das, und die geringe Eingängigkeit führt auch dazu, dass man sich das Album so oft anhören kann, wie man will, ohne dass es langweilig wird oder man sich irgendwelche Melodien überhört. Jacob Bannons Gesang ist wieder einmal mehr über jeden Zweifel erhaben – die Alben von Converge werden immer mit allen möglichen Etiketten von Metalcore über Mathcore und sonst irgendwas bis hin zu Post Hardcore versehen –, dank Bannons Arbeit finde ich hier alles, was mit „Hardcore“ (und ja, damit meine ich Hardcore und nicht Metal- oder sonst irgendeinen Core) zu tun hat, die zutreffendste Kategorisierung. Überhaupt lebt die Musik von Converge nicht von irgendwelchen Breaks oder dem Wechsel zwischen hasserfülltem Gekeife und süßlichem Stadionrockgecroone, sondern geht eigentlich streng nach vorne, mit viel Noise und Aggression mittendrin. „Detonator“ ist dafür ein gutes Beispiel: Bannon keift sich die Seele aus dem Leib, nach Kräften unterstützt vom Gitarristen Kurt Ballou und vom Bassisten Nate Newton. Und Schlagzeuger Ben Koller liefert das unglaubliche Gehämmer dazu, das die Songs in die richtige Richtung treibt, nämlich nach vorne.
Ein weiteres meiner Lieblingsstücke ist „I Won’t Let You Go“, denn es hört sich an, als hätten sich Sonic Youth auf einmal einfallen lassen, sehr harten Metal zu spielen. Auf „It’s Not Up To Us“ schafft es das Schlagzeug, so einen tollen Vorwärtsdrang in den von Melodie völlig ungetrübten Song hineinzubringen, der zusammen mit dem in der zweiten Songhälfte in den Vordergrund tretenden Bass für einen Groove sorgt, und das an einer Stelle, wo ich sowas wie einen Groove zuallerletzt vermutet hätte.
Mit „Dream Debris“ folgt danach das mit 6 Minuten mit Abstand längste Stück des Albums und das, liebe Lesenden, hören Sie sich bitte gerne mal im Schallplattengeschäft Ihres Vertrauens auf dem Kopfhörer an: Ein hallerfülltes Schlagzeugintro wird von einer verzerrten Bassgitarre abgelöst – „In-a-Gadda-da-Vida“ trifft „Ace Öf Spades“, meine Damen und Herren – und dann fängt irgendwann Jacob Bannon an zu – ja, zu was eigentlich? Zu murmeln trifft es am besten – hier wird eine Stimmung erzeugt, die ich so trotz aller Großartigkeit auf „Love Is Not Enough“ nicht wahrgenommen habe und damit ist „Hum Of Hurt“ für mich das bessere der zwei aktuellen Converge-Alben (also nicht nur wegen des geringfügig besseren Preis-Leistungs-Verhältnisses ob der längeren Spielzeit). „Dream Debris“ ist einer der Songs, die ich mir gut und gerne zehnmal in Folge anhören kann, ohne dass er a) langweilt oder b) nervt. Und Jacob Bannon stellt hier wieder einmal mehr unter Beweis, dass er es mit dem unvergleichlichen Mike Williams durchaus nahezu aufnehmen kann.
„It Used To Matter“ startet mit einer beinahe Amricana-mäßigen Slidegitarre – ich bin echt baff, was Converge hier gegen Ende des Albums noch an Ungewohntheiten aus dem Ärmel zaubern, und o haue ha – es bleibt so. Ein unaufgeregtes Instrumental, das komplett richtig am Platz ist und den Hörenden Raum zum Durchschnaufen bereithält, bevor es mit dem Titelstück „Hum Of Hurt“, das so heißt wie das Album und nach dem dieses benannt ist, nochmal in überraschender Weise auf die Zwölf gibt: Bass und Schlagzeug leiten düster und lärmend ein, dann fängt Bannon an, zu klagen, dann zu brüllen, und Bass und Schlagzeug fangen ihn dabei sanft auf. Die Gitarre merkt man kaum, sie ist aber da, und sie ist unverzichtbar, was sich zur Hälfte des Songs zeigt: Ein schönes Riff umspielt das hämmernde Getrommel, dann wieder Bannon am die Silben in die Länge am Ziehen (ein Sänger, der nie nervt. Der weiß gar nicht, wie das geht, denke ich. Alles, was der macht, passt immer hundertprozentig zur dargebotenen Musik, vielleicht daher mein Vergleich mit Mike Wiliams von Eyehategod).
Das letzte Stück, „Nothing Is Over“ beginnt mit einem langsamen Schlagzeug, einem keifendem Jacob Bannon, einem kratzig-doomigen Gitarrenriff, und alles ist gewaltig. Für Härte braucht man keine Geschwindigkeit, der Stimmung ist ein langsames Tempo ja auch oft mal sehr dienlich – so zum Beispiel hier. Ich ergötze mich an Bannons Geschrei und dem ganzen Rest, genieße das ruhig-gruselige Zwischenspiel nach knapp dreieinhalb Minuten und freue mich, wenn dann wieder das rohe Getrommel und Gebell einsetzt. Dass dieses Album mit wirklich sehr gutem und superaltmodischem Doom mit 1A-Sludgegesang aufhört, hätte ich beim Hören der ersten Songs nicht erwartet. Umso mehr begeistert es mich. 2026 ist ein gutes Jahr für Converge.
