Kari Erlhoff/Evelyn Boyd – Rocky Beach Crimes (6) Salto Mortale – Kosmos 2026

Von Matthias Bosenick (04.08.2026)

Einen „Salto Mortale“ im Wortsinne macht ein früherer Freund und Kollege von Titus Jonas, indes nicht wie jener ein Wertstoffhändler, sondern ein Zirkusartist aus Titus‘ früherem Leben. Da die drei jugendlichen Ermittler aus Rocky Beach zurzeit mit Titus‘ Gattin Mathilda auf Spuktour sind, muss Justus Jonas‘ Onkel daselbst die Ermittlungen aufnehmen. Die beiden bisherigen Autorinnen des „Die drei ???“-Spin-Offs „Rocky Beach Crimes“, Kari Erlhoff und Evelyn Boyd, tun sich für die sechste Ausgabe zusammen – und verfassen einen Mordfall, der sarkastisch beginnt und solide endet.

Es ist bedauerlich, dass der Tonfall vom Anfang nicht bis zum Schluss erhalten bleibt: Die Geschichte beginnt schwarzhumorig, sarkastisch, mit leicht bösen Seitenhieben, ohne die Schwere der Inhalte zu beeinträchtigen. Doch sobald der Tod eintritt und der Schrotthändler, der als solcher nicht bezeichnet werden will, gefordert ist, verliert sich der Humoranteil und das Buch entwickelt sich zum reinen Kriminalfall. Der ist solide gestrickt, schlägt einige Haken, was die Verdächtigen betrifft, und zaubert nachvollziehbar jemand Täterndes hervor, mit dem nach Vorbild von Agatha Christie niemand rechnet.

Da sich der Tonfall von der ironischen Dynamik zum soliden Krimi wandelt, verändert sich nicht nur die Stimmung, sondern auch mit der Erzählweise der Lesegenuss. Der Geschichte steht der rhetorisch geschickte Anfang, der verleiht der Reihe etwas Eigenes, Erwachsenes, das dann zugunsten der klassisch abgebildeten Ermittlerarbeit verlorengeht. Der Fall selbst ist dann ganz okay und passend, was den beiden Autorinnen immer zugute zu halten ist, denn den Umstand, dass hier ausgerechnet Onkel Titus, der kreuzbrave spleenige Aniquitätennerd, der ansonsten im Leben von seiner Gattin geleitet wird, einmal selbst das Heft in die Hand nimmt, erläutern sie wie gehabt plausibel: Kernkompetenz von Titus ist es, hartnäckiger Schatzjäger zu sein, sobald es um Antiquitäten geht, und ebenso hartnäckig und genau macht er sich daran, den Todesfall seines früheren Freundes aufzuklären.

Ebenso geschickt verbinden die beiden Schleswig-Holsteinerinnen Boyd und Erlhoff hier Vergangenheit und Gegenwart, indem sie – ganz wie beim „Sonderdezernat Q“ von Jussi Adler Olsen – frühere Ereignisse und Verbindungen im Heute eine wesentliche Bedeutung haben lassen, insbesondere zwischenmenschlicher Art. Wie nebenbei reichern die Autorinnen Titus‘ Biographie um Details an, die der Hauptserie nicht widersprechen, siehe „Die schwarze Katze“. Ganz wie jene Episode greift auch der „Salto Mortale“ das Zirkusleben auf – allerdings mit klarer Bodenhaftung in der Jetztzeit, mit Managern, Tierwohl und anderen zeitgemäßen Elementen, bis hin zum Frust darüber, dass nichts mehr so möglich ist wie ehedem. Also keine Verklärung oder künstliche Glorifizierung, sondern realistische Kulisse für – einen Mord, der hier tatsächlich geschieht, anders als in der Hauptreihe.

Von der lösen sich Erlhoff und Boyd nicht vollends, trotz geschickter Abweichungen. Natürlich spiegelt „Salto Mortale“ das vertraute Rocky Beach wieder, inklusive der in dieser Reihe exklusiven Figur Taavi Karju, analog zu Giovanni Ferasto bei den „Drei ??? Kids“, und auch Skinny Norris spielt hier eine Rolle. Ein Krönchen aber sind die in den Fließtext eingebauten Titel früherer Folgen, und zwar nicht mit dem Holzhammer, sondern als funktionierendes Bild, das die, die es nicht kennen, nicht verwirrt, und die, die es kennen, grinsen lässt. Auch schlüssig erklären sie im Rahmen der Serie, warum sowohl die drei Fragezeichen als auch seine Ehefrau Mathilda nicht vor Ort sind: Sie haben miteinander einen Spukfall zu klären – vermutlich „Die Villa der Toten“, da tritt Mathilda nämlich als Medium auf.

So wenig die Hauptreihe seit um die 25 Jahren noch zu begeistern weiß, so schlüssig ist dieser 2023 ins Leben gerufene Seitenarm. Auch wenn der vereinzelte Durchhänger hat, so ist Boyds „Gefährliche Gentlemen“ mit Morton als Ermittler eher durchschnittlich gut gelungen, aber immerhin nicht schlecht!, so ist das Lesevergnügen dieser Cosy Crimes doch insgesamt hoch, am höchsten bisher bei „Mord unter Palmen“, ebenfalls von Boyd, in dem ausgerechnet Victor Hugenay zum Ermittler wird. Auch „Salto Mortale“ fällt im Verlaufe etwas ab, wie gesagt, und Details wie Titus‘ Ausflug in die Pokerhölle wirkt etwas sehr erzwungen, aber die Auflösung passt auf eine entsetzliche Weise. Was die Reihe außerdem bemerkenswert macht, sind die Ausflüge in fremde Genres, etwa in den Western mit Erlhoffs „Der blutrote Kondor“ und Skinny Norris als Hauptfigur; das lässt Analogien zur „Abenteuer“-Serie von Enid Blyton wachwerden. Im November kommt dann mit etwas Verzug „Peter Shaw“ heraus, der dritte Band der auf vier Teile ausgelegten Graphic-Novel-Reihe von Christoph Tauber, und für 2027 ist die Fortsetzung von „Die Auferstehung“ von Andreas Eschbach angekündigt – man kann sich also selbst bei dieser inzwischen recht ausgelutschten Reihe noch auf Neuheiten freuen.