Von Guido Dörheide (02.08.2026)
Evergrey – Nine Inch Nails – Joan As Police Woman – Klez.e – Olivia Rodrigo – Pixies
Ich bin wieder da. Aufgrund von Sommerurlaub mit der jüngeren Tochter und anschließender Erkundung zweier Europäischer Hauptstädte innert weniger Tage mit dem Kombinationskraftwagen aus volkseigener Produktion (der dabei sein Heimatland durchmaß und nach dem Wiedereintritt in die BRD kurz vor der niedersächsischen Grenze prompt geblitzt wurde) kam ich nicht zum Schreiben und nehme diese lästige über alles geliebte Gewohnheit jetzt wieder auf. Ein Wort des Dankes an Julius, Regina und Julian für den wunderbaren Aufenthalt in Wien, und ein Wort des Dankes an die Liebste für lecker böhmischen Schweinebratenessen am Wenzelsplatz und vor allem für die tolle Zeit.
Inzwischen sind natürlich auch mir am Herzen liegende Tonträger*innen erschienen, die ich hier dem KrautNick-Auditorium nicht vorenthalten möchte, oisdann, gemmas o:
Evergrey – Architects Of ANew Weave – Valhall Music 2026
Evergrey aus Göteborg in Schweden gibt es bereits seit über 30 Jahren, dennoch liefen sie bei mir bislang immer unterm Radar dran vorbei. Zeit also, mal mit „Architects Of A New Weave“ anzufangen, mich mit der Musik von Evergrey zu beschäftigen. Schöön harte Gitarren, viieel Prog, aber der Gesang packt mich nicht so. Hatte ich schon erwähnt, dass ich mit Klargesang oft ein Problem habe? Trotz der eigentlich irgendwie nicen Stimme von Tom S. Englund habe ich das hier. Musikalisch hingegen ist „Architects Of A New Weave“ komplett über jeden Zweifel erhaben. Das Album beginnt mit „Welcome To The Pattern“, ein Synthgedudel mit irgendwie düüsterem Gebrabbel, geschenkt, aber gleich auf dem ersten richtigen Song, „The Shadow Self“, entfachen Evergey ein krachiges Pandemonium aus rauhen Gitarrensounds, Synthteppichen im Hintergrund und grandiosen Soli, aber allein gesangsmäßig siegt hier der Powermetal über den Prog/Djent/Wasauchimmer, und das macht mir den Hörgenuss leider kaputt. Dann noch ein Chor gegen Ende – kotz! Als besonders gelungen hervorheben möchte ich hier noch das Schlagzeug, aber von der Gesamtanmutung her ist das hier leider nicht so ganz mein Ding.
Nine Inch Nails – TRON Ares: Divergence – The Null Corporation/Interscope Records/Walt Disney Records 2026
Da bin ich mit dem Herausgeber einer Meinung: Die Geschichte von Nine Inch Nails ist seit „The Fragile“ aus dem Jahr 1999 eigentlich auserzählt, danach muss man alle Alben von Trent Reznor seiner Band nicht mehr unbedingt haben, auch wenn sie auf einigermaßen hohem Niveau stagnieren. In den letzten Jahren tritt Reznor eh fast nur noch mit dem Zusatz „and Atticus Ross“ in Erscheinung, und es gibt haufenweise epische Filmsoundtracks oder sowas. Gäähn! Hier jetzt also der trendige Razor und sein antikes Ross mit einem Remix-Album zum auf gewohntem Niveau langweilenden „Tron: Ares (Original Motion Picture Soundtrack)“ und was soll ich sagen? Das Teil gefällt. Hinfort ist die Langeweile des ursprünglichen Albums und Reznor und Ross unterhalten mich auf mehr als Doppelalbumlänge knapp zweieinhalb Stunden wirklich sehr gut. Packende Elektronik, kombiniert mit harten Gitarren, generell ein sehr harter Sound und verzerrter Gesang machen Laune, es macht sozusagen Bock, sich die Mucke anzuhören. Das Album erinnert mich an gute Computerspielsoundtracks wie zum Beispiel „Inferno“ (Soundtrack von Alien Sex Fiend, 1994) oder einiges, was der Junge (mein Stiefsohn Roland) bei gemeinsamen Autofahrten per Aux-Kabel („Ey Vater V3, gib mir mal Auxburg rüber!“) aus dem Mobiltelefon heraus in das Entertainmentsystem seines Aygo zaubert. Nur moderner und härter. Sehr schön.
Joan As Police Woman – Real Life Evolution – Reveal Records 2026
Joan As Police Woman ist Joan Wasser aus NYC, die aufgrund ihrer vermeintlichen Ähnlichkeit zur 70er-Jahre-Fernsehseriendarstellerin Angie Dickinson („Make up und Pistolen“, im Original „Police Woman“ – und hier schließt sich der Kreis) ihren Namen bekam und die seit 2004 unter diesem Namen fortlaufend Musik veröffentlicht. Vorher hat sie unter anderem bei Antony And The Johnsons (jahaaa – genau bei DEN Antony And The Johnsons) Violine gespielt.
Unter ihrem Künstlernamen Joan As Police Woman spielt und singt Wasser Indie-Folk, soulig und neo-folkig sowie rhyhtm-and-bluesig angehauchten Indie-Pop und bezaubert damit auf „Real Life Evolution“ einmal wieder umso mehr.
Anspieltipp: Auf jeden Fall „Flushed Chest“ – der Song enthält ein tolles Klavier, das locker auch von Fiona Apple stammen könnte, und Joan Wassers Stimme ist hier unbeschreiblich und singt eine Melodie, die sich erst noch ausgedacht werden muss. Wem das nicht reicht: „Christobel“ und „Eternal Flame“, und wen Joan As Police Woman dann noch nicht hat, der wird ihre Musik niemals wertschätzen können, ist aber egal – alle anderen werden diese Stimme und diese einzigartigen Songs immer wieder hören wollen und sich dabei niemals langweilen.
Klez.e – Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht – Windig 2026
Klez.e aus Berlin haben sich nach einem Computervirus benannt und spielen The Cure nach. Fertig.
Fertig? Nein, natürlich noch lange nicht – Computerviren gehen mir am Arsch vorbei, außer sie legen meinen Computer lahm (gell, ne – weißte noch, Matze, oder?), Berlin mittlerweile ebenso und The Cure kann ich mir auch von denen selber anhören. Zumal mir der Herausgeber gerade eine tolle Live-DVD geschenkt hat, die ich nicht müde werde, mir zusammen mit der Liebsten anzuhören.
Seit „Desintegration“ [sic!] aus 2017 und „Erregung“ aus 2024 drängt sich der Verdacht geradezu auf, dass sich Klez.e anschicken, den Sound von The Cure auf dem 1989er Album „Disintegration“ nachzuahmen und sonst nichts. Vorher haben sie seit 2004 auch schon drei Alben aufgenommen, die nicht schlecht waren, aber erst seit „Desintegration“ habe ich sie so richtig auf dem Zettel.
Natürlich kam es mir zuerst einmal abgeschmackt vor, den End-80er-Sound von The Cure zu kopieren, aber andererseits: The Cure haben anschließend ihren Sound mehr und mehr zum (oft und in den letzten Jahren erst recht wieder großartigen) Bombast gewandelt – was spricht also dagegen, das zu konservieren, was auf dem apseluten musikalischen Höhepunkt 1989 abging? Zumal es das auch gar nicht mal so ganz trifft – wirklich oft hören sich Klez.e auch nach viieel früheren Cure an. „Faith“ aus 1981 und „Seventeen Seconds“ aus 1980 sind hier die Stichworte. Dazu passt auch der Gesang von Tobias Siebert. Er kopiert Robert Smith nicht, haut aber immer wieder in dieselbe Kerbe. Die Texte sind auch klasse. Dazu höre man sich gerne mal „Das eine Treffen im Jahr“ an, das musikalisch an „Lovesong“ und „Pictures Of You“ mit ein wenig „Friday I’m In Love“ gemahnt, „Ach komm, wir hau’n ab von Deiner Feier, […] also Cheers, vamos a la playa, […] und tausend Dinge, die ich sagen will jeden Tag, immer ganz tief in mich rein sollen jeden Tag, wie oft ich an Dich denke jeden Tag, bekomm’ ich einfach nicht gesagt. Hab ich wieder nicht gesagt“ Und solcher Momente sind es nicht eben wenige auf „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“, und dazu solch schöne Musik. Viele andere Bands haben das, wonach sie klingen, ebenfalls nicht erfunden, und ausgerechnet die Cure aus ihren düstersten Phasen als Vorbild zu nehmen, ist fürwahr eine gute Idee.
Olivia Rodrigo – You Seem Pretty Sad For AGirl So In Love – Geffen Records 2026
Meine Töchter haben mich vor Jahren gelernt, dass man auch als alter Alternativeindiezausel mal einer vermeintlichen Popsängerin eine Chance geben muss und seitdem bin ich Fan von Künstlerinnen wie Taylor Swift, Lana del Rey, Dua Lipa, Lady Gaga und einigen mehr. Olivia Rodrigo haut für mich in dieselbe Kerbe. Schon ihr 2021er Debüt „Sour“ hat mir gut gefallen, und dass sie auf demselben Label veröffentlicht wie weiland Sonic Youth und Nirvana (von Neil Young reden wir jetzt besser mal nicht, obwohl sein Zwist mit David Geffen in den 1980er Jahren für einige der obskursten Alben, die jemals von einem über wirklich jeden Zweifel erhabenen Künstler veröffentlicht wurden, gesorgt haben), verleiht der einmal als Disney-Star gestarteten kalifornischen Singer-Songwriterin zusätzliche Glaubwürdigkeit. Und was soll man sagen? „you seem pretty sad for a girl so in love“ hat nicht nur einen wundervollen Albumtitel, sondern wartet auch mit wunderschönen und großartig gesungenen Songs auf. Eigentlich reichen schon die beiden ersten Stücke, „drop dead“ und „stupid song“, um die geneigten Hörer*innen auf die Seite der Künstlerin zu ziehen, wir bekommen es hier mit Alternative-Pop höherer Qualität und zufriedenstellender Düsternis zu tun, und Rodrigos Stimme tut ihr Übriges, um Begeisterung sicherzustellen. Wem das nicht reicht, der möge noch „maggots for brains“ anspielen (eine schöne Anspielung auf den Funkadelic-Klassiker „Maggot Brain“), der von wegen der Bassgitarre her an 80er-Jahre-Indie erinnert und gesanglich im Refrain deutlich macht, dass Popmusik an sich nichts Schlechtes ist.
Der Megahammeranspieltipp wird aber erst bei Track 10 erreicht: „what’s wrong with me“ liefert nicht nur die Jahrhunderttextzeile des Jahres („I think you’re what’s wrong with me“), nein, hier singt auch sogar noch Robert Smith von The Cure mit. So. Was. Schönes.
Pixies – Complete B Sides Remastered – 4AD 2026
Ehmt gerade noch Nirvana erwähnt, schon gibt es was Neues von der Band, der Kurt Cobain immer nacheiferte: „Complete B Sides“ ist eigentlich bereits 2001 erschienen, im heuer veröffentlichten Rewiederneuveröffentlichungs-Reissue bekommen wir ungefähr sechs Songs mehr und ein analoges Remaster von Kevin Vanbergen, und das lohnt sich. Erstmal ist es immer wieder toll, mal wieder mit der Nase auf die Pixies gestoßen zu werden – sie waren wirklich eine der tollsten alternativen Rockbands aller Zeiten –, und außerdem hört sich das Album auch großartig an. Leider fehlt mein Lieblingslied „Here Comes Your Man“ (auch „Where Is My Mind“ fehlt – das kommt einem schon so vor, als hätte Black Francis hier noch irgendwie die Finger mit drin und dafür gesorgt, dass die von ihm am Ende des Bandbestehens nicht eben sehr geschätzte Kim Deal gesanglich unterinterpretiert ist) – ansonsten habe ich aber nichts auszusetzen. Wer die Pixies noch nicht kennt, kann gerne mit den komplett remasterten B-Sides einsteigen und wird es nicht bereuen.
