Von Matthias Bosenick (20.07.2026)
Was in den Neunzigern, meistens, weil es noch neu war, noch parallel laufen musste, lässt sich heute, mit dem Blick in den Rückspiegel, während man sich nach vorn bewegt, kombinieren – etwa Grunge mit Hardcore, Alternative Rock mit Classic und Prog Rock, so in der Art, und das machen Virgin Prozak. „Sinecure“ ist das erste Album des Trios aus Namur in Belgien, nach diversen EPs, und mit der Musik kann man sich prima auf eine Zeitreise zurück in die Zukunft begeben. Ein Termin bei der Physiotherapie ist angeraten.
Das ist schon echt wild, was Virgin Prozak hier zusammenrühren: Während sich Gitarre und Bass in Richtung Grunge aufmachen, treibt das Schlagzeug den Punk voran und brüllt der Gesang den Hardcore dazwischen. An anderer Stelle verfrickelt das Trio seinen an Life Of Agony geschultem Alternative Rock mit der komplexen Düsternis von Tool. Eine Classic-Rock-Kuhglocke begleitet einen Power-Punk. Ein Post-Rock-Flirren flankiert einen Metal-Lauf. Sowas.
Dabei sorgt das Trio, das aus lediglich drei Leuten besteht, für mehr Power, als nur drei Leuten zugetraut werden könnte. Zusätzlich hält die dreiköpfige Band ihren Gesang ausnehmend variabel, die Stimme ist sowohl klar als auch rauh oder hoch schreiend einsetzbar, was unter anderem auch daran liegt, das sich gleich zwei Drittel der Band das Mikro teilen, und nicht immer, das ist ein gelungener Kniff hier, passt sie sich der Musik an, die parallel dazu läuft, sondern kontrastiert diese. Und die halten die drei Musizierenden auch noch alternierend dynamisch und treibend, stets mit einem heavy Grundton, sowie rhythmisch divers. Eine permanente Aufforderung, die Matte zu schütteln, ist sie außerdem.
2017 gründeten drei Leute dieses Trio, bereits 2018 veröffentlichten sie mi „Plethora“ ihre erste EP und ließen sie 2020 von „Plethora II“ folgen. Der Einzelsong „The Doubt Remains“ aus dem Jahr 2022 ist auf diesem Debüt nicht enthalten. Die drei Musiker sind: Gitarrist und Sänger Simon Rosenfeld Dernelle, Bassist und Sänger Vincent Dessard sowie Schlagzeuger Charles Degolla.
