Von Matthias Bosenick (16.07.2026)
Ein weiteres Spezial mit Singles oder Ein-Song-Veröffentlichungen, diese Ausgabe mit: Transnadežnost‘, Der Mord, Absent Sunday, Traum, Резина & Евгения Корсетова, The Morning Stars, Sergei Khramtcevich, Ilya Kruchinin & Dušan Petrović, Sacred Buzz, Pressor, Ciolkowska feat. Reya Rising und Lethernal Utopia.
Transnadežnost‘ – Sonora – addicted/noname label (2026)
Auch ohne Verzerrung lässt sich so eine E-Gitarre durch Effektgeräte abspielen, und das machen Transnadežnost‘ auf diesem Song. Der keiner ist, sondern ein psychedelisches Instrumentalstück, das die „Sonora“-Wüste zwischen Mexiko und den USA als Inspiration hat. Das Trio klimpert erstmal entspannt herum, aktiviert diverse Effekte, so einen Wahwah beispielsweise, und lässt nur dezidierte Ausbrüche zu, die indes keineswegs über die Stränge schlagen und das reduzierte Tempo nicht beeinträchtigen. Die Düsternis mancher Wüstenrocker übernehmen Transnadežnost‘ nicht, hier obsiegt das Licht, aber bewusstseinserweiternde Substanzen kommen hier gewiss dennoch zum Einsatz. Dazu ersinnen die drei aus Sankt Petersburg eine Melodie, die angenehm haften bleibt. Naja, vier: Dem Kerntrio aus Gitarrist Aleksandr Yershov, Bassist Max Olm und Schlagzeuger Alexander Tatchin gesellt sich als Gast Keyboarder Stanislav Scherbak hinzu.
Der Mord – The Secret – Antibody Label 2026
Eben noch verbündete sich Yannick Franck mit Cédric Dambrain zu Die Morde, jetzt tritt der Brüsseler wieder wie früher singulär als Der Mord auf den Plan, und zwar mit „Third Secret“, das er von den psychedelischen Experimental-Gruftis The Legendary Pink Dots covert. Den Gesang mit der sakral-sanften, klaren, deutlichen Stimme bekommt Franck treffend so gut hin wie Edward Ka-Spel, lediglich etwas dunkler, die Musik dazu gestaltet er leise, minimal, perkussiv und mit sehr sanften und schönen Soundscapes. Damit nimmt Franck dem Original, das The Legendary Pink Dots 1991 auf „The Maria Dimension“ herausbrachten, einen Teil der Konturen, denn das Stück ist zwar auch so ruhig, aber ausdrücklicher, detailreicher. Schön sind beide Versionen.
Absent Sunday – Isolation – addicted/noname label 2026
Ein wundervolles Stück experimentellen Achtziger-Pops ist „Isolation“ von Absent Sunday, zumindest beginnt das Stück so. Analoge Synthies, verspielte Soundeffekte, sattes Schlagzeug und eine klare Stimme in mittlerer Tonlage, die eine beinahe skandinavische Zurückhaltung mit Ausdruck kombiniert. Zum Mitwippen eignet sich der Rhythmus nur für Profis, denn das Moskauer Duo verschluckt einen Takt, so scheint es, was den Track noch attraktiver macht. Zur Mitte hin wirbeln die beiden Musizierenden ordentlich Effekte auf, die nicht nur glitzern – hier fliegen auch metallische Späne. Dann senkt sich der Song wieder zum wunderschönen Electro-Synthie-Pop. Gar nicht ganz so dunkel, wie es der Titel vermuten lässt. Absent Sunday sind Ozma Nagatovna (Озма Нагатовна) und Aleksandr Konoplev (Александр Коноплёв).
Traum – Hector’s Theme – Lichter Records/Traum 2026
„Hector’s Theme“ setzt fort, was die selbstbetitelte EP der Band Traum vor zwei Jahren begann: psychedelische Garagenrockmusik, hier indes weitgehend um den Fuzz befreit, mit mehr Twang und Jangle und mindestens genau so vielen bewusstseinserweiternden Substanzen. Die kalifornische Sonne erhellt die Garage bereits seit den Sechzigern, von der aus die Freiburger „Hector’s Theme“ starten. Der Gesang verhallt gedämpft, unaufgeregt und ohne Störgeräusche spielt die Band dazu. Kurz lässt sie doch noch ein fuzzy Gitarrensolo hören, löst es aber durch ein spaciges Keyboard ab und rollt den Song entspannt psychedelisch aus. Die B-Seite dieser 7“ liefert das Stück in der Instrumentalversion. Traum sind zu dritt: Helen Lichter singt und spielt Gitarre, Christoph Guschlbauer sitzt an Schlagzeug und Percussion und singt im Hintergrund und der Kölner Electro- und Ambient-Musiker Thereyoughost alias A.C. ist am Bass zu hören.
Резина & Евгения Корсетова – Механическое сердце – addicted/noname label 2026
Wieder eine neue EP von Резина & Евгения Корсетова! Und wie schön diese zwei Stücke wieder sind. Wie eine Kombination aus Wave und Post Rock klingt das Titelstück „Механическое сердце“, es verbindet das Beste aus beiden Welten, schwebende Flächigkeit, eine von Hoffnungslosigkeit und Wut geprägte Verzweiflung, eine aggressive Düsternis. Евгения Корсетова hat einfach eine wundervolle Stimme, die sich an alle Emotionen anpasst und ihnen glaubhaften Ausdruck verleiht. Etwas weniger elegisch, mehr dem psychedelischen Indierock zugewandt ist „Интим 24 часа“, das die Hörerschaft kompositorisch zunächst in die englischen Indie-Achtziger versetzt und dann wie der erste Track in Sachen Energie und Intensität erheblich die Oberflächen aufrauht. Mit Sängerin Evgenia Korsetova musizieren hier die Gitarristen Ilya Zinin und Andrey Klimov, Bassist Denis Dubovik und Schlagzeuger Dmitry Drozdov, mithin der eigentliche Kern von Rezina.
The Morning Stars – Endless Summer – The Morning Stars 2026
Nach „Down To Earth“ ist „Endless Summer“ bereits die zweite Single, die dem Debütalbum „A Hymn Without A Sound“ der Berliner Supergroup The Morning Stars folgt. In der Strophe hält sich das Quartett trocken und bedeckt, ein minimalistischer Groove zieht die Hörerschaft sofort an sich und gipfelt dann in einem Refrain, in dem strahlend und warm die Sonne aufgeht. Weiterhin gniedelt und dudelt die Band ausnehmend versiert vor sich hin und verstärkt nur das Hypnotische des wunderschönen Stücks psychedelischer Popmusik. So darf der Sommer gern endlos sein. Supergroup ist nicht untertrieben, The Morning Stars bestehen aus Namensgeberin Barbara Morgenstern mit Gesang und Synthies, Felix Müller-Wrobel (Kante, Sport) mit Gesang und Gitarre, Alex Paulick (Kreidler, Coloma) mit Gesang und bundlosem Bass sowie Sebastian Vogel (Kante, Britta) am Schlagzeug. Schön zu wissen, dass das Album keine Eintagsfliege war.
Sergei Khramtcevich, Ilya Kruchinin & Dušan Petrović – Obraz generacije – addicted/noname label 2026
Drei Männer des Jazz, eine Improvisation, der man genau das wieder nicht anhört: „Obraz generacije“ beginnt strukturiert, mit einem extrem tief generierten, langsamen Saxophon-Riff, über das sich erst nach kurzer Zeit ein zweites Saxophon für die freie Melodieführung legt. Zur Mitte hin bricht diese Struktur komplett auf, beide Saxophone beginnen, umeinander zu kreisen, und das Schlagzeug versucht, seinen eigenen Platz in der Gemengelage zu finden. Sobald dies gelingt, kehrt das Trio zur Ausgangssituation zurück. „Образ генерации“ entstand bereits 2023 in Belgrad, als die beiden Baritonsaxophonisten Sergei Khramtcevich und Dušan Petrović sich mit Schlagzeuger Ilya Kruchinin auf die Bühne stellten. Damit gibt das Trio einen Ausblick auf ein kommendes Album, das es unter dem treffenden Namen Baritone Conspiracy veröffentlichen will.
Sergei Khramtcevich, Ilya Kruchinin & Dušan Petrović – Crveni pomak – addicted/noname label 2026
Vorher gibt’s mit „Crveni pomak“ einen zweiten Vorgeschmack, ebenfalls aus dem obigen Livemitschnitt, mit einer vergleichbaren Grundlage: Ein Saxophon generiert ein tiefes Loop, das andere legt sich mit einer freien Melodie darüber, das Schlagzeug fasst beides zusammen. Nur neigt dieses zweite Saxophon dieses Mal deutlicher zum Free-Jazz-Quäken als beim anderen Track, bevor alle zusammen in ein stilles Nichts versinken. Wie bereits beim ersten Track von Sergei Khramtcevich, Ilya Kruchinin & Dušan Petrović alias Baritone Conspiracy lässt sich eine Nähe zum norwegischen Jazztrio The Thing nicht von der Hand weisen. Auf das Album darf man jedenfalls gespannt sein.
Sacred Buzz – Lost Highway – Sound Effect Records 2026
Mit „Lost Highway“ kündigen Sacred Buzz aus Berlin ihr Debüt-Album an. Der Rhythmus, mit dem der Song beginnt, hat etwas Kopfnick-Chilliges wie ein entspannter Country-Track, drückt damit aber bald schon ins Psychedelische. Und zwar im Quasi-Refrain gleichzeitig mit einem hellen melodischen Orgel-Synthie und einer fuzzy Gitarre, eine bemerkenswerte Kombination. Damit setzt das Quartett den mit der „Radio Radiation“-EP begonnenen Weg fort. Kern der Band sind die Eheleute Ivan Skvortsov und Jane Skvortsova an Keyboards, Gitarre und Gesang, begleitet von Schlagzeuger Max Storck und Bassist Luca Büttner. Das Album kommt im Oktober.
[Edit] Ivan informiert über personelle Veränderungen: Jetzt sitzt Sergio Sanzone am Schlagzeug und steht Mike Denton am Bass (Mike spielte im UK in der Band The Lucid Dream). Luca und Max verließen die Band kurz vor der Veröffentlichung der EP „Radio Radiation“.
Pressor – Smell That You Like (Relit) – addicted/noname label 2026
Ursprünglich geht dem Titel noch ein bestimmter Artikel voran, der noch klarer macht, worum es hier geht: The „Smell That You Like (Relit)“ dreht sich bei Pressor natürlich ums Kiffen. 2012 erschien dieser Song auf der Debüt-EP der Band aus Sankt Petersburg, doch befanden Pressor, dass das Stück in der Zwischenzeit einige Entwicklungen durchmachte und somit neu angezündet erneut veröffentlicht gehört. In den schweren Stoner-Doom bettet sich eine Orgel, die Band zieht weiter zum psychedelischen Sludge, und so düster und schwer das Stück auch erscheinen mag, so viel Spaß macht es doch, weil man die Spielfreude hier deutlich heraushört. Außerdem passiert hier in nur einem acht Minuten langen Stück mehr, als andere Bands auf ein Album bekommen. Pressor sind: Stanislav Vasiliev (Gesang, Gitarre, Keyboards), Anton Khmelevsky (Gitarre), Kirill Grushkin (Bass) und Daniil Kornev (Schlagzeug).
Ciolkowska feat. Reya Rising – Vyshe (Extended Version) – Look At That! Streaming Services 2026
Die „Synth Version“ von Vyshe ist lediglich auf der Streaming-Version des aktuellen Albums „Bomba Nastoyashchego“ zu finden, und dort ist es genau so lang wie die „Extended Version“, nämlich gerade mal vier Minuten. Vielmehr veränderten die verträumten Kosmosrocker aus Sankt Petersburg hier die Textur: Der fluffige Beat stammt von Milli Vanilli in langsam, darüber liegend ebenso fluffige Sounds, wolkig, nebulös, himmlisch, schön. Die vermeintliche „Synth Version“ hat etwas eher Folkiges, die „Extended Version“ legt einen Schleier über den an sich eher klaren Song – und tauscht den männlichen Gesang gegen weiblichen aus, nämlich von Reya Rising, wie die Londoner Yogalehrerin Gemma Bruno eigentlich heißt. Die Aufnahme erfolgte in Sri Lanka, der Genuss des Songs versetzt in den Kosmos.
Lethernal Utopia – The Halo Of God – Lethernal Utopia 2026
Der böse grollende Gesang ist vom Death Metal noch übrig, das Riffing und die Flächen entnehmen Lethernal Utopia auf „The Halo Of God“ eher dem Thrash oder dem Post Metal. Liest man, dass die Band aus Toulouse es sich zur Aufgabe macht, Death Metal und Melodien zu verbinden, bekommt man Angst, es mit kitschigem Metalcore zu tun zu haben, aber das trifft gottlob nicht zu. Dieser Song setzt fort, was die 2023 gegründete Band 2025 auf der ersten EP „Glitch“ und dem Debüt „Illusion Of Time“ auf die Hörerschaft losließ, und setzt damit das Zeichen, dass sie zur Weiterentwicklung bereit und in der Lage ist. „The Halo Of God“ lässt eher Machine Head anklingen, die ohne den Pop jedenfalls, und birgt ungefähre so viele verschiedene Elemente wie eine EP mit mehreren Stücken. Zur Band gehören: Bassist Jay Balcou, Schlagzeuger Alex Bonnet, Gitarrist Sacha Guitteny sowie Sänger und Gitarrist Adrien Alvarez.












