Was meine Freundin gerne sieht – die Serienkolumne: Pernilla und der zu Tode gekochte Frosch

Von Onkel Rosebud

Ein Mythos ist, dass wenn man einen Frosch in kochendes Wasser wirft, springt er sofort heraus. Setzt man ihn hingegen in einen Topf mit kaltem Wasser, das man langsam zum Kochen bringt, versucht er nicht, zu flüchten, weil er die Temperaturveränderung kaum spürt. Bis es zu spät und der Frosch totgekocht ist. Gerne wird der „dumme Frosch“ als Beispiel für die Trägheit menschlicher Gesellschaften verwendet, die schleichende Veränderungen – auch zum Negativen – durchmachen, ohne es zu bemerken.

Meine Freundin weiß, Teenager können schreckliche Menschen sein und merken es nicht einmal. Mit pubertären Launen kennt sie sich aus. Bei der Szene in der 2. Staffel der Serie „Pørni“, wo die älteste Tochter ihr Zimmer im elterlichen Hause als AirBnB an zwei Deutsche vermietet, weil sie Geld braucht, ließ sie ihr Strickzeug beiseite und plötzlich hatte Pernilla ihre volle Aufmerksamkeit.

Pernilla, von allen nur Pørni genannt, ist Sozialarbeiterin in einer Jugendschutzbehörde in Oslo. Sie ist Ärger gewohnt und die Heldin der nach ihrer benannten norwegischen Serie – eine Frau Mitte vierzig, geschieden von einem zu Tode gekochte Frosch, die mit den Kindern, Hanna und Sigrid sowie dem frisch verwaisten Neffen Leo, bei ihrem unkonventionellen Vater eingezogen ist. Ihr Motto: „Das Richtige für deine Lieben und für dich selbst zu tun. In dieser Reihenfolge.“ Ihre Arbeit ist nicht nur eine Kulisse, sondern eine integrale Erweiterung ihrer persönlichen Kämpfe und ihrer Empathie. Und mit viel Fürsorge und Feingefühl wird gezeigt, wie sich das Leben anfühlt, wenn die eigenen Bedürfnisse immer wieder hinter denen anderer zurückstehen müssen.

Die Seele von „Pørni“ ist die Schöpferin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Henriette Steenstrup, die in Norwegen eine bekannte Komikerin ist. Meine Freundin kannte sie schon aus den Serien „Lilyhammer“ oder auch „Ragnarök“. Rausgekommen ist eine anspruchsvolle, nonchalante Dramedy, eine Abbildung der Wirklichkeit einer Patchwork-Familie zwischen Anforderungen an die Kindererziehung und Pflege der älteren Generation. Die Charaktere haben Fehler, ihre Beziehungen sind oft angespannt und ihr Leben ist alles andere als idealisiert. Aber, es ist einfach tröstlich, „Pørni“ zuzuschauen. Trotz der vielen Dramen ist die Serie nie schwer oder anstrengend. Sie zeigt mit stiller Ehrlichkeit, dass das Leben nicht perfekt sein muss, um schön zu sein. Obwohl die Geschichten nicht immer ganz rund sind und manche Zufälle arg konstruiert wirken, bezaubert die Serie mit Witz, der nie aufgesetzt wirkt – und vor allem mit tiefer Nachvollziehbarkeit.

In der Serie ist der idiotische Ex-Mann Finn der zu Tode gekochte Frosch. Der Egozentriker drückt sich vor Verantwortung, wo er nur kann, und sorgt damit für zusätzliche Komplikationen im Familienalltag. Er mimt den großen Buchautor, der mit einer Veröffentlichung zu etwas Ruhm gekommen ist und in Kopenhagen ein eigenes Leben führt. Da die beiden Töchter zu integrieren, gelingt ihm nicht wirklich – obwohl gerade die dänische Stadt ihren Reiz auf die Töchter ausübt und sie immer wieder mit der Idee spielen, zu ihrem Vater zu ziehen, was letztlich nie gelingt. Als Finn sein neues Buch vorstellt und er darin offensichtlich das persönliche Beziehungsleben aus der Verbindung zu Pernilla verarbeitet und ausbreitet, wurde es für meine Freundin dramatisch, weil sie weiß, auch ich arbeite an einem neuen Buch. Es soll ein Ratgeber werden. Arbeitstitel: Selbstverzwergung in Beziehungen.

Onkel Rosebud