Von Guido Dörheide (30.06.2026)
Social Distortion – The Haunted Youth – Peter Frampton – Dua Lipa – Willie Nelson – Kurt Vile
Social Distortion – Born To kill – Epitaph 2026
Social Distortion aus Orange County, Kalifornien, sind schon seit Ende der 1970er Jahre aktiv, haben 1983 mit „Mommy’s Little Monster“ ihr erstes Album veröffentlicht, dann lange Jahre lang nichts (u.a. aufgrund der Drogensucht des Sängers und Gitarristen Mike Ness) und anschließend 1988 den Countrypunk-Klassiker „Prison Bound“ und 1990 ihr selbstbetiteltes Major-Debut „Social Distortion“. Danach betrugen die Abstände von Album zu Album erst zwei, dann vier, dann acht und dann nochmal sieben Jahre. Von „Hard Times And Nursery Rhymes“, 2011, bis zum vorliegenden Album vergingen dann sogar 15 Jahre. Umso schöner, dass es Social Distortion noch gibt, und nochmal umso schöner, dass diese wunderbare Band nie enttäuscht hat und sich auch mit „Born To kill“ nicht anschickt, dies zu tun. Mike Ness hat immer noch diese leicht angerauhte, nölende Stimme, die sich sowohl für den Punkrock als auch für Country so dermaßen hervorragend eignet, dass SD beide Genres auf das wunderbarste verschmelzen.
Das Titelstück, mit dem Ness, Johnny Wickersham (Gitarre), Brent Harding (Bass) und David Hidalgo jr. (Drums – und jahaa! – das ist der Sohn von David Hidalgo dem Älteren von den legendären Los Lobos) das Album eröffnen, ist sehr relaxter Punk mit toll klingenden Gitarren (es sägt, ohne weh zu tun) und großartigem Midtempogesang von Mike Ness. Punkuntypisch gibt es ein Gitarrensolo zu hören und – es nervt nicht, sondern passt sich auf das Vortrefflichste ein. Weiter geht es mit Punk, „No Way out“ erinnert mich an die Ramones zu „Brain Drain“-Zeiten und wieder einmal mehr ist Ness’ Gesang über jeden Zweifel erhaben. Auf „The Way Things Were“ halten dann eine stonesmäßige Gitarre (so ungefähr aus der Exile-Zeit) und countryrockiger Gesang Einzug, der super zum Text passt. Ness setzt sich hier mit der Jugend auseinander, mit jugendlicher Verantwortungslosigkeit und mit dem Umstand, dass alles unter anderem auch durch reines Glück nicht in der Katastrophe geendet ist. Soweit meine Interpretation. „And we said, ‚Goodbye‘ to the way things were“ ist ein prima Schlusssatz.
Auf den nächsten Songs bleibt es beim sehr countrylastigen Punk; Social Distortion zeigen mit hoher Kompetenz, wie gut diese beiden Genres zusammenpassen, und dann kommt – eine alte SD-Tradition – eine richtig gute Coverversion. Auf dem selbstbetitelten 1990er Album war es „Ring Of Fire“ von Johnny Cash, auf „Prison Bound“ wurde „Back Street Girl“ von den Stones gecovert, auf dem 1992er „Somewhere Between Heaven And Hell“ war es „Making Believe“ von Jimmy Work, 1996 auf „White Light, White Heat, White Trash“ waren es wieder die Stones mit „Under My Thumb“ und auf „Hard Times And Nursery Rhymes“ 2011 schließlich „Alone And Forsaken“ von Hank Williams.
Hier bekommen wir es mit „Wicked Game“ von Chris Isaak zu tun – und was soll ich sagen? Hammer! Der Song ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und natürlich kann Mike Ness nicht so melancholisch jodeln wie es Isaak weiland tat, aber seine etwas quengelige, unterdrückt aggressive Herangehensweise, unterstützt von toll schrammelnden und jaulend solierenden Gitarren, steht dem Song extrem gut zu Gesicht.
Zum Punk finden Ness und Kollegen bis zum Ende des Albums nicht mehr zurück, sie bleiben im härteren Country verhaftet, und das hört sich toll an.
The Haunted Youth – Boys Cry Too – Play It Again Sam 2026
Die Indierockdreampopgruppe The Haunted Youth kommt aus Limburg in Belgien und veröffentlichte im Mai mit „Boys Cry Too“ ihr zweites Album. Während Sänger und Gitarrist Joachim Liebens auf dem 2022er Debüt „Dawn Of The Freak“ noch in einer so hohen Stimmlage sang, dass ich dachte, hier wäre eine Sängerin am Werk, klingt seine Stimme auf „Boys Cry Too“ einige Oktaven dunkler, was aber nicht heißt, dass er etwa irgendwie grunzt oder so, nein, seine sehr helle Stimme ist immer noch eines der Markenzeichen von The Haunted Youth. Das andere ist die Musik, die sich entfernt an frühe The Cure anlehnt. Hier führt der Albumtitel in die Irre – nicht nach den Cure der 1970er Jahre hören sich THY an, sondern eher nach „Seventeen Seconds“ oder „Faith“, und das angereichert um eine gehörige Portion Shoegaze. Hier wird also nicht The Cure kopiert, sondern die Stimmung der Alben aus den frühen 1980er Jahren unter Zuhilfenahme von Nicht-Cure-Stilmitteln aus den 1990er Jahren mit einer einzigartigen (ebenfalls nicht curemäßigen) Stimme zu etwas Neuem und richtig Gutem verwoben.
Peter Frampton – Carry The Light – UMe 2026
Peter Frampton, der blondgelockte Typ von „Frampton Comes Alive“ (Sie erinnern sich? „Show Me The Way“ und „Do You Feel Like We Do?“ sind die Stichworte) hat außer „Frampton Comes Alive“ noch haufenweise andere Alben aufgenommen, die ich alle nicht kenne, obwohl sie – wie das 2021er Instrumentalalbum „Frampton Forgets The Words“ – durchaus lustige Titel haben. Da ich „Frampton Comes Alive“, also das Album, das die meisten Hörenden sofort instinktiv mit dem Namen Frampton verbinden, weil „Frampton Comes Alive“ so bekannt und beliebt ist, dass man in einem Nachruf auf den Künstler diesen wahrscheinlich als den „Schöpfer von ‚Frampton Comes Alive‘“ bezeichnen wird, sehr gerne höre, konnte ich an dem neuen Album, dessen Cover ein leuchtendes Männchen zeigt, das auf seinem Rücken eine riesige Glühbirne trägt, nicht vorbeigehen, ohne mal kurz hineinzuhorchen.
Dieses kurze Hineinhorchen hält bis heute an, denn dieses neue Album ist wirklich sehr gut. Das eröffnende Titelstück „Carry The Light“, mit dem Frampton (der Frampton von „Frampton Comes Alive“ übrigens) das Album „Carry The Light“ eröffnet, beginnt irgendwie wie ein Gospel oder ein Baumwollfeldarbeitersong („Carry the Light – uh! Carry the Light!“) und entwickelt sich dann langsam von reinem Rhythmus hin zu Melodie, und ich werde gewahr, dass Frampton eine richtig gute Stimme hat. Diese Stimme geht tief rein ins Empfinden der Rezipient:innen, die hat Volumen und Schmackes und drängt sich dennoch nie auf. Dazu gniedelt die Gitarre, drängt sich aber ebenfalls nie auf. Was für ein Einstieg in ein Album, von dem ich mir nichts versprochen hatte!
„Buried Treasure“ ist ein solider Rockstampfer, macht aber enorm Laune beim Hören, und auch hier wieder – Framptons Gesang ist bei aller Unspektakularität sowas von gewaltig; vielleicht, weil Frampton diesem Gesang seine Gitarre quasi als Duettpartnerin an die Seite stellt. Und das alles wird unterstützt von Benmont Tench von Tom Petty und den Heartbreakers.
Auf „I’m Sorry Elle“ zeigt Frampton zusammen mit Graham Nash, dass er nicht nur Midtempo, sondern auch kitschige Balladen kann, und zwar unter kompletter Kitschvermeidung. Es bleibt ruhig – „Breaking The Mold“ besticht durch Framptons Gesang, Gitarrenriffs, die eigentlich allesamt Soli sind und Duettgesang mit der wunderbaren Sheryl Crow.
Überhaupt Duette: Auf „Lions At The Gate“ wird es härter, denn hier arbeitet Frampton mit Tom Morello von Rage Against The Machine zusammen, und das funktioniert prächtig. Framptons Stimme sägt und seine und Morellos Riffs und Soli treten in den Arsch, und das Ganze klingt dennoch entspannt und achtsam.
Auf „Islamorada“ wird Frampton von der R’n’B-Singer/Songwriterin Gabi Wilson a/k/a H.E.R. unterstützt, allerdings nicht gesanglich, da es sich um ein Instrumentalstück handelt. Frampton und Wilson duellieren sich mit ihren Gitarren und das Resultat hinterlässt die Hörenden sprachlos, so schön ist es. Es folgen zwei Kollaborationen mit dem Jazzsaxofonisten Bill Evans, der bereits mit Miles Davis, Herbie Hancock und anderen zusammengearbeitet hat, und mit „At The End Of The Day“ beschließt ein weiteres wunderschönes Instrumentalstück ein wunderschönes Album.
Dua Lipa – Live From Mexico – Warner Records 2026
Irgendwann um 2015 herum oder eventuell auch früher habe ich angefangen, mich mit zeitgenössischer Popmusik zu beschäftigen, weil meine Tochter Marleen im Autoradio die Musik hören wollte, die sie vom Tanztraining oder von irgendwoanders aus ihrem persönlichen Umfeld kannte. Also legte ich für sie einen Ordner auf dem USB-Stick an, der immer im Infotainmentsystem des Kombinationskraftwagens aus volkseigener Produktion steckte, und sammelte dort die Songs, die Marleen so gerne hören wollte, wie zum Beispiel „Be The One“ von Dua Lipa oder „Paparazzi“ von Lady Gaga. Und das änderte meinen musikalischen Horizont dauerhaft: Sah ich vorher chartstaugliche Popmusik als minderwertige Gebrauchsmusik ohne künstlerischen Anspruch an, kriegte ich in von dem besagten Ordner auf dem besagten USB-Stick gelernt, dass Künstlerinnen wie Lady Gaga, Taylor Swift, Kacey Musgraves und eben auch Dua Lipa sich ihre Lieder selber ausdenken und auch discoorientierte Popmusik großartig sein und Tiefe besitzen kann. Auf Lana del Rey als eine meiner Lieblingskünstlerinnen bin ich durch diese Vorbildung kurze Zeit später selber aufmerksam geworden.
Um Dua Lipa so richtig wertschätzen zu können, braucht es eigentlich nur „New Rules“:
„One: Don’t pick up the phone. You know he’s only callin‘ ‚cause he’s drunk and alone.
Two: Don’t let him in. You’ll have to kick him out again.
Three: Don’t be his friend. You know you’re gonna wake up in his bed in the morning. And if you’re under him, you ain’t gettin‘ over him.
I got new rules, I count ‚em.“ Ein super Leitfaden zum Umgang mit toxischer Maskulinität. Und das alles vorgetragen zu grandios authentischer Discomusik mit einer umwerfenden Stimme. Und Dua Lipa ist eine von den Guten: Sie ist gegen den Brexit, für LQBTQI-Rechte, gründete zusammen mit ihrem Vater das Sunny-Hill-Festival in Pristina und machte Wahlwerbung für Bernie Sanders und Joe Biden, weil letzterer sich für die Unabhängigkeit des Kosovo, der Heimat von Lipas Familie, einsetzte. „Mixing pop and politics, he asks me, what the use is?“ fragte Billy Bragg Ende der 1980er in seinem Song „Waiting For The Great Leap Forward“. Dua Lipas Musik ist hier ein Teil der Antwort. „Live From Mexico“ enthält ihre großen Hits und transportiert die Begeisterung, mit der ihre Fans diese Musik feiern.
Willie Nelson – Dream Chaser – Legacy/Sony Music 2026
So langsam hört man Willie Nelsons Stimme an, dass der Mann keine 70 mehr ist. Er singt immer noch in diesem hellen Singsang wie schon immer, aber manchmal vernuschelt Meister Nelson auch gerne mal ein paar Silben.
Er ist aber auch verdammt nochmal keine 70 mehr, sondern 93 (dreiundneunzig!), also wird es so langsam Zeit, dass wir uns Gedanken machen, was für eine Welt wir ihm, Iggy Pop und Keith Richards hinterlassen wollen.
„Dream Chaser“ ist ein nur gut halbstündiges Album voller wunderbarer Folk- und Countrysongs, die fast alle von Buddy Cannon, dem Produzenten des Albums, geschrieben oder mitgeschrieben wurden (bei sechs von zehn Songs ist Willie Nelson am Songwriting beteiligt), nur bei „I Can’t Read Your Mind“, dem in meinen Augen schönsten Stück auf dem Album, ist Bob Dylan als Co-Autor gelistet.
Das Album enthält alles, was an Willie Nelsons Musik so liebenswert ist: Die wunderbare Arbeit auf der Gitarre, melancholische Melodien, unnachahmlicher Gesang (ehrlich jetzt: bevor ich hier beschreibe, was Nelsons Gesang so einzigartig macht, hören Sie lieber selber rein, es gibt da einfach keine Worte für) und Texte mit dem ewigwährenden doppeldeutigen Schalk im Nacken („I don’t wanna drink no more, but the whiskey wants me to“, „I don’t know how to read your mind, the letters are too small. I guess you know what you mean, but it makes no sense to me at all“, „I don’t think I’ve cried today, I may have even smiled today. Didn’t once break down and almost drown in my own tears“). Ich bin gespannt auf Nelsons nächstes Album. Es wird das 80. sein.
Kurt Vile – Philadelphia’s Been Good To Me – Verve Records 2026
Es gibt Künstler:innen, die können einfach nicht enttäuschen. Man weiß, was einen erwartet, und bekommt genau das und stellt nach dem ersten Hören dennoch fest: Die/der Künstler:in hat sich auf ihrem/seinen Territorium selber übertroffen.
So ist es auch bei „Philadelphia’s Been Good To Me“ von Kurt Vile: Natürlich ist „Lotta Sea Lice“, das Kollaborationsalbum mit Courtney Barnett, sein bestes Werk (es ist ebenso das beste Werk von Courtney Barnett), aber das vorliegende Album schickt sich durchaus an, seit zweitbestes zu werden.
Kurt Viles merkwürdige Art zu singen besteht vor allem darin, jeden verdammten Satz offensichtlich mit einem Fragezeichen zu beenden, seine hohe, brüchige, aber dennoch kraftvolle Stimme übernimmt den Rest. Getragen werden seine Songs hauptsächlich von der Gitarre, aber davon sollte man sich nicht kirre machen lassen und trotzdem mal genauer hinhören, denn es gibt da viel zu hören und viel zu entdecken.
Richtig großartig finde ich an Kurt Vile, dass er sich eigentlich genauso anhört, wie er aussieht. Als ich zum ersten Mal diesen schlaksigen Nerd mit seiner langen Korkenzieherlockenhaarfrisur auf einem Foto gesehen habe, das auch seine Gitarre zeigte, hatte ich eine ganz bestimmte Vorstellung, wie er zu klingen hätte, und die hat sich bewahrheitet. Bringt jetzt nicht viel weiter, wenn man ihn noch nie gehört hat, das gebe ich zu. Also, ich finde, Kurt Vile sieht aus wie ein jüngerer Bruder von J Mascis, nur eben mit einer unverzerrten Gitarre, und so hört er sich auch an. Wenn das immer noch nicht plastisch genug ist: Hören Sie gerne mal in „99th Song“ rein und überzeugen Sie sich, dass man zehn Minuten lang singen und Gitarre spielen kann, ohne groß was zu ändern und trotzdem nicht langweilen muss.
