Von Matthias Bosenick (18.06.2026)
Der Titel „Die Regeninsel“ klingt romantischer als die Musik, die sich auf dem so benannten Album findet. Dronemeister Dirk Serries und Soundavantgardist Asmus Tietchens verbrüdern sich zum sechsten Mal, um auf der Gitarre generierte Geräusche in Soundscapes, Ambient, Drones und weiteres Kopfkino zu verbiegen. Für jedes ihrer gemeinsamen Alben wandten sie eine andere Herangehensweise an, dieses Mal manipulierte Tietchens die von Serries an diversen Effektgeräten erzeugten Gitarrensounds zu unheimlichen Wetterlagen. Nach Gitarre indes klingt hier gar nichts mehr – so geht das, wenn zwei Zauberer zusammenkommen.
Das ist doch eine Orgel, denkt man, sobald der „Sturm“ losbricht. Das Losbrechen indes vollzieht jene Wetterlage nicht auf eine wegblasende Weise, das hier ist eher entspannt, aber gruselig. Wie Sounds aus einem Horrorfilm, und hier geschieht es auch erstmals, dass Tietchens die Sounds von Serries zu etwas umdeutet, das man beinahe als perkussiv auffassen könnte. Selten, jedoch keineswegs rhythmisch setzt er solche Effekte ein. Rhythmen sollte man hier sowieso nicht erwarten, wiederkehrende Strukturen lediglich nebulös, wie Atmosphären, die langwellig pulsieren. So auch der „Regen“, der mitnichten prasselt, sondern vielmehr als unendliche Wolke vorüberzieht.
Statt im „Nebel“ wähnt man sich anschließend teilweise wie unter Wasser, unendlich langsam treibend. Mit den „Wolken“ kehrt das gruselige Unwohlsein zurück: Töne steigen ab, als begleiteten sie abstürzende gigantische Flugapparate, während eine Art Chor im Hintergrund einen endlosen Klageton ausstößt, bis alles schwerelos davongleitet. Die „Elmsfeuer“ bringen leuchtende, leichte Partikel in den grauen Hintergrund; da kann man sich kaum vorstellen, dass diese Kalebassensounds und Glitches einmal einer Gitarre entsprangen. Zuletzt versinkt allen im „Dunst“, und er hat so einige schräge, ungemütliche Sounds in petto, kombiniert mit solchen, die man für vertraut hält, aber nicht zuordnen kann – klingt da die Gitarre etwa nach einer Flöte? Oder nach einer Singenden Säge? Oder, um es mit Gabriel Burns zu fragen: War da nicht sogar … ein Atmen?
Der in Frankreich ansässige belgische Gitarrenmanipulator Serries und der 1947 in Hamburg geborene Experimentalmusiker Tietchens arbeiteten hier nicht zum ersten Mal zusammen. Jenes erste Mal erfolgte bereits vor über 31 Jahren mit einem titellosen Album, gefolgt 1999 von „Motives For Recycling“ und 2002 von „The Shifts Recycling“, letztere beide mit Neubearbeitungen bereits existierender Musik, allerletztere aus fremder Feder, nämlich von Frans de Waard. Dann war erstmal Stille, also nicht im Ambient-Sinne, sondern Pause, bis sich das Duo 2019 wieder zusammentat, zunächst für das Album „Air“ und 2022 für „Die Höfner Akten“ (nur echt ohne Bindestrich). Nun verweilen sie auf einer Regeninsel.
