Von Guido Dörheide (15.06.2026)
Immer, wenn ich im Stammlokal meiner selbst und des Herausgebers dieser Zeilen hier die Ruheräume benützen gehe, fällt mir das große Plakat ins Auge, auf dem es in etwa heißt:
- Haltet Abstand!
- Wascht Euch die Hände!
- Niest in die Armbeuge!
- Geht in die Knie!
- Und tanzt den Mussolini!!!
So oder so ähnlich versuchte es uns die Deutsch-Amerikanische Freundschaft (D.A.F.) unter Zuhilfenahme von Adolf Hitler und Jesus Christus (ich glaube auch in der Reihenfolge) in den 80er Jahren des vergangen Jahrhunderts aufzuoktroyieren. Der Räuber und der Prinz seien mein Zeuge. Bis Gabi Delgado dann 2020 viel zu jung starb, versuchten D.A.F. immer wieder, zu alter Relevanz zurückzufinden, mal mit mehr und mal mir weniger Erfolg („Der Sheriff“ von 2003 fand ich zumindest nicht schlecht).
Und nun meldet sich Robert Görl solo zurück, mit dem auf Herbert „Gimmaaahmanhäzzroröck-Tuuupraauuusssstmaaaanelibbenich“ Grönemeyers „Grönland“-Label erschienenen Album „Dark Silver Moon Light“.
War ich bislang auch immer der Meinung, dass D.A.F. ohne Gabi Delgado nix werden kann, muss ich mich, nachdem ich „Dark Silver Moon Light“ gehört habe, echt korrigieren: Robert Görl, namensgebender D.A.F.-Musikant dieser Band, hat sich selber überboten: Wir Feund:innen des minimalistischen 80er-Jahre-Elektronismusses kriegen hier reine 80er-Jahre-Elektronik geboten, wie sie minimalistischer nicht sein könnte. Schon mit „Irgendwann ist jetzt“ geht es sehr gut los, Robert Görl versucht, die Frage, ob irgendwann denn nun eigentlich jetzt oder jetzt doch eher irgendwann mehr jetzt wäre, zufriedenstellend zu klären, landet dabei aber eher auf der Fresse und überzeugt durch die wirklich sehr gute Synthesizermusik auf dem Stück. Alles klingt dermaßen zurückgenommen und 1980er-Jahre-mäßig, dass man kaum glauben mag, wo Görl die Instrumente für diesen Sound ausgegraben haben mag. Und ich muss zugeben: Ich weiß es nicht, aber es geht genau in diesem Sound weiter. Die 1980er Jahre waren nicht „das geilste Jahrzehnt aller Zeiten“, auch wenn diverse schnürlederhosenorientierte Rockmusiksender einen das glauben machen möchten, aber die elektronische Musik war damals mit Synthpop und Electronic Body Music wahrhaft über jeden Zweifel erhaben.
Und das setzt Robert Görl hier jetzt fort. „So wie Du bist“ daddelt düster und monoton vor sich hin, und mit „Der falsche Ton“ schafft es Görl, mussolinieske Gefühle in allen ehemaligen D.A.F.-Hörenden zu entfachen. Kann man Gefühle entfachen? Nun, zu Zeilen wie „Ich spiel so gern den falschen Ton / Den falschen Ton, den liebe ich / den richtigen Ton, den gibt es nicht / den falschen Ton, den liebe ich“ gehen wir gern in die Knie, klatschen in die Hände und tanzen, wen auch immer uns Robert Görl zu tanzen auffordert.
Auf „Don’t Stay At Home“ nähert sich Görl dann seinen österreichischen KollegInnen von Lahm im Hotel an, ohne sich auf deren Peinlichkeitslevel zu begeben. „Don’t stay alone at home, come with me – why don’t you come with me“ ist für sich genommen eine ziemlich abgeschmackte Zeile, hier wirkt sie jedoch, als könne man dadurch auf dem M’Era Luna durchaus reüssieren.
Wie macht Robert Görl das? Nun, er macht das ganz hervorragend: Das folgende Titelstück „Dark Silver Moon Light“, das genauso heißt wie das hier besprochene Album, besticht durch monotones Elektronikgeplucker und ist dennoch toll, und so geht es weiter und weiter: Robert Görl tut so, als habe es seit den 1980er Jahren keine Weiterentwicklung im Bereich der elektronischen Musikinstrumente gegeben, und wenn ich mir das Resultat anhöre, denke ich „Recht hat der Mann!“ Monotonie am Braunschweiger Südsee, Bänder im Haar, dieses Album ist wie aus der Zeit gefallen, zeitlos und wunderbar und es ist superschade, dass Gabi Delgado hier nicht mehr mitmachen konnte. Mit seinem Gesang wäre „Dark Silver Moonlight“ das ultimative D.A.F.-Album der Neuzeit geworden. Ohne seinen Gesang ist es nur ein verdammt gutes altmodisches Elektroalbum, und das ist auch schon mal verdammt viel wert.
[„Dark Silver Moon Light“ ist auch nicht nur Görl und damit 1/2-D.A.F., sondern Görl und Sylvie Marks, also mehr als die ganze Summe der halben Teile. mbb]
