Von Matthias Bosenick (20.05.2026)
„Humppa is a serious thing“, mahnten bereits andere finnische Merkwürdigkeitsmusiker, nämlich Eläkeläiset, und deren Mitstreiter Steve’n’Seagulls verfahren ähnlich, wenn sie Rock- und Pop-Klassiker als Country und Bluegrass – oder auch Newgrass – neu interpretieren. Das sieht lustig aus, ist eine lustige Idee, aber geschähe die Umsetzung nicht bierernst, fiele sie nicht so gut aus. Tomi Tajakka von Steve’n’Seagulls debütiert nun als Remmel & Rattlesnakes mit der EP „Little Western Songs From The North“, und die meint das modernisierte Genre sehr, sehr ernst.
Das Etikett Newgrass zu erfinden, war vermutlich nicht die schlechteste Idee. Neu ist es nicht, im Gegentum, aber doch neuer als Bluegrass, der in allen fünf Songs dieser kaum zwanzigminütigen EP die Basis von etwas bildet, das Puristen schreiend weglaufen ließe, aber offenohrigen Menschen zu schmeicheln weiß. Die ersten drei Songs und der letzte sind balladesk, still, man könnte gelegentlich beinahe kitschig sagen, aber hey, das tut mal gut, solche Musik zu hören, die nicht ironisch oder aggressiv auf die Weltenlage reagiert. Rockig wird’s im vierten Stück.
Die ersten drei Songs sind einfach schön, da staunen selbst die Mumford & Sons, doch Remmel und seine Rattelschnecken verzichten dabei aber, anders als Marcus und seine Söhne, auf die ganz große Geste, mit der die die Welt nicht umarmen, sondern kleisternd erdrücken. Filigran arrangiert, lassen Remmel & Rattlesnakes reichhaltige Details durchschimmern, etwa das bei Steve’n’Seagulls vertraute Banjo, hier aber nicht dominant, sondern als Akzent. „Traveling Rodeo“ erfüllt dabei noch die Erwartungen an Bluegrass, „Mirrors“ und „Hook River“ gehen davon ab und rücken mehr in eine Radiotauglichkeit, die überraschenderweise Freude macht. „Days And Times“ wird dann plötzlich ganz anders: Die Gitarre rockt erst, das Tempo zieht an und mittendrin schaltet jemand für ein knappes Solo den Garagen-Fuzz ein. Und dann hat der Song noch ein Fade-Out! Zuletzt ist „Whiskey Town“ eine Ballade zu Banjo und Steel Guitar, der sich bald ein angedeutetes Boom-Chicka-Schlagzeug und nicht zum ersten Mal hier auch ein Chor hinzugesellen.
Unglaublich, wie schön und komplex, dennoch verspielt die Stücke arrangiert sind. Und eben ernsthaft: Diese EP muss sich nicht in der Humor-Kiste verstecken, das muss das Oeuvre von Steve’n’Seagulls ja auch schon nicht, diese Musik dürfen Freunde von modernisiertem Country und Bluegrass bedenkenlos austesten, sie werden sich daran erfreuen, versprochen! Remmels Rattlesnakes sind hier: Multiinstrumentalist Jarkko Viinamäki (sammelte Genre-Erfahrungen unter anderem mit den Kings Of Moonshine), Schlagzeuger Esa Starck (unter anderem bei den Postrockern Baulta), Pedal-Steel-Gitarrist Antti Vuorenmaa (unter anderem bei Mudville 56 und den Hilland Playboys) sowie Gitarrist Tomi Riipinen. Man spürt, wie beseelt sie alle zu Werke gingen.
