Von Matthias Bosenick (11.05.2026)
Atmosphärisch gesampeltes Vinyl-Knistern sollte man bei dieser Veröffentlichung eher nicht erwarten: Zwar sortiert Burn, das neu zusammengefundene polnische Duo aus zwei etablierten Musizierenden, sein Debüt „Chopped And Shattered“ selbst im Trip Hop ein, schert sich aber nix um dessen Regeln. Für Downbeat ist hier nämlich eine Menge elektronischer Trubel drin. Ewa Baran alias Holy Høly! singt in einer angenehm dunklen Stimmlage, Bartek Brzeziński alias DXCV3R verleiht seinen synthetischen Sounds einen ordentlichen Druck. Was dereinst zur introvertierten Kontemplation gedacht war, schlägt einem hier amtlich ins Gesicht.
In Sachen Gesang und Ausdruck lässt sich Ewa Baran zunächst und auch immer wieder mit Gry Bagøien vergleichen, die in den späten Neunzigern, also selbst bereits nach dem Impact des Trip Hop in Bristol, mit F.M. Einheit von den Einstürzenden Neubauten zwei Alben lang eine ähnliche Musik machte; auch das knapp zeitversetzt gestartete Projekt Bows mit Signe Høirup Wille-Jørgensen, Luke Sutherland und Howard Monk kommt in den Sinn. Nur dass Bartek Brzeziński hier noch weit extremer und kompromissloser vorgeht als die Vorreiter – denn alles andere wäre ja Kopie, aber es und also man muss ja weitergehen, als es Portishead und Massive Attack vormachten.
Die vertrauten Scratches und die Elektronik bauen auch Burn in die Songs ein, doch übt Brzeziński weit mehr Druck aus. Er selbst lässt den Begriff Industrial fallen; so weit lässt sich nicht zwingend gehen, aber in den grundiert ruhigen Betten fließen reißende Ströme, die Musik ist unbequem, kraftvoll, im Grunde sogar gelegentlich stressig für so ein Dowbeat-Genre. Selbst unter schönen Sounds ist die Musik für gewöhnlichen Pop viel zu fordernd. Zudem versieht Baran ihren schönen klaren Gesang oft mit Hack- und Glitch-Effekten.
Sicherlich lässt sich einiges an Trip Hop auf „Chopped And Shattered“ finden. Das Intro zu „Blossom“ etwa erinnert sehr an Portishead, und das ist bereits der sechste von neun Songs. Der zudem lediglich im Intro an den Sound aus Bristol denken lässt, denn der Track geht mit deutlich mehr Energieausstoß weiter. Selbst das Klavier in „Remain“ loopt mit so viel Druck zur dichten Elektronik, dass an Chillout gar nicht zu denken ist. Zum Ende hin verschiebt das Duo die Genres noch weiter: „At“ hat einen Offbeat und „Night“ ist alles andere als schläfrig, da geht’s ab in den Club. Darauf arbeitet das Duo ja von Anfang an hin, denn die neun Ein-Wort-Titel ergeben den leicht kryptischen Satz „Pockets That Remain Broken Often Blossom Late At Night“.
Zu beiden Beteiligten lässt sich eine Menge feststellen. Als Holy Høly! veröffentlichte Ewa Baran im vergangenen Jahr ihr erstes Album „262626“, dies bereits unter der Mitarbeit von Bartek Brzeziński. Die Krakauerin war Mitgründerin von Bands wie Rozmazani, Noce, She Fits Me, MSM und Groszki und trat auch als Regresja auf sowie als Kollaborationspartnerin, jüngst etwa für das Album „Till I Wilt“ des Trip-Hop-Projektes Mudtown & Holy Høly!. Brzeziński ist Teil des Duos ThunderFuzz, nennt sich als Solo-Künstler DXCV3R und hat ebenfalls diverse Zusammenarbeiten in seiner Vita stehen.
