Was Guido sonst noch gehört hat… im April 2026 – Teil 1

Von Guido Dörheide (10.05.2026)

Bon Iver – Sunn O))) – Lord of the Lost – Metal Church – Crimson Glory – Crippled Black Phoenix

O haue ha – entweder ist im April so viel neue Musik erschienen, die mich interessierte, oder ich lag auf der faulen Haut herum und habe kaum was darüber aufgeschrieben. Wie dem auch sei – ich habe die April-Nachschreibung aus Gründen der Steigerung des Lesevergnügens in zwei Teile zerlegt und starte chronologisch mit Teil 1:

Bon Iver – Volumes One (Selections From Music Concerts 2019-2023 Bon Iver 6 Piece Band) – Jagjagjuwar 2026

Hihi, bei Bon Iver ist der Name hier im Harzgebirge echt Programm: Hier bei uns ist auch im Frühling oder im Herbst immer ein guter Winter („bon hiver“ auf französisch), und hoffentlich fällt der Sommer in diesem Jahr auf ein Wochenende.

Bon Iver ist also nicht – wie ich bis vor wenigen Jahren noch annahm – der Sänger und Chef eines gleichnamigen Singer-/Songwriterprojekts, sondern der Name der Band, die auf dieser Liveaufnahme aus insgesamt sechs Personen besteht, wie der Albumtitel bereits verrät. Und der Spaßvogel am Mikro heißt Justin Vernon. Mit „For Emma, Forever Ago“ haben Bon Iver 2007 ein Debütalbum vorgelegt, das jegliches Bemühen, da jemals noch einmal heranreichen zu können, zum Scheitan verurteilt sein lässt (allein der Titel des Albums ist schon großartig, finde ich. Vernon hat es übrigens komplett allein aufgenommen, die Bandmitglieder kamen erst später in die Band). Wer es noch nicht kennt – mal reinhören und ihm unmittelbar verfallen. Dennoch mühen sich Bon Iver alle drei bis sechs Jahre mit neuen Veröffentlichungen ab, die allesamt sehr gut sind. Musikalisch bewegt sich das alles zwischen Indie-Folk, Indie-Pop, Indie-Rock und Indie-Kirchenmusik, alles überstrahlt von Vernons Falsettgesang, der manchmal aber auch in tiefer rockige Sphären abdriftet. Gesanglich unterstützt wird Vernon von der Gitarristin und Keyboarderin Jenn Wasner sowie (auf „We“) von seinen Labelkolleg:innen Bizhiki. Die Mehrzahl der Stücke auf „Volumes One“ stammt ursprünglich von den Alben „22, A Million“ (2016) und „i, i“ (2019).

Soviel zur Theorie. In der Praxis muss man tatsächlich mal reinhören, ob Seltsamkeit und Stilvielfalt einem zusagen, mir taugt beides sehr. Anspieltipps: „Man Like U“ (im Original noch „U (Man Like)“ betitelt) mit sowohl Tenor als auch Falsett von Mr. Vernon, zusammen mit Jenn Wasner, viel Klavier und einer wunderschönen Melodie; „666“ mit Klimperelektronik-Intro, schön jangeliger Gitarre und lässigen Stadionrockflair zum Ende hin sowie „Sh’Diah“, das ruhig mit den Keyboards beginnt und dann mit einer Jimmy-Somerville-Soundalike-Contest-Winner-Gesangsperformance weitergeht und im letzten Drittel mit Michael Lewis’ Saxophonsolo (unterlegt mit hammermäßiger Percussion) aufwartet, das zwar ruhig ist, aber dennoch teilweise krachig kratzt und kreischt, dann wieder sanft schmeichelt – fürwahr ein Gänsehaut-Ende für ein großartiges Live-Dokument.

Sunn O))) – Sunn O))) – Sub Pop 2026

Sunn O))) (ausgesprochen „Sun“ und geschrieben wie das Firmenlogo des Verstärkerherstellers Sunn) bestehen aus Stephen O’Malley und Greg Anderson, veröffentlichen seit 2000 unter diesem Namen und machen Drone Doom. Das heißt, die Musik ist instrumental, langsam, tief, verzerrt und macht beim Hören glauben, dass gerade der Weltuntergang eingeläutet werde. Das selbstbetitelte ca. zwanzigste Album des Duos aus Seattle bietet sechs Songs in einer Stunde und zwanzig Minuten Spielzeit, es summt, es brummt, es dröhnt und es lässt einen nicht los.

Lord Of The Lost – Opvs Noir, Vol. 3 – Napalm Records 2026

Lord Of The Lost aus St. Pauli haben sich vorgenommen, uns allen mächtig auf den Wecker zu fallen: Erst 2022 „Blood & Glitter“ mit dem gleichnamigen, leider sehr erfolglosen bundesdeutschen 2023er ESC-Beitrag, dann das endlos lange Coverversionenalbum „Weapons Of Mass Seduction“, dann im vergangenen Jahr die ersten beiden Teile von „Opvs Noir“ und in diesem Jahr dann gleich den dritten Teil hinterher – ja schlafen Chris Harms und seine Kollegen auch irgendwann mal oder machen Achtsamkeitsübungen oder autogenes Training?

Man mag ja von den Dunkelrockern aus der Freien und Hansestadt halten, was man will, ich persönlich finde alle zuvor aufgezählten Alben sehr gut hörbar, Harms’ Stimme und Gesangsstil gefallen mir (er klingt irgendwie natürlich und nicht, wie zahlreiche andere deutschsprachige Dark-Rock-Acts so, als würden sie absichtlich tiefer und bedrohlicher singen, als sie es eigentlich können), die Musik enthält ein gut abgewogenes Maß an metallischer Härte und stimmungsvollen Synths – kurz, LotL fallen mir keineswegs auf den Wecker, sie werden nie meine Lieblingsband werden, ich höre sie mir aber immer gerne an. Die drei in kürzester Zeit auf den Markt geworfenen Opvs-Noir-Alben mögen wohl zum Ende hin qualitativ um eine klitzekleine Messerspitze abfallen, das kann aber auch daran liegen, dass man als Hörer:in nach zwei Stunden und 14 Minuten leichte Ermüdungserscheinungen zeigt, insgesamt zeigen sie die Band aber sowohl spieltechnisch als auch vom Songwriting her in guter Form. Wenn sich LotL jetzt mal eine Pause gönnen, wäre das aber sicher auch eine gute Idee.

Metal Church – Dead To Rights – Rat Pak Records/Reaper Entertainment 2026

Kurdt Vanderhoof und seine Mannen – mittlerweile um den Ex-Megadeth-Bassisten David Ellefson verstärkt – haben 1984 und 1986 mit „Metal Church“ und „The Dark“ zwei legendäre Trash-Alben veröffentlicht, beide mit dem Sänger David Wayne. Seitdem wurde der Posten des Sängers von einigen anderen besetzt (Mike Howe, Ronny Munroe, Marc Lopes), seit 2025 ist es Brian Allen, der bei Metal Church singt, „Dead To Rights“ ist somit sein erstes MC-Album. Und er macht den Job echt gut, finde ich. Ansonsten gibt es schön altmodischen, melodienreichen Thrash auf qualitativ hohem Niveau. Mehr braucht es manchmal nicht.

Crimson Glory – Chasing The Hydra – No Remorse Records/Brave Words Records 2026

Auch Crimson Glory gehören zu den US-Metalbands, die mit ihren ersten beiden Alben ihre größten und besten Klassiker abgeliefert haben – nach „Crimson Glory“ (1986) und „Transcendence“ (1988) änderten die Progmetaller aus Florida ihren Stil und konnten nie wieder an ihre anfänglichen Erfolge anknüpfen. Dementsprechend ist „Chasing The Hydra“ erst ihr fünftes Album in 40 Jahren – dennoch kennt wohl jeder Metalfan ihren Namen. Die ersten drei Alben wurden von John Patrick McDonald jr. eingesungen, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Midnight. Nach „Strange And Beautiful“ (1991) stieg er bei CG aus, auf dem vierten Album „Astronomica“ (1999) sang Wade Black, dann stieg Midnight wieder ein, sein früher Tod 2009 verhinderte leider weitere Albumveröffentlichungen in der Originalbesetzung. Todd LaTorre übernahm das Mikro bei CG, stieg dann dort aus und bei Queensrÿche ein und CG wurde auf Eis gelegt.

Jetzt sind sie wieder da, mit Travis Wills als neuem Sänger. Der passt hervorragend zu der Band um Jeff Lords (Bass, seit 1983), Ben Jackson (Rhythmusgitarre, seit 1983), Dana Burnell (Schlagzeug, seit 1983) und dem Leadgitarristen Mark Borgmeyer (seit 2023), sein leicht theatralischer, kraftvoller Operettengesang harmoniert gut mit dem Powerprog von Crimson Glory. Auch hier keine Rewiederneuerfindung des Fahrrades, aber die qualitativ ansprechende Wiederbelebung einer legendären Metalband nach einer 27jährigen Wartezeit.

Crippled Black Phoenix – Sceaduhelm – Season Of Mist 2026

Wir bleiben beim Prog, mit einem großen Übergewicht in Richtung Post (jahaa – so hieß DHL früher mal): Crippled Black Phoenix ist eine englisch-schwedische Koproduktion und trotzdem (also trotz ABBA, Roxette, Europe und diesen Wikingern da, die seit Jahren immer dasselbe Album aufnehmen) lohnt es sich, hier mal ein Ohr drauf zu werfen. Die Ursprünge der Band liegen in England, wo Justin Greaves die Band 2004 zunächst als Projekt gründete, mit Joe Volk als Sänger. Dieser verließ die Band nach dem vierten Studioalbum, „(Mankind) The Crafty Ape“ (2012). Mit Daniel Änghede als Sänger und Gitarrist kam dann 2013 der erste Schwede ins Line-up. Inzwischen besteht die Band neben Greaves aus Gitarrist Andy Taylor (seit 2018), Bassist Matt Crawford, Live-Schlagzeuger Jordi Farré (beide seit 2021), der schwedischen Sängerin Belinda Kordic (seit 2011) und einigen anderen Musikanten.

Crippled Black Phoenix machen Post Rock, neo-psychedelischen Post Stoner Space Doom, Alternative Rock, Artrock und darüber hinaus verdammt feine, mächtig gewaltig ausgetüftelte Musik. „One Man Wall Of Death“ beginnt mit einer repetitiven, aber schönen Akustikgitarre nebst Gesabbel und Geräuschen, gegen Ende wird es härter, geradezu doomig. Dann wieder Gitarrengeklimper und Gesabbel, bis dann mit „Ravenettes“ der erste richtige Song startet. Und der hat es in sich: Die Gitarren – hier mehr Indierock als Metal – treiben voran und Belinda Kordic singt einen Gesang, dem man sich kaum entziehen kann: Schwermütig, melodisch und irgendwie hypnotisierend mit einer Msp. Garbage. Aber nicht nur Belinda Kordic, sondern auch Joel Segerstedt macht Crippled Black Phoenix gesangsmäßig groß und eigenständig. Hier mal meinen ersten Anspieltipp „No Epitaph/The Precipice“ anspielen: düsterer Düsterrock mit einem Gesang, der nicht nur Gotik, sondern irgendwie auch Blues, Folk oder irgendwas beinhaltet. „Vampire Grave“ bietet ähnliches, aber mit mehr Tempo. Gotik’n’Roll gewissermaßen. Mein finaler Anspieltipp ist „Beautiful Destroyer“, der letzte Song: Auch hier sind CBP wieder ganz weit weg vom Metal und sehr dicht bei den frühen und mittleren (also zwei Jahre später) Fields Of The Nephilim: düster-dräuender Gesang, getragene Harmonien und dezent jaulende Gitarren – soo was Schönes!