Machine Head – Catharsis – Nuclear Blast 2018

Von Matthias Bosenick (05.02.2018)

Was zum Henker…? Auf ihrem neunten Album greifen Machine Head auf die musikalisch schlimmste Zeit ihrer Existenz zurück: die gutverkäufliche, aber kreativ minderwertige NuMetal-Phase zum Jahrtausendwechsel. Statt dem geradlinigen Thrash der ersten beiden und dem progressiven Thrash der zurückliegenden vier Alben gibt’s jetzt wieder gitarrenlastige Popsongs zum Mithüpfen. Und Singalong-Punkrock. Und Powerballaden. Damit keiner sagen kann, es gäbe nichts Neues im Universum der Kalifornier. Wenn das „Catharsis“ ist, hätte man da gern drauf verzichtet. Gut ist immerhin die limitierte Live-DVD als Bonus: Die zeigt, wofür man die Band liebt.

„Catharsis” greift eine Entwicklung des Vorgängers „Bloodstone & Diamonds” auf: Packten Machine Head noch zuvor ihre unendlichen Metal-Ideen in nur wenige, dafür lange und folglich komplexe Tracks, machten sie nun aus jeder Idee einen Song. Das ergibt in Gänze ein Album, das ein vergleichbares Komplexitätslevel beinhaltet wie die drei Brocken davor, auch wenn die einzelnen Stücke aufgrund ihrer Kürze und Eingängigkeit schon den Duft des Pops verströmten, einen angenehmen aber. Strukturell setzt „Catharsis“ das Konzept fort, musikalisch indes ist der Duft des Pop einem Gestank nach Geld gewichen. Auffällig ist, dass zu „Bloodstone & Diamonds“ ein Labelwechsel stattfand, von Roadrunner zu Nuclear Blast – wer weiß, wie viele Finger die dabei im Spiel hatten.

Ein Metal, der groovt, ist ja grundsätzlich nicht verwerflich, im Gegenteil. Machine Head sind eigentlich Meister darin, es mächtig hart krachen zu lassen, die unterschiedlichsten Gesteinsbrocken aneinanderzureihen und trotzdem catchy das Kopfnicken zu bedienen. Das taten Machine Head insbesondere nach der unrühmlichen Anbiederung an den kommerziell erfolgreichen, aber künstlerisch furchtbaren NuMetal, als man sie als seriöser Metal-Hörer eigentlich aufgeben wollte, also ab „Through The Ashes Of Empires”. Das Album bediente nicht nur den Sound, für den man die Band 1994 mit ihrem Debüt „Burn My Eyes” lieben lernte, sondern verschachtelte den Thrash jener Tage zusätzlich und fügte ihm damit noch mehr Wucht bei. Die Fans dankten es ihnen, die Gefolgschaft wuchs. Warum also hält es die Band für erforderlich, nach all dem Zuspruch fürs Unangepasste nun wieder kommerziell zu werden?

Auf „Catharsis“ klingt der Metal zunächst noch ganz okay, aber doch wie nach einer Blaupause gestaltet, selbst die kreischenden Signaturgitarrensounds, die die Band schon seit Anbeginn gelegentlich in ihre Songs einbaut, wirken hier marktschreierisch und wie mit Drag & Drop eingestreut, aber nicht wie Teil einer Komposition. Das steckt man so lang weg, bis die ersten Hüpferhythmen einsetzen, die man wiederum nur so lang für schlimm hält, bis sich die Band plötzlich ein ein Proletengrölpunkgewand hüllt, was nur so lang der Tiefpunkt ist, bis die ersten Balladen ertönen. Da hat man die eingefiedelten Geigen längst schulterzuckend akzeptiert.

Klar, man kann es positiv betrachten: „Catharsis“ ist enorm abwechslungsreich. Man bekommt, wie ein Radiohörer, von allem etwas. Man möchte aber, anders als ein Radiohörer, von allem etwas Gutes haben. Bleibt zu hoffen, dass sich die Band spätestens nach dem nächsten Album besinnt und wieder die Kurve kriegt.

Wie es geht, zeigen Machine Head auf der Live-DVD, die der limitierten CD-Version beiliegt: In mehr als zwei Stunden deckt die Band sämtliche Alben ab und prügelt sich mitreißend, groovend, anspruchsvoll durch ihr Oeuvre. Selbst die Stücke der NuMetal-Zeit fallen nicht unangenehm auf. Mitsingen kann das Publikum auch ohne vordergründige Hittauglichkeit, und dass dem so ist, belegen die Bilder: Das Konzert ist ansprechend gefilmt, es zeigt nicht einfach nur die Bühne aus drei Blickwinkeln, sondern wechselt Perspektiven, Ausschnitte und Standorte und macht das Betrachten zum Erlebnis, das das Zuhören perfekt ergänzt. Wenigstens dafür hat sich also der Erwerb gelohnt.

Live-DVD:

01 Imperium (von Through The Ashes Of Empires, 2003)
02 Beautiful Mourning (von The Blackening, 2007)
03 Now We Die (von Bloodstone & Diamonds, 2014)
04 Bite The Bullet (von Through The Ashes Of Empires, 2003)
05 Locust (von Unto The Locust, 2011)
06 From This Day (von The Burning Red, 1999)
07 Ten Ton Hammer (von The More Things Change…, 1997)
08 This Is The End (von Unto The Locust, 2011)
09 Beneath The Silt (von Bloodstone & Diamonds, 2014)
10 The Blood, The Sweat, The Tears (von The Burning Red, 1999)
11 Phil’s Solo
12 Darkness Within (von Unto The Locust, 2011)
13 Bulldozer (von Supercharger, 2001)
14 Killers & Kings (von Bloodstone & Diamonds, 2014)
15 Davidian (von Burn My Eyes, 1994)
16 Descend The Shades Of Night (von Through The Ashes Of Empires, 2003)
17 Now I Lay Thee Down (von The Blackening, 2007)
18 Take My Scars (von The More Things Change…, 1997)
19 Aesthetics Of Hate (von The Blackening, 2007)
20 Game Over (von Bloodstone & Diamonds, 2014)
21 Old (von Burn My Eyes, 1994)
22 Halo (von The Blackening, 2007)

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