LCD Soundsystem – I Used To (Dixon Retouch)/Electric Lady Sessions – DFA/Columbia 2018/2019

Von Matthias Bosenick (07.03.2019)

Natürlich kann James Murphy nicht stillhalten, und natürlich beschränkt er seine Aktivitäten nicht aufs Labelbetreiben. Mit den vor drei Jahren reaktivierten LCD Soundsystem wirft er nun eine 12“ nach der nächsten auf den Markt und spielte in Jimi Hendrix‘ berühmten Studio einige alte eigene und drei Coversongs neu ein. Bei „I Used To“ ist die B-Seite relevant und bei „Electric Lady Sessions“ sind es eher die Coversongs. Gibt’s beides ausschließlich auf Vinyl, wo nicht als Download.

Für „I Used To“, die dritte 12“ aus dem Comeback-Album „American Dream“, suchte sich Murphy einen DJ namens Dixon als Remixer. Dabei handelt es sich um Steffen Berkhan aus Berlin, der aus dem ursprünglich ungewöhnlich pluckernden Song einen Track macht, der gemütlich vor sich hin beatet und damit eher langweilt, als dass er dem Original spannende Aspekte abringt. Kann man prima zu chillen. Erschien, wie vieles aus dem LCD-Oeuvre, zuvor bereits als Download mit Tracks anderer 12“es. Interessant ist die B-Seite, das 14-minütige „Pulse (V.1)“, das ursprünglich für die LP-Version von „American Dream“ entstand, dort aber nicht mehr aufs Doppel-Vinyl passte und letztlich als Bonus-Download seine Veröffentlichung fand. Die Band improvisiert sich locker mit ihren Gerätschaften in einen munteren Groove, in dem alle ihren Raum finden und der organisch die Stilpalette von LCD Soundsystem abgrast. Ein fröhliches Manifest. Macht bei zwei Songs über 20 Minuten Musik, also eine halbe LP-Länge.

Eine Doppel-LP ergeben die „Electric Lady Sessions“, die zweite Live-im-Studio-Neubearbeitung alter Stücke nach den „London Sessions“ aus dem Trennungsjahr 2010. Vielleicht liegt es am fehlenden Publikum, aber so richtig überspringen will der Funke nicht, da war das Abschiedskonzert „Shut Up And Play The Hits“ weit energetischer, emotionaler, überraschender. Die eigenen Stücke wirken teilweise um ihre Seele betrogen, latent lustlos gespielt sogar. Man vermisst die wilde Vergnüglichkeit, die LCD Soundsystem sich bei ihren Vorbildern abguckten, rund um Talking Heads, Devo oder Chic, die allesamt vormachten, wie handgespielte Tanzmusik kombiniert mit Synthiepop die Massen bewegt, was LCD Soundsystem mit eigenen Mitteln ins neue Jahrtausend transferieren. Die Aufmerksamkeit auf sich ziehen eigentlich nur die gottlob wenigen Sprengsel, mit denen LCD Soundsystem ihr eigenes Werk übertrieben erweitern, mit cheesigen Synthfanfaren an einer oder überambitioniertem Gesang an anderer Stelle.

À propos Chic, bei denen handelt es sich um eine von drei Bands, die LCD Soundsystem auf „Electric Lady Sessions“ covern, und zwar mit „I Want Your Love“. Die anderen beiden Songs sind „Seconds“ von The Human League sowie das sicherlich nicht zufällig gewählte „(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang“ von Heaven 17. Diese beiden Stücke bilden dann auch den eigentlichen Kaufgrund für „Electric Lady Sessions“, weil sie obgleich kaum die Originale nennenswert übertrumpfen, so doch die musikalische Sozialisation Murphys nachzeichnen und belegen, dass LCD Soundsystem zwar alt, aber längst nicht am Ende sind.

Zur lustigen Übersichtlichkeit: Von LCD Soundsystem gibt es vier Studioalben, dazu ein Sonder-Album für Nike sowie ein Remix-Album dazu, ein Live-Album und zwei Session-Alben. Damit ist „Electic Lady Sessions“ quasi das neunte von vier Alben. Ganz abgesehen von diversen Non-Album-Vinyls, die man teilweise nicht mal mehr preisgünstig nachgesammelt bekommt, insbesondere „Christmas Will Break Your Heart“, die Comeback-Single, die vor „American Dream“ herauskam. Viel Spaß!

I Used To:
01 I Used To (Dixon Retouch) 7:00
02 Pulse (V.1) 13:42

Electric Lady Sessions:
01 Seconds 5:09 (von „Dare“, The Human League, 1981)
02 American Dream 6:04 (von „American Dream“, 2017)
03 You Wanted A Hit 7:53 (von „This Is Happening“, 2010)
04 Get Innocuous! 6:17 (von „Sound Of Silver“, 2007)
05 Call The Police 6:40 (von „American Dream“, 2017)
06 I Used To 4:37 (von „American Dream“, 2017)
07 Tonite 5:38 (von „American Dream“, 2017)
08 Home 6:11 (von „This Is Happening“, 2010)
09 I Want Your Love 4:14 (von „C’est Chic“, Chic, 1978)
10 Emotional Haircut 5:16 (von „American Dream“, 2017)
11 Oh Baby 6:06 (von „American Dream“, 2017)
12 (We Don’t Need This) Fascist Groove Thang 4:01 (von „Penthouse And Pavement“, Heaven 17, 1981)

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