Bend The Future – Sounds So Wrong – Tonzone Records 2023

Von Matthias Bosenick (06.06.2023)

Glatt gelogen: „Sounds So Wrong“, behaupten Bend The Future mit ihrem dritten Album, und das trifft mitnichten zu. Hier passiert so viel Unterschiedliches nebeneinander und miteinander, dass man beinahe den Eindruck einer Compilation bekommen könnte, und doch passt alles gut zusammen: Saxophon, Streicherquartett, Synthiepop, harter Rock, Lounge-Jazz, Progrock, Funk, alles davon ausnehmend cool dargeboten, an- und ineinandergefügt, kombiniert, man mag kaum glauben, dass es Bend The Future aus Grenoble erst seit 2019 gibt und dass dies trotzdem bereits ihr drittes Album ist. Klingt langjährig erfahren, abwechslungsreich, horizonterweitert und –erweiternd. Und Eroc hat’s gemastert.

Es geht los mit Saxophon zu flotter angerockter Musik, Gesang setzt ein, alsbald bratzt die Gitarre los, als wären wir irgendwo in Richtung Metal unterwegs, und – es bleibt in den nächsten Dreiviertelstunde bei dieser einen Eruption, obschon die Gitarre fürderhin gelegentlich ihre Präsenz in Erinnerung ruft. Da bekommen andere Elemente Vorrang, gleichrangig: Synthiepop-Flächen, die als Intro eine falsche Fährte vorlegen und das betreffende Stück Lounge-Jazz dann lediglich fluffig untermalen. Ein Saxophon, das den Gesang komplett ablöst. Ein Klimperpiano. Ein Streichquartett. Ein Funk-Lick auf der Gitarre. Ein Sopran-Saxophon, gespielt wie eine Klarinette im Klezmer. Wortlose Chorgesänge mit Melodien wie in der französischen Sechziger-Loungemusik. Chillige Synthiespielereien wie von Air. Schräge, aber flüssige Akkordwechsel wie im Progrock. Alles, das ist zu betonen, dezidiert neben- und nicht chaotisch miteinander, die Dosierung passt. Und unter allem liegt als verbindendes Element ein treibendes, griffiges, forderndes, groovendes Schlagzeug, das trotz der Stilvielfalt in den Tracks den Eindruck von Rockmusik über das gesamte Album ausbreitet. Das zudem über so weite Strecken instrumental gehalten ist, dass man, sobald der Gesang im letzten Stück wieder einsetzt, vergessen hat, dass bereits der erste Song gesungen war, und sich wundert. Auch darüber, dass die Band sich für dieses Album laut Info an der Struktur des Opeth-Doppels „Deliverance“ und „Damnation“ orientiert – nach Death Metal klingt hier nämlich nichts, die Orientierung liegt in der Verteilung von sanft und wuchig.

Also, ausnehmend vielseitig, das Album, jeder Song individuell und in sich variantenreich, alles zusammen ein abwechslungsreich zusammenhängendes Album. Man kann nur staunen, dass das Sextett erst seit vier Jahren existiert und bereits drei Alben und zahllose Singles im Portfolio hat. Und dann noch so ein großes Netzwerk an Unterstützern! Zur Band gehören: Tasteninstrumentalist Samy Chëbre, Schlagzeuger Piel Pawlowski, Bassist Rémi Pouchain, Alt-Saxophonist Pierre-Jean Ménabé, Sopran-Saxophonist Nemo Pawlowski und Gitarrist, Bassist und Sänger Can Yıldırım. Dazu stieß hier das Streichquartett aus Élodie Guillaud Saumur, Maxime Le Tallec, Pierre-Jean Ménabé und Rufus Lawrence, Sängerin Claire Grunenberger sowie Ambientexperte Alban Lejeune. Das Artwork besorgte Egemen Kırkağaç, das Mixing Aufnahmeleiter Matthieu Budin und Bandmusiker Yıldırım sowie das Mastering Grobschnitt-Experte Eroc.

„Sounds So Wrong“? Kein Stück! Man sollte sich auch die Zeit nehmen, sich die beiden Vorgängeralben anzuhören, „Without Notice“, ebenfalls eine Lüge im Titel und mit dem schönen Stinkefinger-Cover, aus dem Jahr 2021 sowie das Debüt „Pendellösung“ aus dem Bandgründungsjahr 2019.