Von Onkel Rosebud
Kurze, klare Antwort: Gab‘ es nicht. Euer Onkel Rosebud. Aber halt, in der DDR gab es eine mittelmäßig interessante und in sich geschlossene Elektromusik-Szene, die mit Techno allerdings nichts zu tun hatte. Die Protagonisten hießen Hans-Hasso Stamer, Reinhard Lakomy, Rainer Oleak, Jürgen Ecke, Wolfgang Paulke, Jörn Kanitz, Julius Krebs sowie Pond (nicht die Psychedelic-Rock-Band aus Australien, dafür die mit dem veritablen Hit „Planetenwind“ von 1982) und fanden beim staatlichen Label Amiga in begrenzten Möglichkeiten Verbreitung. Zumeist waren das Hochschulabsolventen, die inspiriert durch Jean-Michel Jarre oder Tangerine Dream, anfingen Synthesizer zu malträtieren, um nicht zu sagen, ähnlich klingen zu wollen.
Westdeutsche und insbesondere Westberliner Underground-Elektro-Kultur der 80er ist mittlerweile umfangreich dokumentiert. Bei elektronischer Musik aus der DDR wird die Sache schon schwieriger. 2017 erschien ein Sampler mit dem Titel „Magnetband – Experimenteller Elektronik-Underground DDR 1984-1989“ (Bureau B). Darauf finden sich 14 kuriose Stücke mit Titeln wie „Das sentimentale Ufo“ oder „Musik zum Weltuntergang“ von Künstlern wie der Magdalena Keibel Combo oder Ihr Arschlöcher – was vielleicht einer der besten Bandnamen überhaupt ist. Doch den Künstlern des Elektro-Undergrounds ging es nicht um aktiven Widerstand und Protest, sondern vielmehr um Verweigerung mit einem Drang zur Realitätsflucht. Mit viel Zeit, Langeweile und großer Antriebskraft wurde ohne ökonomischen Hintergedanken experimentiert.
„Hätte ich eine Nadel, ich stieße mir andere Augen” singt die Kriminelle Tanzkapelle im Track „Klatschmohn“. „Auf der Straße sterben die Menschen, auf der Wiese steht die Kuh“, schreit Der Demokratische Konsum. Die Songs der DDR-Künstler klingen entrückt und abgedreht, teilweise skizzenhaft. Es scheinen sich vielmehr die Umstände, inneren Zustände und die Einstellung auf den Sound auszuwirken als musikalische Einflüsse. Zur Klangerzeugung wurde alles verwendet, was Töne von sich gab, man spielte, was so rumlag: Keyboard, Mandoline, Bass, Klanghölzer, Tröten, Flöten oder luftgefüllten Gummi.
Auch der Einsatz von Sprache wurde als Stilmittel verwendet, oftmals fragmentarisch, mit Hang zum Absurden. Die Gegenüberstellung des Apokalyptischen und des Banalen war vielleicht eine künstlerische Ausdrucksform dieser Leute, dem drohenden Unheil zu begegnen.
Mit auf dem Sampler befindet sich auch die Gruppierung Ornament & Verbrechen, die auch nach der Wende noch Bestand hatte, ehe daraus To Rococo Rot um die Brüder Robert und Ronald Lippok hervorging. Und um den damals unter dem Pseudonym A.F. Moebius sowie als Mitglied der AG Geige aktiven Frank Bretschneider, Mitbegründer des legendären Labels Raster-Noton und einflussreicher Experimentalelektroniker, geht es in der nächsten Folge.
Onkel Rosebud
P.S.: Reinhard Lakomy war mehr als nur der Klaus Schulze des Ostens. Auch er bekommt noch eine Extra-Folge ab.
