Was Guido gehört hat… im Juli 2026 – Teil 2

Von Guido Dörheide (05.09.2026)

Yard Act – The Waterboys – Cypress Hill

Yard Act – You’re Gonna Need ALittle Music – Island Records 2026

Was „neue Bands“ angeht, halte ich es in etwa mit Geezer Butler: Eine neue Band ist eine Band, die es nicht schon seit 50 Jahren gibt. Daran gemessen sind Yard Act aus Leeds, West Yorkshire, UK tatsächlich eine neue Band: Sie haben sich 2019 gegründet und veröffentlichen mit „You’re Gonna Need A little Music“ ihre bislang dritte Schallplatte (nach „The Overload“, 2022, und „Where’s My Utopia“, 2024), dazu gibt es noch zwei EPs und einen Haufen Siebenzollsingleschallplatten.

Yard Act machen sehr coolen Post Punk, an dem mir zunächst der leicht nasale und ebenso leicht gelangweilt und/oder angepisst klingende Sprechgesang des Sängers mit dem unaussprechlichen, dafür umso unverwechselbareren Namen James Smith auffällt: Assoziationen mit seinem Namensvetter Mark E. Smith von The Fall (jahaa – manchmal hängt Smith sogar – genau wie Smith früher – ein „a“ an jedes Wort hinten dran, es gibt einen komischen Fachausdruck dafür, aber der ist mir gerade entfallen) und mit Jason Williamson kommen da auf, und das sind beileibe keine schlechten Assoziationen. Die Musik ist gitarre-, bass- und schlagzeugorientiert mit wenigen geschickt eingesetzten Keyboards (geschickt eingesetzte Tralala-Formulierung, die alles oder genau nichts besagen kann), alles klingt wenig melodiös, eher durch gut eingesetzten Krach rhythmisch bis hypnotisch, und dazu sabbelt der besagte Mr. Smith irgendwelches manchmal wirre, aber umso interessantere Zeug. Gleich beim ersten Stück „Empty Pledges“ gibt es einen Text gefühlt von der Länge von Poes Raben, den ich nicht verstehe (den Raben schon, den Smith hingegen nicht). Klingt wie ein innerer Monolog, ich habe dazu einen Menschen vor meinem inneren Videoabspielgerät, der hektisch durch eine im Dunkeln neonbeleuchtete Stadt rennt und von Situationen auf ihn eingeprasselt bekommt. Ich weiß nicht, ob ich da richtig liege, aber es fühlt sich schön an. „New Beginnings“ ist da viel gegenständlicher: Ich glaube, es geht darum, sich nicht verstanden zu fühlen und zu glauben, man sei gescheitert, und dann soll man sich halt wieder aufrappeln und neu anfangen. Der Kehrvers „Purge yourself of sin, resist the urge to grin, spend your winnings on new beginnings, breathe deep and take it in“ hat etwas Hymnisches und wird von ebensolchen Bläsern untermalt. Anspieltipp und Ohrwurmgarant in einem.

Auf „Fiction“ verlassen Smith, Ryan Needham (Bass), Sam Shipstone (Gitarre) und Jay Russell (Schlagzeug) die Pfade des Kraches und zeigen, dass sie auch überzeugend funky klingen können. Erinnert rein von den Vibes her an „Hot! Hot! Hot!“ von The Cure. Der folgende Titelsong „You’re Gonna Need A Little Music“ haut tiefer in diese Kerbe und verbindet Disco mit Baxter-Dury-mäßigem beschwingten Geplauder – hier passt vom lockeren Groove über das fröhliche Klavier bis zum Eins-A-Backgroundgesang echt alles.

Der Rest der Platte fällt qualitativ nicht ab: Die Mischung aus Sprechgesang und strukturiertem Krach erfordert an vielen Stellen, dass die Hörenden sich zunächst ein wenig an das gewöhnen müssen, was es hier zu hören gibt (genau genommen wird bei beinahe jedem Song der Stil gewechselt), sorgt aber andererseits dafür, dass es bei jedem neuen Durchlauf neue charmante Details zu entdecken gibt und die Gefahr des gelangweilten Sich-Überhörens gleich Null geht. Mein potenzieller Favorit auf diesem an potenziellen Favoriten nicht eben armen Album: „Redeemer“, ein düsterer Blues, der ein wenig so klingt, als würde eine sehr talentierte Nachwuchspunkband die Black Keys covern.

The Waterboys – Atlantic Rain: The Lost Fisherman’s Blues Recordings – Chrysalis 2026

Die Waterboys – Sie erinnern sich, liebe Lesenden: Die Band, die sich von einer Folk-Rock-Band erst zu einer Big-Music-Band, dann zu einer Celtic-Folk-Band, später zu einer Progressive-Folk-Rock-Band und schließlich zu einer Mike-Scott-macht-worauf-Mike-Scott-gerade-Bock-hat-Band entwickelt hat, veröffentlichte gerade erst im vergangenen Jahr ein großartiges Album über Dennis Hopper und hat auch irgendwie noch nie enttäuscht. Heuer öffnet Mike Scott (oder die Plattenfirma) seine (oder ihre) Archive und schüttet eine Drei-CD/Vinylschallplatten-Box mit haufenweise tollem Material aus der „Fisherman’s Blues“-Ära über uns aus. Gut zwei Stunden wunderschöne Musik, unterteilt in die Abschnitte „Atlantic Rain“, „Indian Summer“ und „Fisherman’s Jam“.

Album Nr. 1 klingt viel nach Big Music („Too Close To Heaven“) und auch viel nach Fisherman’s Blues („Come Back To Galway“) und enthält außerdem eine wundervoll leichtfüßige Coverversion von Woodie Guthrie’s „This Land Is Your Land“.

Album Nr. 2 haut weiter in diese Kerbe und beginnt mit „I Can’t Feel At Home In This World Anymore“, und das hört sich an wie Billy Bragg & Wilco zu „Mermaid Avenue“-Zeiten mit einer Extraportion Schmackes und der Stimme von Mike Scott. Ansonsten wird hier gecovert, dass die Schwarte kracht – beginnend mit „Knockin’ On Heaven’s Door“ – mal ehrlich, bedurfte es einer weiteren Coverversion dieses abgenudelten, wunderbaren Dylan-Originals? Die Antwort ist: Ja unbedingt!!! Weit, weit entfernt von Guns’N Roses und viel näher an Robert Zimmerman aus Duluth, Minnesota, mit Celtic-Folk-Violine, Mandoline und Mike Scotts rauhem Gesang, herrlich – wie His Bobness himself, nur in schön. Dann „Honky Tonkin’“ mit Mike-Scott-Gesang ohne Hank-Williams-Gejodel, sowas Schönes! Dann das Highlight dieses Albums: „No Expectations“ von den Stones mit betörend schönem elektrischem Klavier und einer Intonation, die der eines Mick Jagger nicht nur in nichts nachsteht, sondern dessen Interpretation seines eigenen Songs noch zahlreiche weitere Facetten hinzufügt. Weiters anempfohlen sei Mike Scotts Version von Willie Nelsons „Angels Flying Too Close From The Ground“ – gleichermaßen zerbrechlich und zerdeppernd klingend mit viel Saxofon und swingendem Klavier gegen Ende. So geht es weiter und weiter auf diesem Teil-Album, Mike Scott kann nicht nur keltischen Folk, große Musik und allerley Verschrobenheiten, sondern desweiteren sowohl Country als auch Western.

Auf Album Nr. 3 wird gegniedelt und gefiedelt und ins Saxofon getrötet, dass es teilweise nur so kreischt, dieses Album hat tatsächlich einen Jam-Session-Charakter, der auf verdammt hohem Niveau zusammenfasst, was die Waterboys ausmacht: Rock, haufenweise Folk-Instrumente, Authentizität, Virtuosität und die Stimme von Mike Scott. „Fisherman’s Jam“ gipfelt in einer zweiteiligen, insgesamt 20minütigen Psychedelic-Folk-Version des ollen Beatles-Gassenhauers „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ mit kaum Gesang und umso mehr Jam, und wo Gesang auftaucht, ist er anbetungswürdig und über jeden Zweifel erhaben.

Cypress Hill – Dios Bendiga – HYBE Latin America/Zarpazo Records 2026

Insane in the Brain, ‘coz I‘m loco! Wer hätte Anno 1993 gedacht, dass Cypress Hill, die Marijuana-Werbeträger aus South Gate, CA, USA, heuer immer noch eine Rolle im West Coast Hip Hop spielen würden? Äh, also ich, beispielsweise, da ich seit dem Hammerdurchbruchalbum aus 1993, „Black Sunday“, jedem Nachfolgealbum ausreichend Spielzeit auf dem Abspielgerät gewidmet hatte, um mich von der im Grunde genommen einigermaßen konstanten Qualität der kiffenden Kalifornier zu überzeugen.

Ich muss hier mal dazwischenschmeißen, dass mich diese ganze Haschischverherrlichung und dieses nervige „Ja peace brother endlich wird das nu legalisiert und ich kann mir die Birne weichschmöken so viel und so oft ich will Alter geil ja Freiheit und Bob Marley und so“-Gesabbel in den letzten Jahren ernsthaft richtig auf den Zeiger geht und ich es mehr als einmal miterlebt habe, wie exzessive Kifferei in einer handfesten Psychose endet. Alkohol ist die gefährlichere und volkswirtschaftlich zerstörerische Droge, das weiß ich, aber Cannabismißbrauch wird für meine Begriffe zu wenig thematisiert und zu viel schöngeredet. Also, liebe KrautNickLesenden: Konsumieren Sie, rauchen Sie oder essen Sie meinetwegen Kekse, trinken Sie ab und an ein gepflegtes Glas Balistol Spritz, Guinness oder andere anregende Erfrischungsgetränke, aber übertreiben Sie es nicht und lassen Sie, wenn substanzeninduziert, um Himmels Willen die Hände vom Steuer! Was jetzt nicht heißt, dass Sie freihändig fahren sollen. Muss man Ihnen eigentlich alles haarklein vorkauen, um nicht falsch verstanden zu werden? Himmelherrgott, zurück zum Thema: Cypress Hill, die durch B-Real (Vater Mexikaner, Mutter Kubanerin mit afrikanischen Wurzeln) und Sen Dog (kubanischstämmiger US-Amerikaner) sehr hispanic-geprägt sind, veröffentlichen mit „Dios Bendiga“ („Gott segne Dich“) tatsächlich ihr erstes spanischsprachiges Originalalbum. Zuvor hatten sie 1999 auf dem wunderbaren „Los grandes éxitos en español“ ihre größten Hits auf Spanisch vorgetragen. Hier bekommen wir es nun mit Songs zu tun, die von vornherein auf Spanisch geschrieben wurden. B-Real musste sich die korrekte Aussprache einiger Ausdrücke dafür erstmal aneignen, logisch, schließlich ist er American-Englisch-Muttersprachler. Und die spanische Sprache steht dem Hip Hop von Cypress Hill prächtig zu Gesicht (was kaum verwundert, den mit hispanischen Einflüssen haben die Kalifornier auf ihren Alben nie großartig hinter dem Berg gehalten). Es klingt alles wie aus einem Guss, die für meine Begriffe (ich bin kein Hip-Hop-Sachverständiger, daher kann diese Rezension Spurenelemente von Banausentum enthalten) schöön oldschoolmäßige Cypresshillmusik mit ihren trockenen und wuchtigen Beats und B-Reals nasalem Genäsel bekommt durch die neue Sprache viel Authentizität und neue Frische implantiert (ja hihi Geniestreich – „neue Frische“ – schriebe man sowas im Kontext von Deutschrap, ohohoho, gar nicht auszudenken, aber auch gar nicht denk- oder vorstellbar) – „Dios Bendiga“ ist gut, macht Laune und ich beneide meine Töchter, die Spanisch in der Schule lernten bzw. noch lernen und die Texte verstehen können.